«Nicht nur reden - auch liefern!» SRF-Experte Peter Knäbel über das WM-Aus der Schweiz

Ohne offensive Inspiration keinen Schritt vorwärts. Für Peter Knäbel hat das Scheitern der Schweizer an der WM Logik. Doch der TV-Experte von SRF sieht dennoch Hoffnung für die Zukunft.  
Peter Knäbel
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TV-Experte Peter Knäbel sieht für die Schweiz dank Spielern wie Elvedi oder Akanji gute Perspektiven.

Er ist profunder Fussball-Techniker und Stratege. Als Aktiver einst auch in St. Gallen und Winterthur tätig, legt er in Basel zwischen 2006 und 2009 als Nachwuchschef die Basis zur breiten Talentförderung. Danach steht Peter Knäbel als Technischer Direktor des Schweizerischen Fussballverbandes am Regiepult der sportlichen Entwicklung auf allen Stufen.

Heute arbeitet der 51-jährige Deutsche als Technischer Direktor für Entwicklung beim Traditionsverein Schalke 04. In der Schweiz sieht man ihn als SRF-Experten bei Champions-League-Spielen sowie während der WM in Russland im Einsatz. Nach dem Out des Petkovic-Teams in St. Petersburg sagt er unmissverständlich: «Die Schweiz muss liefern.»

Peter Knäbel, die Schweiz verliert gegen Schweden. Eine grosse Chance leichtfertig verpasst?
Ich weiss nicht, wie gross die Chance wirklich war. Die Schweden sind ein extrem schwieriger und taktisch hervorragend geschulter Gegner. Wir sahen in diesem Achtelfinal zwei Mannschaften auf Augenhöhe, aber mit unterschiedlichen Strategien. Die Schweden stellten die Räume zu und blockten die gegnerischen Angriffe ab. Die Schweizer suchten ihr Heil in den spielerischen Mitteln. Leider ohne Erfolg.

Immer war ein schwedisches Bein oder ein Körper im Weg. Die Schweden haben sich ihren Vorteil quasi erblockt.

Der designierte Spielmacher Granit Xhaka blieb vieles schuldig.
Die Schweizer verstanden es nicht, aus der Überzahl im Mittelfeld Vorteile zu ziehen. Xhaka und Dzemaili hatten nie den erhofften Einfluss aufs Geschehen. Und je länger die Partie dauerte, desto mehr schien sich der Gedanke im Schweizer Team festzusetzen, dass man kein Tor erzielen kann. Die einzige Ausgleichschance bot sich durch den Kopfball von Seferovic in der Schlussphase – als Petkovic auf zwei Stürmer umgestellt hatte. Aber dann war der schwedische Keeper Olsen zur Stelle.

Jan Sommer
© AP

Ende aller Träume Akanji (2. v. l.) lenkt Forsbergs Schuss an Sommer vorbei ins eigene Tor. 1:0 für Schweden.

Hat Trainer Petkovic auf die falsche Taktik gesetzt?
Aus der Distanz wirkte es, als würden die Schweizer auf dieselbe Stilsicherheit und Systemtreue setzen, die sie während der Qualifikationsphase und in den ersten beiden WM-Spielen gegen Brasilien und Serbien ausgezeichnet hatte. Doch dann trafen sie auf einen Gegner, der alles abwehrte – und auch auf das nötige Wettkampfglück zählen konnte. Die Schweizer schossen gefühlt 50-mal in Richtung schwedisches Tor, 48-mal wurden sie abgeblockt. Immer war ein schwedisches Bein oder ein Körper im Weg. Die Schweden haben sich ihren Vorteil quasi «erblockt».

