Viktor Röthlin im grossen Interview Auf der Zielgeraden seiner Karriere

Am 17. August beendet Viktor Röthlin mit dem ­EM-Marathon in Zürich seine erfolgreiche Karriere. Kurz vor dem Finish nimmt er kein Blatt vor den Mund. Im Interview mit der «Schweizer Illustrierten» spricht er über unschweizerisches Selbstbewusstsein, das frustrierende Thema Doping und sein letztes grosses Rennen im Herzen von Zürich.
Viktor Röthlin Interview SI Sport Leichtathletik-EM
© Christoph Köstlin für Schweizer Illustrierte/SPORT

«Offensichtlich traut man mir bei Antidoping nicht. Das macht mich sehr traurig», sagt Viktor Röthlin.

Viktor Röthlin, wann wussten Sie, dass Sie das Zeug zum Profisportler haben?
1993 lief ich in Liestal den Schweizer-Junioren-Rekord über 10 000 Meter. Nach diesem Rennen sagte ich meinem Trainer Robi Haas: «Ich werde mal ein grosser Läufer.»

Ganz schön selbstbewusst. Um nicht zu ­sagen: Unschweizerisch.
Wieso nicht? Ich war mit 19 Jahren schneller als mein grosses Vorbild in diesem Alter, Markus Ryffel. Doch den Vorwurf, ich hätte eine zu grosse Klappe, habe ich während meiner Karriere mehrmals hören müssen.

Zu Recht?
Natürlich bin ein paar mal auf die Schnauze gefallen. Aber es ist so: ­Permanentes Understatement dringt irgendwann ins Unterbewusstsein. Und wenn es in einem Rennen richtig wehtut, ist man plötzlich mit weniger zufrieden. Deshalb steht auf meiner Web­site: Wenn man von etwas ­träumen kann, kann man es auch erreichen.

Sportler wie Federer, Cancellara oder Cologna würden ihre Ziele nie tief ansetzen.

Die Schweizer Fussball-Nati…
...witzig, dass Sie das erwähnen. Ich schaute mir das WM-Spiel gegen Argentinien mit meiner Frau Renate an. In der 115. Minute sagte sie zu mir: «Wow! Jetzt können sie wirklich stolz sein.» Meine Antwort: «Ich befürchte, dass sich genau das in den Köpfen der Spieler abspielt.» Prompt kam das Gegentor. Vielleicht tue ich dem Team unrecht. Aber Sportler wie Federer, Cancellara oder Cologna würden ihre Ziele nie tief ansetzen. Ehrenvolle Niederlagen? Die gibt es nicht.

Am 17. August beenden Sie Ihre Karriere. Was werden Sie nicht vermissen?
Beispielsweise die immergleichen Fragen von Journalisten oder die immergleichen Wünsche der Fotografen (lacht). Meine ­Füsse sind auch unpräsentierbar, hoffentlich erholen sie sich, wenn ich sie dann weniger oft in die Laufschuhe ­stecke. Und den Generalverdacht in Sachen Doping werde ich auch kaum vermissen.

Kamen Sie je mit Doping in Kontakt?
Ja, ein Mal. Als junger Läufer legte man mir nahe, Epo zu nehmen. Das sei etwas Ähn­liches wie Vitamin-C-Tabletten, sagte man mir. Und nachweisen konnte man es damals auch nicht. Ich fragte dann meinen Arzt, was Epo sei, und er klärte mich auf. Danach war der Fall für mich klar.

Sie gerieten nie in Versuchung?
Nein. Ich wusste sehr früh, dass es für mich nur den sauberen Weg gibt. Ich bewege mich nicht mal in der Nähe des Graubereichs. Wäre Doping je legalisiert worden, hätte ich sofort aufgehört. Wenn ich renne, bin ich mir am nächsten. Dann bin ich immer noch der kleine Bub, der wie Markus Ryffel werden möchte. Doping würde all das zerstören.

Es scheint Ihnen trotzdem nicht angenehm zu sein, über das Thema zu sprechen.
Weil es frustrierend ist! Denn je toller und ­unglaublicher die Leistung, desto grösser das Misstrauen. Allerdings sind wir Sportler grösstenteils selber Schuld. Die Fans sind zu oft enttäuscht und angelogen worden.

Wie häufig erhalten Sie eigentlich Besuch von den Dopingkontrolleuren?
In diesem Jahr bin ich bereits 15 Mal kontrolliert worden. Eigentlich finde ich das ja gut. So kann ich meinen Sponsoren und Fans ­beweisen, dass ich sauber bin. Wenn ich aber mit anderen Athleten spreche, nicht nur aus der Leichtathletik, staunen alle über diese hohe Anzahl Kontrollen in so kurzer Zeit.

