Zu Besuch auf dem Waffenplatz Thun Bundesrat Guy Parmelin probt den Ernstfall

Er macht mobil: Bundesrat Guy Parmelin bringt auf dem Waffenplatz Thun Deutschschweizer Soldaten ins Stottern. Warum ihn das nicht stört. Was er über Machosprüche denkt. Und wie er für Olympia weibelt. 
Guy Parmelin
© Kurt Reichenbach

Treffsicher: Guy Parmelin, der in der Armee «nur» den Grad eines Korporals erreichte, erweist sich als guter Schütze.

Schüsse im Schnee! Im Wald bei Thun Allmendingen BE proben die Soldaten des Logistik-Bataillons 51 den Ernstfall – und stehen schon am Tag nach ihrem Einrücken unter besonderer Beobachtung: Bundesrat Guy Parmelin, 58, ist auf Truppenbesuch! «Mais oui», sagt er, «ich will auch mal schiessen.» Parmelin greift zum Sturmgewehr, muss zweimal überlegen, wo er den Kolben ansetzen soll, dann: Peng, peng, peng! Drei Schüsse – drei Treffer!

Guy Parmelin
© Kurt Reichenbach

Bei seinem Besuch spielt Verteidigungsminister Guy Parmelin einen Autofahrer, der von einem Soldaten kontrolliert wird.

Herr Bundesrat, der Sohn von Co-Chefredaktor Werner De Schepper ist 18 Jahre alt. Er will Zivildienst machen.
Eine schlechte Idee! Der Bundesrat hat schon mehrmals darauf hingewiesen, dass der Armeebestand sichergestellt sein muss. Die hohe Zahl der Abgänge aus den Wiederholungskursen macht mir Sorgen.

Aber wenn wir beobachten, wie die Soldaten hier im Wald die meiste Zeit herumstehen, können wir ihm seinen Wunsch nicht verübeln. Er möchte Arzt werden. Ist es da nicht sinnvoller, wenn er als Zivi in einem Pflegeheim arbeitet?
Wir dürfen die Armee nicht gegen den Zivildienst ausspielen und umgekehrt; beide Systeme leisten einen wichtigen Beitrag. Trotzdem: Der junge Mann soll ins Militär, denn uns fehlen in den kommenden Jahren Ärzte in der Armee! Als Soldat leistet er einen wichtigen Dienst für die Sicherheit unseres Landes – und schützt damit wohlgemerkt auch Spitäler und Pflegeheime. 

Diese Soldaten sind erst vor 24 Stunden eingerückt. Es braucht noch einiges, bis die Abläufe im Feld stimmen.

Zurück zu den Truppenübungen im Wald. Sie spielten einen Autofahrer, der von einem Soldaten kontrolliert wird. Ihre Antwort gaben Sie bewusst auf Französisch. Der Soldat war sogleich überfordert.
Nun, sobald eine unerwartete Situation eintritt, muss man in kürzester Zeit Entscheide treffen. Genau darum muss man solche Situationen im WK üben.

Die Soldaten des Logistik-Bataillons lernen, sich innert Stunden auf eine Mobilmachung vorzubereiten. Sind Sie zufrieden mit ihnen?
Die Mobilmachung ist ja ein neues Element, das wir mit der Weiterentwicklung der Armee wieder einführen. Es kann also noch nicht alles optimal funktionieren. Aber genau darum ging es mir! Ich wollte keine eingeübte Show sehen, sondern die Realität. Diese Soldaten sind erst vor 24 Stunden eingerückt. Es braucht noch einiges, bis die Abläufe im Feld stimmen.

Guy Parmelin
© Kurt Reichenbach

Auf den Boden, Hände nach hinten, fesseln – Parmelin überzeugt sich, dass seine Männer das Knebeln im Griff haben.

Kennen Sie solche Übungen aus eigener Erfahrung?
Ja, als ich 1980 die Rekrutenschule absolvierte, übten wir die Generalmobilmachung. Es war die Zeit des Kalten Kriegs, der Feind kam natürlich aus dem Osten. Heute ist alles diffuser geworden, vor allem wegen den Terroranschlägen. Umso wichtiger, dass wir in kurzer Zeit möglichst viele Soldaten mobilisieren können.

Das meiste verstehe ich ja auch – ausser jemand spricht Walliserdeutsch.

Ihr Französisch-Test bei der Fahrzeugkontrolle hat gezeigt: Bei den Deutschschweizer Soldaten besteht Nachholbedarf. Hat die Armee ein Sprachenproblem?
Nein, ich glaube nicht. Mir ist es wichtig, dass die Soldaten in ihrer Mundart sprechen. Das meiste verstehe ich ja auch – ausser jemand spricht Walliserdeutsch. Im Übrigen haben wir auch gemischte Truppen deutsch-französisch.

Dann werden Sie im Feld nicht vermehrt Englisch reden müssen?
Why not. If it helps …?

Die sprachlichen Hürden scheinen also überwindbar. Aber wie stehts um Probleme mit Sexismus?
Bis jetzt habe ich keine Belästigungsklagen von Frauen erhalten, nicht mal anonym. Auch Armeechef Philippe Rebord und sein Vorgänger André Blattmann haben nie etwas mitbekommen. Und ich kann Ihnen versichern: Eine solche Sache würde sich rasch herumsprechen.

