Sie stehen hinter dem Schweizer ESC-Song Jetzt starten Heinz Günthardts Kinder durch

Mit «Apollo» geht die Schweiz zum Eurovision Song Contest. Die Kinder von Tennis-Pionier Heinz Günthardt haben das Lied geschrieben. Aber Alessandra und Nicolas wollen mehr.
Timebelle Apollo ESC Lyrics mit Alessandra Günthardt Musik
© Adrian Bretscher

Alessandra und Nicolas Günthardt leben in Stockholm.

Liebe kennt keine Grenzen. In diesem Fall aber schon. Selbst wenn es um enge Familienbande geht. «Nein, du berührst die Saiten besser nicht. Und halt die Gitarre gerade!», sagt Nicolas mit einem Anflug von Lächeln zu seinem Vater. Heinz Günthardt, 58, trägt den halb ironisch gemeinten Seitenhieb mit Fassung. Er ist zwar ein engagierter Hobby-Gitarrist. Aber fürs Konzert mit seinen Kindern reichts nie und nimmer. «Nicht mal an Weihnachten darf ich. Dann erst recht nicht», sagt Günthardt und lacht.

Nicolas, 22, und seine Schwester Alessandra, 26, sind begnadete Musiker. Da spielt der Papa nicht einmal die zweite Geige – oder eben die dritte Gitarre. Nicolas greift in die Saiten, Alessandra setzt mit ihrer Stimme ein. Jetzt sind sie hier und doch weit weg. In ihrem eigenen Universum. Kungsholmen, ein Quartier in Stockholm. In einem grossen Mietshaus führt die Treppe hinunter in einen dunklen Schlund. In diesen Übungskeller. Ab da geht es nur gebückt vorwärts. Die Decke hängt tief ins Genick. Ein Schlagzeug, ein Piano, Verstärker, an der Decke Eierkarton und an der Wand eine Reihe teurer Gitarren.

«Apollo» ist Alessandras und Nicolas' Song

Tag für Tag sind Alessandra und Nicolas hier unten. Oft bis weit in die Nacht hinein. Komponieren und produzieren Songs, schreiben Texte. Mal für sich selbst, mal für andere. «Es ist ein sehr einsamer Job im Keller», sagt Nicolas. «Also ist es wichtig, dass du Leute dabeihast, die du richtig magst. Und ich mag meine Schwester. Zum Glück.»

Timebelle Apollo ESC Lyrics mit Alessandra Günthardt Musik
© Adrian Bretscher

Heinz Günthardt im Tonstudio seiner Kinder Alessandra und Nicolas.

Schon als Teenager machen sie Musik. Jetzt leben sie davon. Mal besser, mal schlechter. Und doch scheinen nun ein paar entscheidende Dinge zusammenzukommen. «Apollo» heisst der Song, mit dem die Band Timebelle die Schweiz am Eurovision Song Contest im Mai in Kiew vertritt. Es ist Alessandras und Nicolas’ Song! «Ein Erfolg auf Umwegen», sagt Alessandra. «Wir haben die erste Version vor über drei Jahren geschrieben und dem ESC-Ausrichter in Aserbaidschan angeboten. Sie wollten ‹Apollo›, aber fanden keinen passenden Interpreten.»

Dass das Lied letztlich in der Schweiz landet, hat mit Zufall zu tun – und mit Alessandras Erfolg. Im Frühsommer 2016 schickt sie ihre Ballade «If I Was Brave» für den Wettbewerb zu den Denniz Pop Awards ein, dem bedeutendsten schwedischen Musikpreis. Aus 3000 Einsendungen wird sie nicht nur nominiert, sondern gewinnt damit auch den Nachwuchspreis. «Es war ein Schock, dass ich gewann. Denn in Schweden ist die Konkurrenz riesig. Plötzlich rief jemand vom Schweizer Fernsehen an und sagte: ‹Wir lieben deine Stimme.› Sie wollten, dass ich als Künstlerin beim ESC mitmache. Ich trat aber lieber als Songwriterin auf. Also sandte ich ein paar Songs ein. Und auf Umwegen hörte Timebelle den Song ‹Apollo›.»

