Die Wahl-Stafette: Moser befragt Trede «Nicht alle finden mich witzig!»

Grün sind sie beide. Dennoch sind sich die grünliberale Nationalrätin Tiana Angelina Moser und ihre grüne Ratskollegin Aline Trede selten einig. Wo Moser ihr Extrempositionen vorwirft. Und warum Trede keine Ulknudel sein will.
Wahlen 2015 Schweiz Aline Trede Grüne Tiana Angelina Moser
© Monika Flückiger

Sie können es nicht lassen. Auf dem Weg zum Interview fahren die Nationalrätinnen Tiana Angelina Moser, 36, und Aline Trede, 32, mit der S-Bahn die Zürcher Goldküste entlang. Die Landschaft interessiert sie kaum, sie schauen nur auf eines: die Wahlplakate, die überall hängen. «Sieht etwas nervös aus bei euch», sagt die Grünliberale Tiana Angelina Moser. «Ich finde eures ein wenig bieder», sagt Aline Trede von der Grünen Partei. Dann lachen beide.

Frau Trede, ich habe Ihnen mehrere Orte fürs Interview vorgeschlagen. Sie wollten unbedingt nach Zürich auf den See. Haben Sie als Bernerin keinen Anti-Zürich-Reflex?
Überhaupt nicht! Ich habe in Zürich gelebt und an der ETH studiert. Es war eine tolle Zeit, und ich bin immer wieder gerne hier.

Und Zürich war Ihnen nicht zu schnell?
Anfangs schon. Und ich musste mich daran gewöhnen, dass es hier ein Dutzend mehr Tramlinien gibt als in Bern (lacht).

Ich finde Ulknudel nicht gerade positiv, mich erinnert das irgendwie an Hella von Sinnen

Als Sie 2013 in den Nationalrat nachrutschten, bezeichnete «Der Bund» Sie als Ulknudel.
Das werde ich nie mehr los! Kürzlich schrieb dieselbe Zeitung, die Ulknudel Trede sei auf Profilsuche.

Stört Sie die Bezeichnung?
Ich finde Ulknudel nicht gerade positiv, mich erinnert das irgendwie an Hella von Sinnen. Und es tönt so, als wäre ich nicht professionell, und das stört mich. Ich habe 98 Vorstösse gemacht, die fallen nicht vom Himmel. Man kann «laut» sein und trotzdem viel arbeiten.

Ich bin jedenfalls froh, dass Sie in unserem Parlament sitzen.
Wenn mir jemand sagt, man habe es gut mit mir, dann freut mich das. Aber nicht alle finden mich witzig. Die SRF-Moderatorin Mona Vetsch fands mit mir beispielsweise überhaupt nicht glatt.

Bei der Sendung «Wahlfahrt», als Sie mit ihr im Auto sassen?
Nach einer Stunde sagte sie mir, sie habe gedacht, ich sei lustig. Ich habe ihr dann gesagt, dass ich jeweils damit aufhöre, wenn mich mein Gegenüber nicht lustig findet. Diese Szene haben sie rausgeschnitten. Es ist auch nicht gerade sehr einfach, locker und sympathisch zu sein, wenn man in einem Auto 14 Kameras direkt vor der Nase hat.

Zur Politik: Unsere beiden Parteien arbeiten sehr gut in Umweltthemen zusammen. Uneinig sind wir uns bei Wirtschafts- und Finanzfragen. Manchmal habe ich den Eindruck, die Grünen glauben, dass die Steuereinnahmen vom Himmel fallen.
Keine Sorge, ich weiss, dass Steuereinnahmen nicht vom Himmel fallen. Aber ich finde, dass die Gelder oft falsch investiert sind. Die GLP half mit, dass die Armee uns fast fünf Milliarden im Jahr kostet. So clever fand ich das auch nicht. Die Hälfte wäre mehr als genug, und den Rest könnte man nachhaltiger investieren.

Sie beharren auf Extrempositionen und verhindern damit kleine Verbesserungen. Die SVP wollte mehr Geld für die Armee, Sie weniger. Also haben Sie eine Allianz gebildet und gleich das ganze Paket bachab geschickt.
Die SVP hat die Allianz gebildet! Wir hätten nie gedacht, dass sie sich uns anschliesst.

Im Gegensatz zur GLP möchten Sie die Armee am liebsten gleich abschaffen, oder?
Ja, aber das ist noch nicht mehrheitsfähig. Abgesehen davon braucht es dringend eine Armee-Reform. Die Weiterentwicklung, die im Rat Schiffbruch erlitten hat, war nichts wert. Deshalb ist sie auch nicht durchgekommen.

Wäre es nicht klüger, sich kompromissfähiger zu zeigen, statt unheilige Allianzen mit der SVP zu bilden?
Manchmal ist die Kröte ganz einfach zu gross, um sie zu schlucken. Bei der aktuellen Asyl-Vorlage habe ich beispielsweise zugestimmt, obwohl es mir wahnsinnig schwergefallen ist. Und so oft finden diese Allianzen nicht statt.

