Die Wahl-Stafette: Leutenegger befragt Caroni «Die FDP ist eine Dunkelkammer»

Egal bei welchem Thema: FDP-Nationalrat Andrea Caroni und SP-Nationalrätin Susanne Leutenegger Oberholzer sind sich nie einig. Nicht mal bei der Frage, ob das Interview in Hochdeutsch oder Mundart geführt werden soll.
Andrea Caroni FDP Nationalrat Susanne Leutenegger OBerholzer SP Nationalrätin
© Geri Born

Andrea Caroni und Susanne Leutenegger Oberholzer bei der Haltestelle Zytglogge in Bern.

Ein Handschlag hier, ein Selfie dort. Wahlkampf ist immer, auch wenn Susanne Leutenegger Oberholzer, 67, und Andrea Caroni, 35, in Bern Tram fahren. Genug Zeit fürs Interview bleibt trotzdem.

Es freut mich, Sie zu interviewen, Herr Caroni. Wollen wir das Interview auf Hochdeutsch führen?
Von mir aus auf Mundart.

Lieber Hochdeutsch. Das ist dann einfacher, wenn man das Gespräch transkribiert.
Ist das nicht etwas künstlich, wenn wir zusammen nicht Schweizerdeutsch sprechen?

Nein, das geht schon. (Auf Hochdeutsch) Herr Caroni, seit Anfang des Jahres...
Stopp, Frau Leutenegger, lassen Sie uns doch Mundart sprechen. Nicht mal darauf können wir uns einigen (lacht).

Also gut. (Von nun an auf Mundart.) Seit Anfang Jahr sehe ich permanent Inserate Ihrer Partei, das muss Millionen kosten. Wer finanziert das eigentlich?
In der ganzen Partei gibt es nur zwei Leute, die wissen, von wem wir Geld erhalten. Das sind der Präsident und der Generalsekretär. Damit sind wir als einzelne Parlamentarier total unabhängig.

Eine Dunkelkammer ist das! Die Wähler möchten von Ihnen sicher wissen, von welcher Grossbank die FDP wie viel erhält und inwiefern das die Parteilinie beeinflusst.
Ich weiss es aber nicht. Deshalb bin ich auch unbeeinflusst und politisiere völlig frei.

Viele Menschen finden mit 50 keine Arbeit mehr oder werden frühzeitig entlassen. Doch Sie wollen das Rentenalter gar auf 67 erhöhen.
Ältere Arbeitnehmer haben ein tieferes Risiko, arbeitslos zu werden, als jüngere. Aber sie bleiben länger arbeitslos. Es gilt also, Lösungen zu finden. In der neuen Rentenreform wollen wir beispielsweise erreichen, dass diese Arbeitnehmer wegen höherer Beiträge nicht teurer sind.

Und die Arbeiter auf dem Bau sollen bis 67 schuften?
Klar kann ein Bauarbeiter nicht so lange arbeiten wie jemand, der immer in einem Büro war. Aber wir sind in einer Dienstleistungsgesellschaft. Also gibt es vermehrt Leute wie Sie und ich, die es können. Und für die anderen müssen wir Branchen-Lösungen finden.

Sie waren einst Mitarbeiter von Bundesrat Hans-Rudolf Merz. Als Co-Autor arbeiteten Sie an jener berühmten Rede mit, in welcher er sagte, man werde sich am Bankgeheimnis die Zähne ausbeissen. Ich habe meine Zähne noch.
Das freut mich für Sie. Die Rede richtete sich aber ans Ausland, das damals grossen Druck ausübte. Die bürgerliche Mehrheit unterstützte unsere Haltung. Man wollte die Privatsphäre schützen, statt Daten in die Welt zu schicken. Aber manchmal kann man seine Position im internationalen Druck leider nicht halten. Das macht die Anliegen von damals aber nicht falsch.

Wie das Geschäftsmodell der Banken aussieht, ist nicht Sache der Politik



Der Bundesrat will, dass die Banken ihren Kunden noch genauer auf die Finger schauen, die FDP ist dagegen. Wieso wehren Sie sich gegen einen sauberen Finanzplatz?
Der Steuerpflichtige hat die Verantwortung, seine Gelder korrekt zu deklarieren. Den Banken weitere Prüfpflichten aufzubürden, bedeutet, die Banken zum Hilfssheriff des Staates zu machen. Und das ist nicht die Aufgabe einer privaten Unternehmung.

Aber viele Banken nahmen Ihre Sorgfaltspflicht über Jahre nie wahr. Deshalb musste 2008 die Allgemeinheit die UBS retten.
Das war wegen der Hypothekarkrise und ein unschöner Ausnahmefall. Wir haben hier aber die gleichen Interessen, Frau Leutenegger. Wir wollen beide, dass die Banken Fehler machen oder gar Konkurs gehen können, ohne dass die Allgemeinheit bezahlen muss. Diese Regeln werden zu Recht verschärft. Aber wie das Geschäftsmodell der Banken aussieht, ist nicht Sache der Politik.

Ihr Parteipräsident hat gesagt, der Freisinn werde im Dezember zwei SVP-Bundesräte wählen. Diese müssten aber für die Weiterführung der bilateralen Verträge sein.
Nein, Philipp Müller meinte, die Zustimmung zu den Bilateralen sei ein wichtiges Kriterium. Auch ich finde, dass der SVP zwei Sitze zustehen. Und wenn ich wählen kann, ist auch mir diejenige Person lieber, die für die Bilateralen einsteht. So wie ich lieber einen SP-Bundesrat wähle, der den Kapitalismus nicht abschaffen will.