Allzu schwer wurde es ihnen aber auch nicht gemacht.
Kann man sagen. Den Schweizern fehlte die Inspiration bei Standards. Rodríguez konnte ungefähr zehn Eckbälle von der linken Seite treten – richtig gefährlich wurde es nie. Die Schweden dagegen schossen einmal aufs Schweizer Tor. Der Ball wurde abgefälscht – und er landete im Netz. Ein Zufall war die Entstehung des Treffers aber nicht. Denn die Schweizer spielten nicht fehlerfrei. Und letztlich waren sie nicht gut genug, um gegen Schweden ein Tor zu erzielen.

Man muss aber auch ganz klar festhalten: Die Schweiz verfügt über keine Nummer 9, die in einer der Top-5-Ligen Europas regelmässig spielt.

Sie sprechen das grösste Manko an. Weshalb fehlt der Schweiz fast traditionshalber ein Goalgetter?
Ich hatte nach dem Costa-Rica-Match gehofft, gegen Schweden würde Josip Drmic diese Rolle spielen. Daraus wurde leider nichts. Josip fehlt nach seiner Verletzungszeit wohl auch das letzte Selbstvertrauen. Man muss aber auch ganz klar festhalten: Die Schweiz verfügt über keine Nummer 9, die in einer der Top-5-Ligen Europas regelmässig spielt. Die letzte Nummer 9 von internationalem Format war Alex Frei – und davor war es Stéphane Chapuisat.

Zum dritten Mal ein Aus auf ärgerliche Weise im Achtelfinal. Ist dies aus den Köpfen wegzukriegen?
Ich habe im Vorfeld des Spiels zu meinen Kollegen gesagt: Heute kann die Schweiz Sportgeschichte schreiben. Die Erwartungen waren überall hoch. Und jedes Mal, wenn die Erwartungen nicht erfüllt werden, bleibt davon etwas hängen. Früher oder später müssen wir aufhören, davon nur zu reden – sondern liefern.

Valon Behrami Lara Gut Schweizer Nati Paar
© Keystone

Wenigstens ein Trost: Skistar Lara Gut nimmt ihren Schatz Valon Behrami nach dem WM-Out in den Arm.

Der «Tages-Anzeiger» titelte vor dem Spiel: «Endspiel für eine Generation». War das die letzte Chance, Geschichte zu schreiben?
Eine WM ist für jeden Spieler ein Meilenstein und ein Moment, an dem es Bilanz zu ziehen gilt. Spieler wie Dzemaili, Behrami oder Lichtsteiner sind in einem Alter, in dem der Rücktritt aus der Nationalmannschaft ein Thema sein könnte. Gerade im Fall von Lichtsteiner hoffe ich aber nicht, dass dies der Fall ist. Die Schweiz braucht die Kämpfer- und Leader-Qualitäten des Kapitäns. Dies wurde umso deutlicher, als Lichtsteiner als emotionale Lokomotive gegen Schweden fehlte. Die Schweizer Mannschaft in dieser Zusammensetzung wird man an einer Endrunde aber wohl nicht mehr sehen. Doch wenn ich schaue, wer nachkommt – Spieler wie Elvedi, Sow oder Akanji –, bleibe ich optimistisch.

Generell kann man sagen: Wer zu viel Energie auf Nebenschauplätzen verpufft, hat es an einem grossen Turnier schwer.

Wir sprechen von der Generation, die 2009 U17-Weltmeister wurde. Weshalb reicht es auf höchster Stufe nicht?
Junioren-Nationalmannschaften sind letztlich Jahrgangsauswahlen. Bei den A-Teams und den grossen Klubmannschaften macht es die richtige Mischung aus. Nehmen wir das Beispiel des FC Basel. Der war damals am stärksten, als sich die Rückkehrer Frei, Huggel und Streller mit der jungen Generation um Xhaka, Shaqiri und Stocker zusammenfanden. Auch die Mischung in der aktuellen Schweizer Nati stimmte. Deshalb denke ich, dass das Team in Russland klar unter Wert geschlagen wurde.

Lionel Messi Fussball-WM 2018
© AFP

Machtwechsel: Stars wie Messi (l.) werden von Newcomern wie Mbappé abgelöst. Der Argentinier ist 31, der Franzose 19.

