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Der SVP-Politiker im grossen Klima-Interview

Ueli Giezendanner: «Erdöl verbrennen ist Sünde»

Fuhrunternehmer Ueli Giezendanner schimpft gegen die «Klimahysterie». Der Aargauer SVP-Nationalrat fährt aber auch der Armee und den SBB an den Karren. Er schwört auf den Wasserstoffmotor. Und heizt selber mit Holz.

Ueli Giezendanner
Am Steuer: Dieses Postauto der Schweizer Reisepost am Gotthard von 1944 hat in Giezendanners Sammlung einen besonderen Platz: «Es ist ein Geschenk meiner verstorbenen Frau.»  Remo Naegeli

Ueli Giezendanner, wie ist Ihnen der letzte Sommer eingefahren? 
Wunderbar. Es war ein herrlicher Sommer. Ganz nach meinem Geschmack. Von mir aus kanns ruhig so weitergehen.

Aber als Container-Unternehmer kann es Ihnen ja nicht gleich sein, wenn die Schiffe wegen zu niedrigem Wasserstand nicht fahren können.
Genau das war sehr gut fürs Geschäft. Wegen des niedrigen Wasserstands im Rhein musste viel mehr Ware mit Containern auf der Bahn transportiert werden. Das ist gut für uns. Wenn die Deutsche Bahn nicht so langsam reagiert hätte, hätten wir im Hitzesommer noch viel mehr Ware auf die Bahn bringen können. 

Privat geniessen Sie das warme Wetter, und geschäftlich profitieren Sie offenbar auch. Verkennen Sie da nicht den Ernst der Lage? 
Nein, überhaupt nicht. Ich bin auch kein Klimaleugner. Ich war letzten Sommer am Aletschgletscher und habe gesehen, dass es wirklich Veränderungen gibt. Aber was jetzt abgeht, ist eine Klimahysterie. 

Der von Ihnen besichtigte wahn-sinnige Gletscherschwund ist doch Alarmzeichen genug. Oder finden Sie, der Klimawandel habe nichts mit uns Menschen zu tun? 
Nein. Aber der Mensch kann viel weniger beeinflussen, als wir denken. 96 Prozent des CO2 produziert die Natur selbst. Ich negiere das Artensterben nicht. Aber das gibt es seit Menschengedenken. Grönland war früher mal eine grüne Insel und ist heute von Eis bedeckt. Jetzt wird sie vielleicht wieder grün. 

Wieso stehen Sie dann zu Hause stundenlang an der Bandsäge und machen Holz für Ihre Schwedenöfen in Rothrist und im Ferienhaus im Tessin parat? Wenn der Mensch sowieso nicht fürs Klima verantwortlich ist, können Sie ja weiterhin bequem mit Heizöl Ihr Haus erwärmen. 
Ein wenig ist der Mensch schon verantwortlich. Darum leiste ich auch privat einen Beitrag. Denn Holz ist eine erneuerbare Energie. Das ist besser, als Erdöl zu verbrennen und Sonnenkollektoren auf dem Dach, deren Herstellung auch problematisch ist. Darum habe ich hier in Rothrist in meiner Wohnung über dem Zeughaus insgesamt sechs Holzöfen stehen.

Ueli Giezendanner
Im Wohnzimmer: «Es ist ein Skandal, wenn die Armee Fahrzeuge beschafft, die achtmal mehr CO2 und Feinstaub in die Luft schleudern als jeder neue LKW.»  Remo Naegeli

Zu Hause setzen Sie auf Holz und Wärmepumpe, um so wenig Heiz-öl wie möglich zu verbrauchen. Und im Fuhrunternehmen fahren Sie mit Hunderten von Diesel-LKWs rum. Das ist doch Heuchelei! 
Nein, überhaupt nicht. Ich tue alles, um schonend mit der Ressource Erdöl umzugehen. Denn Erdöl braucht es für vieles, an das wir nicht denken. Zum Beispiel auch für Medikamente. Darum bin ich für erneuerbare Energien wie Holz oder Wasser. Ich finde es eine Sünde, Erdöl für die nachfolgenden Generationen sorglos für den Verkehr zu verbrennen. 