Wenn man über Gleichberechtigung spricht, muss man alles auf den Tisch legen



Die Schweizer Wirtschaft leidet unter dem starken Franken. Wo stehen Sie? Auf der Seite der Währungs-Spekulanten, die nichts unternehmen möchten, oder auf der Seite des Werkplatzes Schweiz?
Natürlich auf der Seite des Werkplatzes. Aber er braucht nicht eine neue unglaubwürdige Währungsgrenze der Nationalbank, sondern gute Rahmenbedingungen. Dazu gehören die kommende Unternehmenssteuerreform, ein freier Arbeitsmarkt und Freihandelsabkommen.

Ein anderes Thema: Sie haben sich kürzlich darüber ausgelassen, dass im letzten Gleichstellungsbericht die Diskriminierung der Männer nicht thematisiert wurde. War das ein Scherz?
Es ist mir ernst. In diesem Bericht wird auf 117 Seiten nicht ein Mal erwähnt, dass nicht nur Frauen, sondern auch Männer benachteiligt werden. Männer haben ein höheres Rentenalter, leisten Militärdienst und erhalten kaum je eine Witwerrente. Wenn man über Gleichberechtigung spricht, muss man alles auf den Tisch legen.

Sie und Ihre Partnerin erwarten im Januar Ihr zweites Kind, herzlichen Glückwunsch. In Umfragen gibt es Mehrheiten für einen Vaterschaftsurlaub in der Schweiz. Sie haben den Vorschlag gemacht, dass dieser dem Mutterschaftsurlaub abgezogen werden soll. Das wäre ja ein Sozialabbau sondergleichen!
Nein, alle gewinnen mit meinem Vorschlag: Eine Frau hat heute 14 Wochen Mutterschaftsurlaub. Wenn sie aber nach 12 Wochen wieder arbeiten geht, dann verfallen zwei Wochen. Mein Vorschlag ist, dass sie diese zwei Wochen dem Vater übertragen kann. Das stärkt die Wahlfreiheit, ohne die Sozialwerke zu belasten.

Wir organisieren Sie und Ihre Partnerin die Kinderbetreuung?
Meine Freundin arbeitet an zwei Tagen die Woche. An diesen Tagen übernehmen die Grosseltern unsere Fiona, gelegentlich auch eine Tagesmutter. Wir sind auch gerade dabei, sie an die Kita zu gewöhnen. Ich übernehme jeweils die Randzeiten, wenn ich nicht in Bern bin. Ich gehe nach Möglichkeit später arbeiten oder komme früher aus dem Büro nach Hause.

Teilen Sie meine Meinung, dass sich eine Berufstätigkeit der Frau oftmals kaum lohnt, weil die Kinderkrippen teilweise so teuer sind?
Ja, das gibt es. Aber es ist nicht die Rolle des Staates, mit der Giesskanne Geld zu verteilen und die Krippen zu verbilligen. Krippen könnte man, wenn man die viel zu hohen Auflagen und Standards etwas runtersetzen würde, viel günstiger betreiben. 5-Jährige brauchen keine getrennten WC!

Das bedeutet am Ende, dass vor allem schlechter ausgebildete Frauen zu Hause bleiben müssen



Wie hoch sind die Krippenkosten in Appenzell Ausserrhoden?
Wir bezahlen in Herisau gut 80 Franken für den Krippentag. Dann gibt es noch Zuschüsse vom Arbeitgeber und auch von der Gemeinde, aber nur sofern nötig, was ich richtig finde. Aber klar, wenn jemand im Service arbeitet und vier Kinder in die Krippe bringt, dann lohnt sich das finanziell kaum. Dann muss man sich überlegen, ob man nicht besser bei den Kindern bleibt.

Das ist entlarvend, was Sie sagen. Das bedeutet am Ende, dass vor allem schlechter ausgebildete Frauen zu Hause bleiben müssten.
Aber wenn jemand ein tiefes Einkommen hat, macht es unter Umständen mehr Sinn, zu Hause bei den Kindern zu bleiben. Ich weiss nicht, was daran schlecht sein soll. Kinder sind doch erfüllender. Menschen mit geringen Einkommen sollte man besser mit Geld zur freien Verfügung helfen.

In der Praxis wird jede zweite Ehe geschieden. Und viele Frauen finden im Arbeitsmarkt keinen Anschluss. Was sind Ihre politischen Ziele für die nächste Legislatur?
Die gleichen wie in den vergangenen vier Jahren. Was mir politisch auf den Tisch kommt, schaue ich nach zwei Gesichtspunkten an: Ist es gut für Ausserrhoden und die Ostschweiz, und ist es liberal.

Haben Sie auch soziale Ziele?
Selbstverständlich. Die ergeben sich daraus. Eine liberale Wirtschaftsordnung führt zu Wohlstand. Und mit diesem Wohlstand können wie denjenigen helfen, die unverschuldet in Not sind.

Nächste Woche: Andrea Caroni interviewt GLP-Nationalrätin Tiana Moser.

Im Dossier: Alle Interviews aus der Wahl-Stafette

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