Guy Parmelin
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Guy Parmelin macht die Probe aufs Exempel. Der Sesselgriff funktioniert auch bei Bundesräten!

Aber Machosprüche sind doch bestimmt an der Tagesordnung.
Die Armee ist ein Spiegel der Gesellschaft. Natürlich hört man dort manchmal Witze, die unter die Gürtellinie zielen. Aber zählen die schon als Belästigung? Wir müssen aufpassen, dass wir nicht ins andere Extrem kippen. In den USA gibt es Unternehmen, zivile wohlgemerkt, in denen Männer immer eine gewisse Distanz zu den Frauen wahren müssen und Berührungen generell verboten sind. Ich hoffe, in der Schweiz kommt es nie so weit.

Werden wir konkret: Gegen CVP-Nationalrat Yannick Buttet ist eine Klage wegen Stalking hängig. Darum trat er als Vizepräsident der Offiziersgesellschaft zurück. Ein richtiger Schritt?
Herr Buttet hat diesen Entscheid persönlich getroffen. Aus meiner Sicht hat er die richtigen Konsequenzen gezogen.

Ein anderer Walliser, der Schlagzeilen macht, ist FC-Sion-Präsident Christian Constantin. Bis zu seinem Angriff auf Fussballexperte Rolf Fringer war er die treibende Kraft im Olympia-Komitee. Nach seinem Abgang kam aus, dass er sich die Markenrechte für Sion 2026 gesichert hat. Nervt Sie das?
Nein, Herr Constantin hat sich nur die Rechte für den Werbespruch «Sion 2026. Les jeux au cœur de la Suisse» gesichert – nicht aber für die Kurzversion «Sion 2026». 

Es geht um nichts Geringeres als den Schutz unserer Bevölkerung vor Angriffen aus der Luft. 

Ist es nicht ungünstig, wenn der Bund eine Milliarden-Garantie für Olympia verspricht und daneben ein Privater sein eigenes Geschäft macht?
Die Frage der Markenrechte sind Aufgabe des Kandidaturkomitees und nicht des Bundes. Sion 2026 ist im Gegensatz zur Expo.02 kein Projekt, in das der Bund direkt involviert ist.

Guy Parmelin
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Parmelin: «Die hohe Zahl der Abgänge aus den Wiederholungskursen macht mir Sorgen.»

 

Constantin sieht Doris Leuthard und Roger Federer als Figuren, die Olympia international zum Durchbruch verhelfen könnten. Das ist doch eine tolle Idee! Haben Sie Federer schon angefragt?
Nein, das ist wie gesagt nicht unsere Aufgabe. Aber Constantin hat recht, wenn er sagt, dass wir für diese Spiele Sport-Ikonen mobilisieren müssen. Wenn ich ans Wallis denke, kommen mir etwa Pirmin Zurbriggen oder Stéphane Lambiel in den Sinn.

Wir wollen Sie nicht mehr mit Sion 2026 nerven.
Fragen Sie ruhig weiter.

Kommen wir zu den Kampfflugzeugen. Sie wollen acht Milliarden für neue Jets inklusive Bodenluftabwehr ausgeben. Wie überzeugen Sie das Volk?
Es geht um nichts Geringeres als den Schutz unserer Bevölkerung vor Angriffen aus der Luft. Ohne diese Investitionen gibt es eine Sicherheitslücke. Das ist die wichtigste Botschaft.

Wird das Volk das letzte Wort über diese Milliarden haben?
Ja, davon gehe ich aus. Entweder wird es eine Volksinitiative geben, oder der Beschluss wird dem fakultativen Referendum unterstellt. Das ist in Ordnung. Aber dann müssten wir konsequenterweise auch die Milliarden-Ausgaben für Bildung oder Entwicklungshilfe dem Volk vorlegen.

Über die Festtage plane ich zum ersten Mal, seit ich Bundesrat bin, einen richtigen Break.

Die EU-Staaten haben ein Grundsatzdokument unterzeichnet, in dem sie sich zu einer gemeinsamen Verteidigungspolitik und zu höheren Rüstungsausgaben (Pesco) bekennen. Müsste sich die Schweiz nicht anschliessen?
Wir sind grundsätzlich offen für Kooperationen. Aber als neutraler Staat müssen wir auch in Zukunft in der Lage sein, uns eigenständig schützen zu können. Niemand weiss, wie die Situation in Europa in 20, 30 Jahren aussieht.

Wir sind mitten im Advent. Wie feiern Sie dieses Jahr Weihnachten?
Joker!

Feiern Sie mit der Familie?
Ja. Über die Festtage plane ich zum ersten Mal, seit ich Bundesrat bin, einen richtigen Break. Ich werde ein paar Tage abschalten. Und ich hoffe sehr, dass in dieser Zeit nichts Schlimmes passiert. Aber erreichbar bin ich natürlich auch über die Festtage.

Und wo werden Sie Weihnachten feiern?
Da ziehe ich noch einmal den Joker.

Er macht mobil: Bundesrat Guy Parmelin bringt auf dem Waffenplatz Thun Deutschschweizer Soldaten ins Stottern - ihr Französisch geht mit wehenden Fahnen unter. (Klicken Sie zum Abspielen auf das Video)

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