Belinda Bencic «Very good match», lobte Venus Williams sie

Sie bringt alle Zutaten für eine schillernde Tenniskarriere mit. Belinda Bencic hat aber vor allem eines: den Kopf für den Erfolg. Die «Schweizer Illustrierte» hat die 15-jährige Ostschweizerin zu Hause besucht.

Schneller holt man niemanden auf den Boden zurück. Am Dienstag spielt sie ihr viel beachtetes Tour-Debüt in Luxemburg ausgerechnet gegen eine der grossen Ikonen dieses Sports. Gegen Venus Williams. Eine, die mehr als doppelt so alt ist und sieben Grand-Slam-Titel bilanziert. Knapp zwei Tage nach der lehrreichen Niederlage ist Belinda Bencic, 15, zurück in der Provinz. Die Tennishalle in Niederuzwil SG erinnert nicht mal entfernt an den Glamour von Scharapowa und Ivanovic. Und selbst der Wettbewerb hält sich in Grenzen. Hier schlägt sie ein paar lockere Bälle mit ihrem Vater Ivan, 49, links neben ihr versuchen sich vier Senioren im bewegungstherapeutischen Doppel. Die knappen drei Worte der Williams hallen in Belindas Kopf noch nach. «Very good match», lobte sie die 32-jährige Amerikanerin am Netz. Das 3:6, 1:6 gegen die grosse Nummer ist respektabel und eine gute Feuertaufe für einen Teenager, der seit Kindsjahren von Kameras begleitet und von Tennisexperten beobachtet wird.

Mit drei Jahren hält sie erstmals ein Racket in der Hand, spätestens mit sieben wird sie mit Martina Hingis verglichen, weil sie bei deren Mutter, Melanie Molitor, trainieren darf. Weil auch sie ein kleines blondes Mädchen mit slowakischen Wurzeln ist, das keck sagt, sie wolle die Beste werden. Die Familie mit Vater Ivan, Mutter Dana, Belinda und Bruder Brian zieht zu dieser Zeit von Oberuzwil nach Wollerau SZ, damit Molitor die Kleine fit für Grosses macht. Jetzt, acht Jahre später, hat sie das Plan-Soll mehr als erfüllt. Sie ist die elftbeste Juniorin der Welt, die weltbeste gar in ihrem Alter. Auf der Profitour hat sie zuletzt kleine ITF-Turniere gewonnen. Ihre Karriere nimmt Fahrt auf.

Nach dem Training kommt ein potenzieller Sponsor im Anzug in die Halle, schüttelt Belindas Hand und lässt sich von Manager Marcel Niederer, 52 - dem ersten und langjährigen Sponsor und früheren Eishockey-Profi (Lausanne, Biel, ZSC) - die Vorteile eines Engagements erklären. Bereits jetzt schon an Bord sind die Verpackungsfirma Fromm, der Diamantenveredler Zipangu und die beiden Sportausrüster Adidas und Yonex. In den vergangenen Jahren wurde das Unterfangen nicht nur professioneller, sondern auch teurer. Einige hunderttausend Franken kostet es mittlerweile pro Saison, die vierköpfige Familie mit dem ambitionierten Teenager zu alimentieren. Dazu kommen Sparringspartner - und bald soll auch ein Physiotherapeut mitreisen.

Niederer ist darum auf der Suche nach Sponsoren. «In zwei bis drei Jahren wird sie viel teurer sein», sagt er. «So günstig wie jetzt kommt man bei Belinda nicht mehr dazu.»
In ihrem Kinderzimmer in sanktgallischen Oberuzwil glitzern Dutzende Pokale und Medaillen, das kleine Racket, das ihr der Vater mit drei Jahren in die Hand drückte, steht im Regal. «Ich erinnere mich noch, wie er draussen vor dem Haus eine Schnur spannte und mit Stecken die Grundlinie markierte», sagt Belinda. Ivan ist der Antreiber, war er schon immer. Dazu steht er. Nach dem Motto: Go hard or go home - probiers richtig, oder geh nach Hause.

An der Wand hängen Poster von Federer, Zeitungsausschnitte von Hingis. Hat sie noch ein Idol? «Ich habe gegen Venus Williams gespielt, es wäre seltsam, wenn ich noch ein Idol hätte», sagt Belinda. Vor dem Spiel gegen Williams zuckte sie nicht mit der Wimper. Schliesslich hat sie sich ein Leben lang auf solche Momente vorbereitet. In der Molitor-Schule lernt sie nicht nur, sich zu bewegen. Sie versteht es, zu antizipieren wie einst Hingis und hat auch den Kopf eines Champions. «Man kann nicht spielen, wenn man zu viel denkt und Angst hat», verrät Belinda. «Man muss ausblenden, wer auf der anderen Seite steht. Ganz einfach.»

Ihre Coolness ist natürlich. Belinda weiss genau, worum es geht. «Sie bringt ein Verständnis für diesen Sport mit, den ich bei einer solch jungen Spielerin noch selten gesehen habe», sagt der Chefberater von Swiss Tennis, Heinz Günthardt. Auch wenn ihr – wie Hingis - ein eigentlicher Gewinnschlag fehle, bescheinigt er ihr ein «enormes Potenzial».
«In wenigen Jahren ist sie in den Top Ten», prophezeit Manager Niederer. Er weiss selbst, dass dabei auch eine gehörige Portion Optimismus durchklingt. So weit geht jedoch das Vater-Tochter-Gespann nicht. «Sie will sich nicht unter Druck setzen lassen», sagt Ivan Bencic. Wenn sie beide die Hausaufgaben machen, kommen die Erfolge automatisch, ist er sicher.

Die inoffizielle Junioren-WM, die Orange Bowl in Key Biscaney, USA, steht Mitte Dezember auf dem Programm. Davor wollen die beiden in der Akademie von Chris Evert in Florida trainieren. Der Traum von der Weltspitze ist ambitioniert. Aber er ist realistischer denn je.

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