Wie bitte? Haben Sie die Seite gewechselt?
Nein, überhaupt nicht! Darum fahre ich ja seit Jahren auch privat nur Diesel. Weil er viel bessere Verbrauchswerte hat als Benzin. Zornig bin ich auf die Autokonzerne, die Computerprogramme geschaffen haben, um Abgastests zu manipulieren. Das hat das Image des Diesels zu Unrecht beschädigt. Jeder Euro-6-Diesel ist besser als jedes rumfahrende Elektroauto. Nur schon die Batterieherstellung, die den armen Ländern die dafür notwendigen Rohstoffe wegnimmt, ist ein Umweltskandal. Die Herstellung einer Tesla-Batterie verbraucht so viel Ressourcen wie ein Diesel für 200 000 Kilometer.

Ich bin für eine effiziente und saubere Armee

Diesel als grüne Alternative für die Umwelt? 
Nein. Das ist für mich ganz klar der Wasserstoffmotor. Die Ressource Wasser haben wir, und man kann dafür auch gebrauchtes Wasser nehmen, und der Wasserdampf kommt in den natürlichen Kreislauf zurück. Ich bin überzeugt, die Giezendanner-LKWs der Zukunft werden in zehn Jahren mehrheitlich wasserstoffbetrieben sein. Ich rede auch nicht jedem Dieselmotor das Wort, sondern sage, dass die neuste Generation Euro 6 viel besser ist als früher. Umso skandalöser finde ich es, dass unsere Armee für den Hunderte Millionen schweren Duro-Fahrzeugkauf eine Ausnahmeregelung durchgestiert hat, wonach für die Duro-Fahrzeuge die Euro-3-Norm genügt. Das ist staatlich geförderte Umweltverschmutzung. 

Jetzt kritisieren Sie auch noch die Armee?
Ich bin für eine effiziente und saubere Armee. Aber Ueli Maurer hat wenig im VBS zustande gebracht und Guy Parmelin gar nichts. Deshalb setze ich grosse Hoffnungen in Viola Amherd, die ich auch gewählt habe. Ich hoffe sehr, dass sie die umweltschädliche Duro-Beschaffung noch mal überprüft. Es ist ein Skandal, wenn die Armee Fahrzeuge beschafft, die achtmal mehr CO2 und Feinstaub in die Luft schleudern, als dies heute jeder neue LKW tut. Zusammen mit Rot-Grün war ich im Parlament gegen diese Euro-3-Ausnahmeregelung für den Duro-Kauf. Die FDP hingegen, die jetzt plötzlich den Umweltschutz entdeckt, war für diese umweltschädliche Regel.

Ueli Giezendanner
Im Estrich: «Ich heize mit Holz»: Ueli Giezendanner, 65, sägt den selbst gefällten Nussbaum vom Garten an der Bandsäge zu ofengerechten Stücken.  Remo Naegeli

Trotzdem malen Sie eine idyllische Zukunft: Warme südländische Sommer und Wasserstoffautos, die den Verkehr nicht mehr mit CO2 belasten. Wie sollen diese Wasserstoffautos je die herkömmlichen Autos ersetzen ohne staatliche Vorschriften, ohne eine effektive Klimapolitik?
Wie in der Kindererziehung. Nicht mit Verboten, sondern mit Anreizen. Zum Beispiel ein Jahr keine Motorfahrzeugsteuer für Wasserstoffautos.

Sie kommen gerade aus Mexiko zurück. Kein schlechtes Gewissen wegen Ihres Kerosinverbrauchs? 
Nein. Diese Flüge kosteten ein paar tausend Franken. Das ist okay. Ich will die Welt auch bereisen können. Aber tatsächlich haben die Klimajugendlichen da teilweise recht. Es gibt beim Fliegen ein Problem. Wir wollen mit meiner Schwiegermutter noch mal nach Wien. Mit der Swiss kostet es weniger als 100 Franken, mit der Bahn 1. Klasse etwa 300 Franken. Die Billigfliegerei auf kurzen Strecken macht nicht immer Sinn.

