Bei den Kindern in Kambodscha Viola Tami kämpft gegen Tränen und Schuldgefühle

TV-Star Viola Tami, 35, besucht in Kambodscha Smiling Gecko, das Lebenswerk von Künstler Hannes Schmid, 64. Sie erlebt bittere Armut, schöpft neue Hoffnung, packt selber mit an. Und schreibt exklusiv für die SI Tagebuch.

Es war im Sommer vor zwei Jahren, als ich den berühmten Fotografen Hannes Schmid kennenlernte. Ich durfte sein Benefizkonzert «Swiss Artists for Smiling Gecko» moderieren. Hannes Schmid gibt einem vom ersten Moment an das Gefühl, willkommen zu sein.

Willkommen in seiner Welt. Bereit, jedem die Augen zu öffnen für das, was sich nur zehn Flugstunden von unserem Land abspielt. Sobald Hannes zu erzählen beginnt, ist man da. In Kambodscha, bei den Menschen, die in den Slums von Phnom Penh ums nackte Überleben kämpfen.

Viola Tami in Kambodscha
© Amanda Nikolic

Neue Perspektive: Ein Teil der zwölf Familien, die auf der Farm von Smiling Gecko leben.

Es ist seine Lebensaufgabe geworden, die Menschen aus diesem Elend zu befreien. Koste es, was es wolle. Namhafte Persönlichkeiten und Firmen unterstützen und begleiten den Schweizer Künstler auf seinem intensiven Weg. 

Benefizkonzert

Und so besuchten am 13. September 2015 fast 13 000 Menschen das Benefizkonzert «Swiss Artists for Smiling Gecko». Am Ende übergab Ringier-CEO Marc Walder der Organisation einen Check in der Höhe von über einer halben Million Franken. Geld, das die Besucher mit ihrem Ticketkauf gespendet haben. Unser Land spendet gern. Und doch stellt sich die Frage immer wieder: Kommt das Geld auch wirklich in die richtigen Hände?

Aus diesem Grund bat mich Hannes, ihn in Kambodscha zu besuchen. Ich muss zugeben, ich war unsicher, ob ich diese Reise antreten soll. Ich hatte Angst vor einem Land, das ich nicht kannte. Und Angst vor dem Elend, welches mich dort erwarten würde. Bald war mir jedoch klar, keine Entschuldigung würde eine Absage rechtfertigen. 

Kambodscha

Die Luft ist dick und stickig, als ich in Kambodscha aus dem Flugzeug steige. Zunächst erwartet mich eine umfangreiche Kontrolle. Ich muss mir für 30 Dollar ein Visum kaufen. Ich bezahle mit einer 50-Dollar-Note. Retourgeld gibts keins. Mein Pass geht durch viele Hände. Dann bekomme ich die nötigen Papiere. Ich bin erleichtert, als sich die Schiebetüre öffnet und ich Hannes winkend am Ausgang entdecke.

Viola Tami in Kambodscha
© Amanda Nikolic

Süss: Auf der Farm von Smiling Gecko ruht sich die vierjährige Reaksmey in der Hängematte aus.

Draussen ist es laut, staubig und heiss. Tuk-Tuk-Fahrer werben für ihre Dienste. Wir steigen aber fürs Erste in den Smiling-Gecko-Bus, der uns ins zwei Stunden entfernte Kampong Chnang bringt. Auf die Smiling-Gecko-Farm, die für viele Kambodschaner die letzte Hoffnung ist. Die Fahrt führt über eine Landstrasse. Links und rechts die kleinen Farmen der zwölf Familien, die Hannes bereits in seinem Projekt aufgenommen hat.

Empfangen werde ich von Gil, einem Studenten der Hotelfachschule Luzern, und seinem kambodschanischen Team. Alle stammen aus ärmsten Verhältnissen und bekommen hier eine Ausbildung im Hotelfach-Bereich. Ebenfalls im Begrüssungskomitee ist Annagret Schlumpf. Die renommierte Schweizer Köchin ist seit ihrer Pensionierung hier fürs Küchenteam zuständig. Für sie eine Herzensangelegenheit! Ihre Küche ist bereits jetzt auf einem Fünf-Sterne-Level, wie sich beim Mittagessen herausstellt. 

Viola Tami in Kambodscha
© Amanda Nikolic

Clever: Die Hotelanlage von Smiling Gecko bietet Ruhe, Erholung – und Arbeitsplätze.

Irgendwie ist das alles gar nicht fassbar. Man reist in eines der ärmsten Länder und findet sich in einer Oase wieder. Hier können Gäste aus aller Welt ihre Ferien verbringen. Das schafft Arbeitsplätze. Dabei haben die Menschen, die hier arbeiten, gar keine Schulbildung. Sie sind auf Abfallbergen und in Hütten ohne Strom und Wasser aufgewachsen. Aber für Hannes und sein Team ist nichts unmöglich, wie es scheint.