Können Sie sich das erklären?
Nein. Antidoping Schweiz und die Wada ­bestimmen, wer wie oft kontrolliert wird. Und offensichtlich traut man mir nicht. Das macht mich sehr traurig. Zudem wird unterschätzt, wie einschneidend solche Doping-Kontrollen sind. Die Kontrolleure kommen meist frühmorgens oder spätabends und lassen einen erst wieder aus den Augen, wenn man unter Aufsicht gepinkelt hat. Zudem werden bei Ausdauersportlern auch immer drei Röhrchen Blut abgenommen.

Schlägt das auf die Leistung?
Im Blut wird bekanntlich der Sauerstoff zu den Muskeln transportiert. Daher hat das gesamte Blutvolumen einen direkten Einfluss auf meine Leistungsfähigkeit. Die häufigen Blutentnahmen haben ziemlich sicher keinen Einfluss auf meine Leistungsfähigkeit, sie zerren aber trotzdem an meiner Psyche.

Dann können Sie die ästhetischen Fussprobleme ja geradezu locker nehmen.
(Lacht) Als mich meine jetzige Frau Renate zum ersten Mal traf, absolvierte sie gerade ein ärztliches Unterassistenz-Praktikum in Magglingen. Sie sah dort meine Füsse, weil ich wegen einer Knochenhautentzündung in Behandlung war. Sie erzählte mir später, dass sie an die arme Frau gedacht habe, die eines Tages einen Mann mit solchen Füssen haben würde.

Sie mag es auch nicht, wenn Sie, so wie jetzt, kurz vor einem Wettkampf dermassen abgemagert sind. Wurde der Kampf ums Gewicht für Sie jemals zur Obsession?
Ich arbeitete schon sehr früh mit Christoph Mannhart zusammen, dem wohl kompetentesten Mann in der Schweiz, wenn es um Ernährung und Sport geht. Er sprach das Thema Magersucht schonungslos an. Er führte mich zu einem Essverhalten, das in eine andere Richtung geht. Ich stand immer auf die Waage, um zu schauen, dass ich nicht zu leicht bin. Bei den meisten Leuten ist das ja umgekehrt. Unsicher wurde ich nur in Afrika.

Weshalb?
Dort sagte man mir auf dem Massagetisch manchmal, ich sei zu fett. Aber ein Anruf bei Christoph reichte, um mich zu beruhigen.

Sie sind in Ihrer Karriere 26 Marathons ­gerannt. Sind Sie nicht frustriert?
Wieso sollte ich frustriert sein?

Sie sind, gemäss eigener Aussage, nie ein perfektes Rennen gelaufen. Das muss nach einer so langen Karriere doch frustrierend sein.
Ich hatte nach jedem Rennen das Gefühl, dass noch ein wenig mehr gegangen wäre, besser hätte laufen können. Das Wetter, die Verpflegung, die Gegner, der Rennverlauf. Und genau das macht meinen Sport faszinierend. Auch nach 26 Marathons weiss ich nicht, was im nächsten geschehen wird.

Der nächste Marathon ist Ihr letzter. Sie werden bald 40 Jahre alt. Wieso tun Sie sich das überhaupt an?
Weil ich die letzte sportliche Antwort haben möchte. Ich bin gesund, leistungsfähig und habe Freude. Und wenn ich sehen müsste, wie in Zürich Athleten auf meinem Niveau ­Medaillen gewinnen, wäre ich für den Rest meines Leben frustriert.

Und wenn Sie auf dem 28. Rang landen?
Dann werde ich mir wenigstens nie die Frage stellen müssen, ob ich es nicht vielleicht doch geschafft hätte.

Zählen Sie sich zu den Favoriten?
Wenn man sich die Bestenliste der vergangenen zwei Jahre anschaut, bin ich die Nummer acht von Europa. Tadesse Abraham, der gerade den Schweizer Pass erhalten hat, ist der Schnellste. Dann kommt Henryk Szost, der Pole, der bereits in London der schnellste Europäer war.

Was wollen Sie dann noch erreichen?
Ich möchte an der Startlinie die Gewissheit haben, dass ich in der Vorbereitung alles so gemacht habe, wie ich es mir vorgenommen hatte. Und dann werden wir sehen, ob ich das Wettkampfglück habe, die Tagesform stimmt und die Taktik aufgeht. Aber es wäre vermessen zu sagen, nur eine Medaille sei ein Erfolg. Ich bin Nummer 8, nicht die 1.

Ausgerechnet Sie machen jetzt Understatement! Los! Wovon träumen Sie?
Vom perfekten Lauf und einer Medaille.

Sie waren in der Schweiz lange der Platzhirsch, nun hat Tadesse Abraham den Schweizer Pass erhalten und wird Ihnen in Zürich voraussichtlich die Show stehlen. Wurmt Sie das nicht?
Es war absehbar, dass ich irgendwann abgelöst werde. Nun ging es halt ein wenig schneller als erwartet. Deshalb sind mir meine Medaillen so wichtig: Bestzeiten und Rekorde werden gebrochen, die Medaillen bleiben. Und die Globalisierung ist nun mal Realität: Tadesse ist gebürtiger Eritreer, er ist mit einer Schweizerin verheiratet und hat mir ihr ein Kind; er ist bestens integriert.