Auch eine Steuer bringt nichts

Also sind Sie für eine Kerosinsteuer.
Nein. Die Bahn muss auf diesen Strecken einfach konkurrenzfähiger werden. Es braucht etwas gegen die billige Nahverkehrsfliegerei. Aber eine Flugticketabgabe von 30 Franken, wie es die Grünen wollen, hält niemand vom Fliegen ab. 

Zur Umsetzung der Alpeninitiative wurde die LSVA geschaffen. Sie hat das Schweizer Transportgewerbe modernisiert. Braucht es nicht etwas Ähnliches im Flugverkehr? 
Leider bringt auch eine Steuer nichts, die LSVA hat eine Strukturbereinigung gebracht, die Grossen wurden grösser, viele Kleinbetriebe gibt es nicht mehr. Eine Verkehrsverlagerung gab es nicht. Ich frage mich aber, ob es nicht restriktivere Nahverkehrslanderechte bräuchte. 

Reden wir über die Zukunft des Transports. Bringt die Digitalisierung weniger Verkehr?
Im Moment stelle ich das Gegenteil fest. Die Gütermengen werden stets kleiner, aber hochwertiger. Um Lagerkosten zu sparen, kauft man zum Beispiel nicht mehr einen Tank voller Leim, sondern nur noch so viel, wie der Käufer für den Auftrag wirklich braucht. Das heisst, unser Tankcontainer ist dann nur teilweise beladen. Auch wenn wir alles dagegen tun, es gibt mehr nicht ausgelastete Fahrten, nicht weniger. 

Ueli Giezendanner
Aargauer SVP-Nationalrat schwört auf den Wasserstoffmotor. Remo Naegeli

Dann ist Cargo sous terrain die Lösung? 
Das wäre nur gut für Paletten-Transporte, also für Migros und Coop usw. Aber Kies, Stahl usw. wird man nie unterirdisch verfrachten können. Ich glaube nicht daran. So schön es tönt. So ein unterirdisches Tunnelsystem nur für Paletten-Frachten ist viel zu teuer. 

Dann brauchen wir noch mehr Strassen.
Nein, das glaube ich trotzdem nicht, aber bestehende Infrastrukturen sollen ausgebaut werden. Ringautobahnen bei grossen Städten allerdings müssen realisiert werden. Die Lastwagen fahren in Zukunft dichter aufeinander. Ein LKW-Fahrer steuert nebst seinem LKW digital noch vier weitere, unbemannte hinter sich. Damit wird der Strassengüterverkehr noch konkurrenzfähiger zur Bahn. Die Zukunft des Güterverkehrs auf der Bahn steht auf dem Spiel. SBB Cargo muss dringend reagieren.

Aber Sie setzen doch auf die Bahn?
Ja, im Containerverkehr verladen wir jährlich etwa 15 000 Bahnwaggons und verhindern so 30 000 LKW-Fahrten. Aber auch hier müssen SBB und DB weiter investieren und internationale Bahngüter-Rennstrecken bauen.

Und im Personenwagenverkehr, der nimmt doch sicher auch wegen der digitalen Carsharing-Möglichkeiten ab?  
Nein. Im Gegenteil. Weil es keinen Führerausweis mehr braucht, wird die Digitalisierung des Autoverkehrs – abseits der heute schon überfüllten SBB-Rennstrecken – sicher mehr Leute von der Bahn auf die Strasse zurückbringen. Auch hier kommen die SBB also unter Druck. Und ich bin mir nach dem Bombardier-Debakel nicht sicher, ob SBB-CEO Andreas Meyer kreativ genug ist, um das Rad noch herumzureissen. 

Von Werner De Schepper am 16. März 2019