Steffi Buchlis WM-Kolumne Von Schauspielern und richtig grossen Bobos

Sie ist unsere WM-Kolumnistin! Steffi Buchli, 39, Moderatorin und Programmchefin des Sportsenders MySports. Bis 2017 arbeitete sie fürs SRF – auch an mehreren Fussball-Grossanlässen. In ihrem zweiten Beitrag beschreibt Buchli Neymars Schwalben aus den Augen ihrer Tochter Karlie, 2.
Steffi Buchli Homestory
© Geri Born

Steffi Buchli, 39, ist Moderatorin und Programmchefin des Sportsenders MySports. Bis 2017 arbeitete sie fürs SRF – auch an mehreren Fussball-Grossanlässen.

Stellen Sie sich vor: Sie sitzen in einem Meeting. Ein Kollege aus einem anderen Team präsentiert stolz seine guten Verkaufszahlen. Ihre sind für einmal schlechter. Der Konkurrent erzählt mit breiter Brust, dass er diesen Erfolg habe landen können, weil … «Auuuaaaa, du hast mir den Stuhl auf den Fuss gestellt, du Schuft!» Sie werfen sich zu Boden und wälzen sich theatralisch.

Eine Schwalbe. Per definitionem ist eine Schwalbe im Fussball «geschicktes Sichfallen-Lassen im Kampf um den Ball in der Absicht, einen Freistoss oder Strafstoss zugesprochen zu bekommen». Eine Schwalbe ist aber auch ein Ausdruck des nicht Einsehens, dass der andere in dieser Situation besser agiert hat («Kann nicht sein, dass der mein exzellentes Dribbling unterbindet!»). Gegenüber Schiedsrichtern sind Schwalben schlicht perfid: Je besser das schauspielerische Talent des Akteurs, desto schwieriger ist die unmittelbare Wahrheitsfindung auf dem Platz.

Neymar und Valon Behrami WM 2018 Vorrunde
© Getty

«Ma fest Bobo. Andere Ma weh gmacht»: So nimmt Steffi Buchlis Tochter Karlie, 2, das Mann-gegen-Mann-Duell zwischen Neymar (am Boden) und Behrami wahr.

Ist Neymar ein Schauspieler? Ich würde es nie wagen, ihn als solchen zu bezeichnen. Als Superstar wird er in jedem Spiel 90 Minuten lang hart «bearbeitet», das muss anstrengend sein. Was ich hier aber gerne zugebe: Ich habe mich unheimlich über ihn geärgert im Spiel gegen die Schweiz. Meine Tochter Karlie (zweieinhalb Jahre alt) war übrigens weniger verärgert als irritiert.

«Ma wieder tsund? Wieso, Mama? Bobo scho weg?» 

Schweiz – Brasilien war ihre Fussball-Premiere. Als Neymar zum ersten Mal am Boden lag, rief sie voller Mitgefühl: «Oh, Mamma, Ma fest Bobo! Aua, aua. Blaase! Andere Ma weh gmacht.» Ich habe ihr dann erklärt, dass der rote Mann (Valon Behrami) ein Lieber sei und dass er nur seine Arbeit gemacht habe. Und dass das «Bobo» des anderen Mannes (Neymar) nicht so schlimm sei. Als Sekunden später eben dieser Neymar nach erstaunlicher Spontanheilung wieder wie ein junges Rehlein zum Freistoss Anlauf nahm, verstand Karlie die Welt nicht mehr: «Ma wieder tsund? Wieso, Mama? Bobo scho weg?» Vielleicht hilft uns diese Erfahrung in Zukunft in der Praxis auf dem Spielplatz: «Karlie, du musst nicht weinen. Weisch no, Neymar hat auch weitergespielt!»

Zurück zu Ihrem Meeting: Sie liegen immer noch schreiend am Boden und verlangen nach dem Betriebssanitäter. Man würde wegblicken, sich räuspern und zur Tagesordnung übergehen, denn ein Sitzungstisch ist keine Showbühne und selten von heissblütigen Fans umgeben. Einen Versuch wert ist so eine Show-Einlage aber vielleicht trotzdem. Unter dem Sitzungstisch sind im Vergleich zum Fussball nämlich immerhin keine Kameras installiert, die eine entlarvende Slowmotion wiedergeben könnten. Viel Spass beim Ausprobieren!

Lesen Sie den ersten Beitrag von Steffi Buchli: «Die Fussball-Stars im Viehgatter»

Auch interessant