Viola Tami in Kambodscha
© Amanda Nikolic

«Den dritten Tag verbringe ich auf dem Hotel-Areal. Wer hierherkommt, wird verwöhnt. Natürlich hege ich Zweifel, ob ich mich hier dem Wellnessen hingeben kann. In einem Land, wo die meisten Menschen nicht mal ein Bett besitzen. Aber es gehört zum Ziel von Hannes Schmid, dass Leute aus aller Welt dieses Land besuchen. Je mehr Touristen kommen, desto mehr Einheimische finden hier einen Arbeitsplatz.»

Die Slums

Es ist halb sieben morgens, als wir in Phnom Penh nach einer zweistündigen Autofahrt in ein Tuk-Tuk von Smiling Gecko umsteigen. Dieses bringt uns zu den Slums. Chaos auf den Strassen. Es riecht nach Abgas, Rauch, Urin und gebratenem Reis. Nichts erinnert mehr an die Oase von Smiling Gecko. Wir stoppen am Black River, einem Fluss voll mit Müll, Kot und Tierkadavern. Es ist mir nicht mehr möglich, durch die Nase zu atmen.

Nach ein paar Schritten stehe ich mit Hannes mitten in der Hölle. So fühlt es sich zumindest an. Überall Abfall, Essensreste, vermischt mit Plastik und verwesten Tieren. Und da sind Menschen. Viele Menschen. Wir gehen den Hütten entlang. Immer wieder kreuzen Kinder unseren Weg. Sie lächeln mich an. Die Menschen, die hier leben, sind alle krank. Befallen von Würmern, Flöhen, Läusen. Sie haben kein sauberes Trinkwasser, waschen sich im verdreckten Fluss. Er ist zugleich auch Toilette. Ein Leben ohne Würde und Rechte.

Viola Tami in Kambodscha
© Amanda Nikolic

Neugierig: Die Kinder in den Slums freuen sich über den Besuch von Hannes Schmid und Viola Tami.

Die Kinder haben keine Chance auf medizinische Versorgung. Ihre Eltern können sie sich schlicht nicht leisten. Für das spärliche Einkommen sind sowieso die Kinder selber zuständig. Die bildschönen, unschuldigen Mädchen müssen sich prostituieren. Die Buben werden auf den Fischmarkt geschickt. Dort müssen sie Ratten fangen. Das Fleisch gibt etwas Geld …

Viola Tami in Kambodscha
© Amanda Nikolic

Lebensunterhalt: Viola Tami (r.) hilft Chantorn, 38, Muscheln zu waschen – Tagesverdienst: 1,50 Dollar.

Ich kämpfe gegen die Tränen. Werden diese Kinder all die seelischen Qualen jemals überwinden? Nein, das geht nicht. Ich fühle mich schuldig. Daheim schlafen meine Kinder nur, wenn sie zugedeckt und geküsst werden. Diese Menschen hier wurden vergessen. Die Regierung schert sich nicht um sie. Und wir dürfen die Augen nicht verschliessen. Auch wir profitieren von ihrer Hilflosigkeit. Wir kaufen Schuhe und Kleider, die hier in den Fabriken unter unmenschlichen Bedingungen produziert werden.

Wir kehren am Abend wieder an diesen Ort zurück. Dann, wenn selbst die vierjährigen Mädchen geschminkt werden, um für ein paar lumpige Dollars an Freier verkauft zu werden. Ich habe grosse Mühe, den Mädchen in die Augen zu schauen. Dort ist nur Leere. Es ist unvorstellbar, wie gross ihr Leid sein muss. Sie tun es, weil ihre Familien das Geld brauchen. Sie wissen das und fühlen sich dazu verpflichtet. Alternativen gibts keine. Am selben Tag besuchen wir einen weiteren Slum. Dasselbe Bild.

Viola Tami in Kambodscha
© Amanda Nikolic

Misstrauisch: Viola Tami mit dem sechsjährigen Narel. Er ist unterernährt und kleinwüchsig.

Viel Abfall. Und noch mehr Staub. Es werden Zementsäcke zusammengenäht. Die Frauen, die hier den ganzen Tag an den Nähmaschinen sitzen, spucken Blut. Der Staub zerfrisst ihre Lungen. Ich setze mich an eine Maschine, und schon nach ein paar Stichen muss ich husten. Eine Frau hilft mir, die grossen Sackteile zusammenzuhalten. Niemals spüre ich Ablehnung. Die Menschen lächeln. Warum nur? Versuchen sie damit ihr Leid zu lindern?

Viola Tami in Kambodscha
© Amanda Nikolic

Hart: Im Cement Bag Slum nähen die Frauen Zementsäcke. Viola hilft Somnang, 46. Tagesverdienst: 1 Dollar.

Hoffnung

Am folgenden Morgen zeigt mir Hannes das Smiling-Gecko-Gelände. 110 Hektaren Land hat er hier gekauft. Und es sollen noch mehr werden. Neben der Hotelanlage wurde ein ganzer Landwirtschaftsbetrieb aufgebaut. Es gibt Schweine und Hühner. Sie werden von Einheimischen versorgt. Letztes Jahr wurde hier auch eine Schreinerei gebaut. Erstmals in ihrem Leben haben nun einheimische Männer ehrliche Arbeit gefunden.