Alessandra und Nicolas sind unbelastet von den Erfolgen ihres Vaters. Die liegen lange zurück. «Auch unsere Schulfreunde zuckten mit den Schultern, wenn wir ihn erwähnten.» Dabei war Heinz Günthardt in den 80ern immerhin die Nummer 22 der Welt, Gewinner des Männerdoppels in Wimbledon und Roland Garros. Später Coach von Steffi Graf, heute Fedcup-Captain, SRF-Kommentator. Als er am Morgen aus Südschweden in die Maschine nach Stockholm steigt, hat er eine dicke Tasche dabei. Keine Rackets. «Ich musste so viele Platten mitbringen. Die Kinder hören wieder Vinyl!» Die Währung der jungen Günthardts hat nichts mit Schläger und Bällen zu tun. Sie dreht sich im Kreis.

Die Musik hat für die Geschwister Priorität

Die Familiengeschichte ist alles andere als Schweizer Durchschnitt. Alessandra, Nicolas und die ältere Schwester Michaela, 30, verbringen die ersten Jahre der Kindheit in Monaco, besuchen die internationale Schule. Später kaufen die Eltern ein Sommerhaus in Südschweden, auch weil es Heinz’ Frau Cecilia in ihre frühere Heimat zurückzieht. Dann kommt die Musik. Mit neun bringt sich Nicolas das Gitarrespielen bei, mit zehn, in einem Alter, in dem andere gerade die Schlümpfe hinter sich gelassen haben, hört und spielt er Jimi Hendrix, Bob Dylan, Stevie Ray Vaughan. Weltschmerz statt Ententanz. «Weil ich mit Gitarre begann, inspirierten mich erst Gitarrenspieler, dann die Singer-Songwriter», sagt Nicolas. Alessandra fügt an: «Er war früh schon sehr gut. Heute spielt er fünf Instrumente, als ob es nichts Einfacheres gäbe.» Nicolas ist zwar auch ein talentierter Tennisspieler und gewinnt mit zwölf die schwedische Doppelmeisterschaft. Aber zu dieser Zeit verzaubert er mit seiner Gitarre schon wie ein Erleuchteter. Die Musik hat für Nico und seine Schwester Priorität. Alessandra besucht die Musikschule in Stockholm, zieht mit 18 alleine für ein Jahr nach Berlin. Mit 19 bereist sie mit zwei Freundinnen ganz Europa, spielt Musik auf den Strassen, finanziert sich so den Trip. Auch Nico stösst in Südfrankreich dazu. «Sie haben nicht nur Dinge geträumt und darüber geredet, sie haben es gemacht», sagt ihr Vater. «Das hat mir imponiert. Mit 18 lebten alle selbstständig.»

Heute ist die Karriere für die Doppelbürger ein Flickwerk. Gewisse Dinge machen sie zusammen, andere getrennt. Sie schreiben und produzieren für verschiedene Musiker und für sich selbst. «Das Härteste ist, dass wir für so viel Arbeit nicht bezahlt werden», sagt Alessandra. «Wir machen vieles auf gut Glück. Und du musst ständig produktiv sein, dich mit Leuten treffen. Manchmal kannst du gar nichts schreiben, dann wieder fliesst es plötzlich.» Das Thema Geld beschäftigt sie. Computer, Gitarren, Strings, die Reisen. «Das kostet einen Haufen Geld. Und bislang zahlt es sich nicht aus.» Trotz dem Nachwuchspreis, trotz dem Gewinnersong für «Swedish Idol».

Doch es scheint, die Leidenszeit hat ein Ende. Ihre erste Single «Your River» ist auf dem Musikstreaming-Dienst Soundcloud. Die Kritiker in den Musikblogs überschlagen sich. «Sie singt wie eine Woge von brillanter Pracht», oder «die unglaublich hohen Noten würden selbst Kate Bush Gänsehaut machen». Diese Woche erscheint «Your River» auch auf Spotify. Es ist ein kleiner Schritt. Um aus dem kreativen Prozess, «der aus dem Drama und der Langeweile des Tages besteht», eine Existenz zu ermöglichen. Der Sound des Lebens kommt erst noch.

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