Wie gefällt Ihnen die EM-Strecke?
Sie ist grossartig. Für die Fans ist toll, dass sie uns auf den vier Runden immer wieder ­sehen. Wenn einen die Zuschauer anfeuern, gibt das enorm Schub. Die Steigung hoch zur ETH-Terrasse und die Rämistrasse wieder runter machen das Ganze noch attraktiver.

Fällt dort die Entscheidung?
Davon gehe ich aus.

Haben Sie deshalb besonders viel up- und down­hill trainiert?
Nicht nur das. Ich bin diesen Streckenteil schon mehrmals gerannt. Jeweils früh ­morgens, bevor die Ampeln funktionieren.

Es ist nicht einfach, mit einem Spitzensportler zu leben, der fast alles dem Erfolg unterordnet.

Bei Formel-1-Fahrern sagt man, jedes Kind mache sie pro Runde einen Zehntel langsamer. Wie ist das bei Marathonläufern?
Das wären bei mir also acht Zehntel, damit kann ich leben. Aber im Ernst: Das Organisatorische ist komplizierter geworden. Ben ist jetzt drei Monate alt. Und Luna, die etwas über zwei Jahre alt ist, interessiert natürlich überhaupt nicht, ob bei mir ein wichtiges Training oder ein Wettkampf auf dem Programm steht. Das ist nicht immer einfach. Andererseits bringt sie mich sofort auf andere Gedanken, wenn ein Training schlecht lief.

Wie gross ist der Anteil von Renate an Ihrem Erfolg?
Neben meiner eigenen Leistungs- und Leidensbereitschaft ist sie der entscheidende Faktor. Ohne ihre Unterstützung wäre das alles nicht möglich. Es ist nicht einfach, mit ­einem Spitzensportler zu leben, der fast ­alles dem Erfolg unterordnet.

Wäre es für Sie einfacher, Single zu sein?
In einer Beziehung muss man Kompromisse eingehen, Spitzensportler machen aber nicht gern Kompromisse. Insofern könnte ich Ihre Frage mit Ja beantworten. Aber nur in der Theorie. Denn ohne Renate und ­meine Kinder wäre ich mit meinem Leben nicht ­annähernd so glücklich.

Wie wichtig waren Ihre Eltern?
Sie gaben mir viele Werte mit, hatten aber nicht die Möglichkeit, mich finanziell gross zu unterstützen. Sie gehören einer Generation an, für die Sport eine Freizeitbeschäftigung für diejenige ist, die tagsüber zu wenig arbeiten. Mein Vater fragte mich bis Ende 2006 bei jedem Telefongespräch, ob ich genug zu essen hätte. Es ist für mich umso schöner, dass sie mich jetzt in Zürich sehen können.

Ab wann konnten Sie vom Sport leben?
Nach der Silbermedaille 2006 konnte ich mit den Sponsoren neue Verträge aushandeln. Vorher finanzierte ich mich über mein Teilzeitpensum als Physiotherapeut und ­bewegte mich auf dem Konto stets zwischen null und der maximalen Minus-Limite.

Und heute sind Sie ein reicher Mann?
Meine Ausgangslage fürs Leben nach der Aktiv-Karriere ist gut. Ich habe meine eigene Firma, VikMotion, einen Lauf-Event, ich organisiere Laufwochen und halte Vorträge. ­Renate und ich haben uns ein Haus kaufen können, auch wenn es grösstenteils der Raiffeisen-Bank gehört. Uns geht es gut.

Wie viel Geld ging Ihnen durch die beiden Lungenembolien 2009 durch die Lappen?
In jenem Jahr hätte ich zwei Städte-Marathons laufen können, in welchen ich, je nach Leistung, 70 000 bis 100 000 Dollar erhalten hätte. Dann verpasste ich weitere Wettkämpfe und erhielt keine Leistungs­prämien. Es war also nicht gerade wenig.

Werden Sie nach Zürich je wieder einen Marathon laufen?
Natürlich. Im November werde ich eine VikMotion-Gruppe an den New York Marathon begleiten. Und mit einigen Kollegen laufe ich 2015 den Médoc-Marathon bei Bordeaux, den längsten Marathon der Welt.

Ist die Strecke nicht immer 42'195 Meter lang?
Doch. Aber beim Marathon du Médoc rennt man durch die Weingebiete und degustiert an den Verpflegungsständen immer wieder Wein und lokale Köstlichkeiten. Wer dort als Erster durchs Ziel läuft, wird ausgepfiffen, denn er hat zu wenig getrunken. Es wird also ein hartes Rennen, das ich auf keinen Fall gewinnen möchte.

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