Momentan ist der Bau einer neuen Schule im Gange. Im November soll sie fertig sein. Dabei ist die Finanzierung noch gar nicht gesichert. Hannes Schmid kann vieles, aber warten kann er nicht. Die Kinder brauchen diese Schule. Heute. Morgen wäre verlorene Zeit. Hinter dem Schulhaus ist ein kleiner See geplant. Dieser wird mich für ewig mit Hannes’ Projekt verbinden.

Viola Tami in Kambodscha
© Amanda Nikolic

Grossprojekt: Viola beim Spatenstich für den Bau der neuen Schule von Smiling Gecko. Hier sollen ab 1. November über tausend Kinder unterrichtet werden.

«Das wird der Lake Viola», ruft er laut. Mein eigener, kleiner See! Ich bin gerührt und spüre einmal mehr grosse Dankbarkeit und Demut Hannes und seinem Projekt gegenüber. Um uns herum wird gearbeitet. Die Menschen hier sind unglaublich fleissig, jeden Tag aufs Neue. Und auch sie sind dankbar. Für so wenig.

Heute mache auch ich mich an die Arbeit. Ich helfe, wo ich kann. Auf der Baustelle, im Garten und im Stall. Ich wasche Schweine, transportiere Futter und schleife Bambusbretter. Es gibt viel zu tun. Und es ist schön, so nah dabei zu sein. Ein wesentlicher Teil der ganzen Anlage wurde mit dem Geld ermöglicht, das beim Benefizkonzert vor zwei Jahren in Zürich gesammelt wurde. Jeder einzelne Franken hat den Weg zu diesem Ort der Hoffnung gefunden. Jeder Franken bedeutet für diese Menschen ein besseres Leben. 

Viola Tami in Kambodscha
© Amanda Nikolic

Sauwohl: Viola Tami wäscht eines der 50 Mutterschweine auf der Farm von Smiling Gecko.

«My name is Viola»

Eine meiner schönsten Erfahrungen war der Tag als Englischlehrerin. Es ist ein Privileg, wenn man in diesem Land zur Schule gehen darf. Besucht ein Kind die Schule, fehlt der Familie ein Einkommen. Doch ohne Bildung hat man nie eine wirkliche Chance.

Viola Tami in Kambodscha
© Amanda Nikolic

Die Lehrerin: Viola Tami unterrichtet in der von Smiling Gecko unterstützten Volksschule in Kampong Chnang Englisch.

Vor Schulbeginn wird unter kambodschanischer Flagge gesungen. Das hat sich Hannes so gewünscht. Die Kinder sollen lernen, stolz zu sein auf ihr Land. Dieses Gefühl wurde ihnen 1975 genommen, als die Roten Khmer die Herrschaft übernahmen. Neben dem Englischunterricht übe ich mit den Kindern das Händewaschen. Das kennen sie nicht. Man muss es ihnen beibringen. 

Viola Tami in Kambodscha
© Amanda Nikolic

Fröhlich: Die Smiling-Gecko-Schülerinnen Srey Pich, 14, und Srey Leak, 13 (r.), heissen Viola willkommen.

Stille

Nach all diesen Eindrücken nimmt mich Hannes am Tag vor meiner Abreise mit auf eine Fahrt durch den Dschungel. Mit 60 Stundenkilometern rattern wir mit seinem Bambuszug an Reisfeldern und Bauernhütten vorbei. Ein warmer Wind bläst uns ins Gesicht. Und auf einmal fühlt sich alles wieder ganz leicht an. Es ist, als ziehe dieses Land an mir vorbei. So wie zu Hause. Wenn meine eigenen kleinen Sorgen mein Leben dominieren.

Und doch scheint meine Welt seit ein paar Tagen nicht mehr dieselbe zu sein. Die Fahrt bringt uns zu einem abgelegenen Tempel. Fünf Mönche, alles Kinder, begleiten Hannes und mich auf einen Felsen mit Blick über das Land. Am Horizont geht die Sonne unter. Alles ist still. Keiner spricht.

Viola Tami in Kambodscha
© Amanda Nikolic

Ein Ort der Ruhe: Viola Tami und Hannes Schmid mit jungen buddhistischen Mönchen auf dem Tempelberg.

Ich glaube, der erste wirklich ruhige Moment in all diesen Tagen. Ich blinzle in die roten Sonnenstrahlen und atme warme, feuchte Luft ein. So frei – und gleichzeitig so schwer und erdrückt fühle ich mich gerade. Ich möchte mir die Ohren zuhalten. Trotz der Stille. Ich höre das Rufen und Schreien aller Kinder von Kambodscha gemeinsam.

Das Brummen der Nähmaschinen in den Slums und das Gehupe der Autos von Phnom Penh hämmert in meinem Kopf. Ohren zu? Augen zu? Geht nicht. Denn ich war da. In der Welt von Hannes Schmid. Ich habe gesehen, was Smiling Gecko für die Menschen in Kambodscha bereits hat tun können – und was noch alles möglich ist. 

Spenden: Alle Infos zu Smiling Gecko auf: www.smilinggecko.ch

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