 
 

Grundsätzlich fällt an der WM auf, dass viele Favoriten Probleme haben. Wo sehen Sie die Gründe?
Man muss die Fälle einzeln betrachten. Wer, wie Spanien, zwei Tage vor Turnierstart den Trainer auswechselt, schafft sich ein gravierendes Problem. Deutschland litt in der Vorbereitung auch unter der Geschichte mit Özil und Gündogan. Bei Argentinien schien die Beziehung zwischen Spielern und Coach nicht zu stimmen. Generell kann man sagen: Wer zu viel Energie auf Nebenschauplätzen verpufft, hat es an einem grossen Turnier schwer.

Die Trends setzen weiterhin die Grossen, aber die bleiben bisher vieles schuldig.

Die Aussenseiter verteidigen immer besser. Wird das Siegen für die Grossen schwieriger?
Ich sehe das Ende des Mittelfeld-Pressings – weil die Mannschaften ein Mittel dagegen gefunden haben. Zieht sich ein Team dagegen zurück und verteidigt tief, wird es für den Angreifer schwierig. Spanien gegen Russland oder Argentinien gegen Island fanden kein Mittel. Oft können nur hohe Bälle helfen – und da bekommt auch ein Lionel Messi Probleme.

Das tönt nicht nach Spektakel für die Zukunft.
Die WM in Russland ist sicherlich kein Quantensprung in Sachen Offensivspektakel. Ich würde aber auch nicht von einem Zwergenaufstand sprechen. Die Aussenseiter wirken besser, weil sie die Favoriten aufhalten. Das liegt aber an den vermeintlich Grossen. Würden die ihr Potenzial entfalten, sähen wir viel attraktivere Spiele. Die Trends setzen weiterhin die Grossen, aber die bleiben bisher vieles schuldig. Und selbst ein Neymar sorgt bisher mehr mit seiner Schauspielerei als mit seiner Spielkunst für Aufsehen.

Was halten Sie vom Videobeweis?
Der ist einer der ganz grossen Fortschritte des Turniers. Ich kann mir vorstellen, dass er jenen Entwicklungsschritt darstellt, der am stärksten haften bleibt. Das Spiel wird gerechter – aber der Schiedsrichter behält trotzdem den Ermessensspielraum.

Wie fühlt es sich für Sie als Deutschen an, dass Ihre Mannschaft erstmals schon nach der Vorrunde heimreisen musste?
(Lacht.) Wenn ich von «wir» spreche, meine ich mittlerweile ja eher die Schweiz. Bei Deutschland muss mehr als ein kleines Problem vorliegen, wenn man sang- und klanglos in der Vorrunde scheitert. Ich finde es aber richtig, dass man Joachim Löw das Vertrauen ausspricht. Der erfolgreichste Trainer der deutschen Geschichte hat sich die Chance verdient, den Schaden zu korrigieren. Es wird für ihn aber eine Herkulesaufgabe, den Drive wieder in die Mannschaft zu tragen, von dem er während seiner ganzen Amtszeit gelebt hat.

Last but not least: Wer wird Weltmeister?
Ich habe ein Flair für die Südamerikaner. Und eigentlich müsste ich Brasilien als Titelkandidaten nennen. Aber von der Art und Weise, wie sich das Team präsentiert, hat es den Pokal noch nicht verdient. Uruguay dagegen ist eine hochinteressante Mannschaft. Sie verfügt über eine sehr solide Verteidigung und über ein Weltklasse-Sturmduo. Bleiben die Leistungsträger gesund, könnte es weit reichen. Und Frankreich schliesslich hat ein sensationelles Umschaltspiel.

(Anmerkung der Redaktion: Zum Zeitpunkt des Interviews war Uruguay noch im Rennen. Am Freitag schied die Mannschaft im Viertelfinal gegen Frankreich aus.)

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