Ich werde Sie beim nächsten Mal gerne daran erinnern. Unsere Wirtschaftspolitik zielt darauf, den Standort Schweiz zu stärken. Was tun die Grünen, um KMU von der Bürokratie zu entlasten? Was tun Sie für mehr Innovationen?
Ich finde es schade, dass die FDP-Initiative zum Bürokratie-Abbau nicht durchkam.

Nicht durchkam? Die FDP schaffte es gar nicht, die nötigen Unterschriften zu sammeln!  
Genau. Dabei wäre die Diskussion sehr wichtig gewesen. Und was Innovation betrifft, sind wir mit der Grünen Wirtschaftsinitiative am Start, dort geht es um den Schutz der Ressourcen und die Förderung von Innovationen.

Ehrlich gesagt weiss ich nicht mal, welche Position meine Partei in dieser Frage aktuell hat

Sie sind Vize-Präsidentin der Neuen Europäischen Bewegung Schweiz (NEBS) und gelten als EU-Turbo. Meinen Sie nicht, dass man im Moment zuerst mal alles dafür tun muss, um die bilateralen Verträge zu erhalten?
Das tut die NEBS bereits. Und ich würde mich nicht als EU-Turbo bezeichnen. Mich störte immer, dass das Thema politisch tabu war und die SVP die EU permanent als böse darstellte. Mein Reflex war dann, zu dieser EU zu stehen, weil wir uns ja ohnehin mit ihr arrangieren müssen.

Aber deswegen muss man ja nicht gleich beitreten wollen.
Das ist ein langfristiges Ziel. Beitrittsverhandlungen kämen derzeit nicht mal ansatzweise infrage, weil es dafür in der Schweiz keine Mehrheit gibt. Ehrlich gesagt weiss ich nicht mal, welche Position meine Partei in dieser Frage aktuell hat. Sie sehen, es wird zu wenig über das Thema diskutiert.

Trotz Ihrer Sympathie für die EU: Zusammen mit der SVP wollen Sie Lebensmittel vom Cassis-de-Dijon-Prinzip ausnehmen. Dass heisst, möglichst wenig Lebensmittel sollen aus der EU in die Schweiz eingeführt werden. Hier stimmen Sie also für eine Abschottung.
Wir Grünen waren schon immer gegen das Cassis-de-Dijon-Prinzip, wir ergriffen mit anderen sogar das Referendum dagegen, brachten es aber damals nicht zustande. Hier geht es um unsere Lebensmittel,
also auch um unsere Gesundheit.

Haben Sie aus reinem Fraktionszwang so entschieden, oder war das Ihre innere Überzeugung?
Ich habe viele Vorbehalte gegen die EU. Die Überwachung der EU-Aussengrenze habe ich stark bekämpft. Auch demokratiepolitisch hat die EU riesige Defizite.

Wir gehören als junge Mütter beide zu einer raren Spezies im Parlament. Derzeit werden verschiedene Vorschläge für Eltern- oder Vaterschaftsurlaub diskutiert. CVP-Nationalrat Martin Candinas schlägt zwei Wochen Urlaub vor. Was halten Sie davon?
Das ist wieder die Situation mit der Kröte. Immerhin, zwei Wochen sind besser als ein Tag, so wie jetzt. Aber eigentlich reicht es hinten und vorne nicht.

Die alten Männer im Rat wollen, dass die Männer für die Geburt ihres Kindes einen einzigen freien Tag erhalten. So wie beim Zügeln

Sie fordern eine Elternzeit von eineinhalb Jahren. Sie schiessen mal wieder weit über das Ziel hinaus.
Mein Vorschlag basiert auf dem Modell Schwedens. Und es gibt ja derzeit noch vier weitere Vorschläge im Parlament. Ich bin mir ziemlich sicher, dass diese bessere Chancen haben, weil auch eine Extremforderung im Raum steht.

Es ist Ihnen also klar, dass unser Parlament einem solchen Vorschlag niemals zustimmen würde.
Ja, natürlich. Es kommen nicht mal die zwei Wochen durch! Aber ich gehe doch nicht mit einem Kompromiss an den Start. Die alten Männer im Rat wollen, dass die Männer für die Geburt ihres Kindes einen einzigen freien Tag erhalten. So wie beim Zügeln!

Teil Ihres Wahlkampfes ist die Aktion «Im Bier mit mir», mit welcher Sie die Jungen erreichen möchten. Wie läuft das?
Ich rufe via Facebook und Twitter dazu auf, man trifft sich seit März immer am ersten Donnerstag des Monats. Wir diskutieren dann verschiedene Themen, ich gebe nichts vor. Mein Ziel ist es, die Jungen an den Tisch zu holen.

Wie viele kommen?
Am Anfang waren es ein paar wenige, beim letzten Mal immerhin 35 Personen. Teilweise sind es interessierte Neu-Wähler. Mühsam an der ganzen Aktion waren die Diskussionen, ob ich als Politikerin Bier trinken dürfe. Klar, ich könnte auch zu einer Podiumsdiskussion einladen, aber dann kommen keine Jungen.

Ich wünsche Ihnen damit noch viel Erfolg!


Nächste Woche: Die Grüne Aline Trede interviewt SVP-Frau Natalie Rickli.

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