André Reithebuch Vom Holz- zum Bücherwurm?

Illettrist oder gar Analphabet? Mister Schweiz André Reithebuch macht mit seiner Abneigung gegen Bücher von sich reden. «Ich bin ein Minimalist», gibt er zu. «Aber ich nehme mir vor, mehr zu lesen.»

Herr Reithebuch, ich habe Ihnen ein Buch mitgebracht. Möchten Sie es lesen, oder soll ich es gleich wieder mitnehmen?
Was für eins denn? Ist es dick?

Das dünnste, das ich gefunden habe: Eckhart von Hirschhausens «Die Leber wächst mit ihren Aufgaben». Es war Nummer eins der «Spiegel»-Bestseller­liste, hat 220 Seiten, kein Vorwort und ist sehr lustig geschrieben.
(Wirft einen Blick auf das Buch.) Warum nicht. Bis wann soll ich es gelesen haben?

Bis Anfang August?
Das schaffe ich.

Stört es Sie eigentlich, dass Sie wegen Ihrer Abneigung gegen das Lesen und Schreiben als Analphabet betitelt wurden?
Überhaupt nicht. Aber ich möchte trotzdem klarstellen: Ich kann lesen und schreiben. In Mathe war ich recht gut, und auch das Französischvokabular hatte ich in der Real recht schnell intus. Deutsch und Fremdsprachen fand ich damals einfach sehr über­flüssig, da ich meine Berufswahl als Zimmermann schon getroffen hatte. Und dafür war Rechnen und Zeichnen eben wichtiger.

Haben Sie denn nun eine Lernschwäche oder nicht?
Ich habe keine generelle Lernschwäche. Mein Problem ist eher, dass ich sehr langsam lese und beim Schreiben viele Flüchtigkeitsfehler mache. Das war schon als Kind so, aber es fiel niemandem auf. Ich kam ohne Probleme durch die Realschule, musste nie eine Klasse wiederholen. Ich war halt ein Minimalist.

Was haben denn Ihre Eltern dazu gesagt?
Meine Mutter versuchte schon immer wieder, mich zum Lesen zu bewegen. Aber irgendwann sah sie ein, dass ich viel lieber draussen war.

Was hatten Sie denn in Deutsch für ­Schulnoten?
Eine 3,5 bis 4 kriegte ich schon hin. Mehr nicht. Aufsätze konnten wir zum Glück meist daheim schreiben, da hatte ich mehr Zeit und konnte sie vor dem Abgeben meiner Mutter zeigen.

Wie waren Sie denn in Französisch?
Nicht schlecht, aber ich habe die Wörtli einfach auswendig gelernt. Richtig Französisch sprechen konnte ich nie. Ich glaubte, ich brauche das nicht. Heute wäre ich froh, ich hätte besser aufgepasst. Ich habe ja als Mister Schweiz auch Auftritte in der Romandie.

Wie funktionierte die schriftliche Kommunikation bei Ihrer Arbeit als Zimmermann?
Da gabs nie Probleme. Bestellungen sind einfach zu lesen, und wenn ich einen Baurapport schrieb, schaute man diesen auf dem Sekretariat noch durch. Es hat sich nie jemand an den vielen Rechtschreibfehlern gestört.

Stossen Sie im Alltag je an Ihre Grenzen?
Nein. Das meiste Schriftliche erledige ich per Computer, der hat ein Rechtschreibprogramm. Und Autogramm­karten muss ich ja nur unterschreiben.

Wie siehts mit Verträgen mit Sponsoren und Partnern aus? Haben Sie keine Angst, über den Tisch gezogen zu werden?
Verträge studiere ich natürlich, bevor ich sie unterschreibe. Dafür nehme ich mir auch Zeit.

«Ich habe keine generelle Lernschwäche. Ich war halt einfach ein Minimalist»

Haben Sie die Zeitungsberichte über Sie gelesen?
Nicht alle. Ich lese die Schweizer Illustrierte, ab und zu den «Blick» und die lokalen Medien. Ich weiss ja, was ich in den Interviews gesagt habe. Und wenn mir etwas im Maul umgedreht wird, will ichs sowieso lieber nicht wissen.

Was sagt eigentlich Ihre Freundin Sarah zu den Schlagzeilen der vergangenen Woche?
Sie hat nur gelacht. Sarah findet es nicht schlimm, dass ich in meinem Leben erst ein Buch gelesen habe. Obwohl sie zu den Frauen gehört, die immer eines in der Handtasche mitschleppen.

Gab es denn nie ein Buch, das Ihr Interesse wecken konnte?
Nur das eine, das mir meine Mutter vor zwei Jahren schenkte: «Das Blockhaus am Denali» von Dieter Kreutzkamp. Es geht um Blockhäuser in Kanada, die interessieren mich brennend. Danach habe ich drei Bücher angefangen, aber wieder weggelegt. Vielleicht bekomme ich ja mal eins, das ich spannend finde. Aber nicht, dass ich jetzt einen Haufen Bücher geschickt kriege! Dann bin ich überfordert!

Immerhin wagten Sie sich in einen ­Buchladen in Glarus.
Janis, die Buchhändlerin, ist eine Bekannte von mir. Sie empfahl mir «Der Gipfel des Verbrechens» von Michael Kodes. Es geht um Bergsteiger am Mount Everest, das könnte noch spannend sein.

Sie möchten sich für Leute einsetzen, denen es geht wie Ihnen.
Ja, ich engagiere mich vielleicht beim Verein Lesen und Schreiben, aber es gibt noch keine konkreten Pläne. Ich denke aber, dass es schon mal ein Anfang ist, dass ich dazu stehe, dass meine Fähigkeiten im Lesen und Schreiben begrenzt sind. Es gibt viele, die darin schwach sind. Das ist nichts, wofür man sich schämen muss. Aber ich werde auch versuchen, mit gutem Beispiel voranzugehen und ein bisschen mehr zu lesen.

Und wann fangen Sie damit an?
Also, zuerst drehe ich noch eine Runde mit dem Töff, dann gehe ich joggen und danach Salsa tanzen. Wenn ich dann nicht zu müde bin, könnte ich noch ein, zwei Seiten lesen.

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