Die Wahl-Stafette: Caroni befragt Moser «Ich finde ein Kind intensiv, Sie haben drei!»

Beide haben kleine Kinder. Beide sind politische Jungstars. Doch wenn es um Krippen und Schulen geht, sind sich FDP-Nationalrat Andrea Caroni und die grünliberale Nationalrätin Tiana Angelina Moser alles andere als einig.
Andrea Caroni FDP Tiana Angelina Moser Grünliberale Wahlen 2015
© Monika Flückiger

Im Lift nach oben: Andrea Caroni übergibt im Bundeshaus den SI-Stafettenstab an Tiana Moser.

Sie sind nur ein Jahr auseinander: Andrea Caroni, 35, und Tiana Angelina Moser, 36, verstehen sich persönlich bestens. Doch im Interview mit seiner grünliberalen Kollegin will es FDP-Nationalrat Caroni genau wissen.

Frau Moser, Sie sind in Zürich geboren, haben in Zürich studiert, wohnen in Zürich. Waren Sie schon mal in meinem Appenzellerland?
Sicher! Ich gehe sehr gern ins Appenzellerland!

Wo waren Sie denn schon?
Bollenwees, Meglisalp, Hoher Hirschberg. Das ist wunderschön zum Wandern. Vor allem die Beizli sind toll: urchig, sympathisch.

In Appenzell Ausserrhoden gibts keine Grünliberale Partei. Bei den Wahlen droht Euch auch in anderen Kantonen die Bedeutungslosigkeit.
Seit der Gründung sind wir immer nur gewachsen. Jetzt kommt die Bewährungsprobe.

Herr Caroni, Sie sitzen mit mir im gleichen Parlament!



Bei Euch Grünliberalen steht immer Parteipräsident Martin Bäumle im Vordergrund. Nervt Sie das?
Herr Caroni, Sie sitzen mit mir im gleichen Parlament! Sie sollten wissen, dass wir zwölf sehr engagierte und präsente Nationalrätinnen und Nationalräte haben!

Die eine Hälfte sind tatsächlich Polittalente. Die andere Hälfte aber sind politferne Tüftler. Und die Öffentlichkeit nimmt vor allem Martin Bäumle wahr.
Der Präsident steht bei allen Parteien im Fokus. Eine gute Mischung von Personen, die die Öffentlichkeit suchen, und solchen, die sich vertieft in die Dossiers knien, scheint mir zudem gesund für eine Partei.

Ihr seid eine sehr heterogene Truppe. Trotzdem fällt auf, dass Ihr im Parlament recht geschlossen auftretet - wie die FDP ja auch.
(Lacht.) Ah ja? Bei der Landwirtschaft seid Ihr Euch nicht gerade einig, was der richtige Weg ist. Wir würden uns freuen, wenn Ihr da konsequenter für mehr Markt und weniger Protektionismus einstehen würdet.

Okay, da haben wir einen kleinen Tolggen im Reinheft - wenn auch nicht wegen mir.
Wir Grünliberalen sind eine kleine Fraktion. Da können wir es uns nicht leisten, unsere Stimmen im Parlament gegenseitig aufzuheben.

Also gibts bei Euch Fraktionszwang.
Nein. Wir diskutieren unsere Position intern, bis wir eine einheitliche Linie haben. Und diese tragen dann meistens alle mit. Fraktionszwang gibt es bei der FDP!

Nein, in der FDP stimmt man sehr frei. Wir verlangen nur bei ein bis zwei strategischen Vorlagen pro Jahr Geschlossenheit. Zum Beispiel bei den bilateralen Verträgen.
Und bei der Vorlage zur grünen Wirtschaft, mit der wir die natürlichen Ressourcen besser schützen und mehr Transparenz herstellen wollten: Da schrieb die FDP-Fraktion allen Mitgliedern vor, Nein zu stimmen. Obwohl es eine Frage der Verantwortung wäre, etwas über den eigenen Tellerrand hinauszuschauen.

Mit Eurer Volksinitiative für eine Besteuerung der Energie hattet Ihr auch keinen Erfolg - sondern mit nur acht Prozent Zustimmung das schlechteste Resultat aller Initiativen. Gut, ich muss zugeben, dass die FDP bei ihrer Bürokratiestopp-Initiative die 100 000 Unterschriften nicht erreichte.
Ich bin ja froh, dass Sie sich ungefragt selbstkritisch zeigen. Wenn Sie selbst mal eine Volksinitiative zustande bringen, können Sie sich dann über uns lustig machen!

Okay, den Seitenhieb auf die FDP habe ich verstanden



Lieber keine Initiative, als dermassen grandios vor dem Volk zu scheitern. Wollen Sie wieder einmal eine Initiative lancieren?
Heute und morgen sicher nicht. Aber mittelfristig ist das denkbar. Es ist ein Zeichen der Stärke für eine Partei, wenn sie initiativfähig ist.

Okay, den Seitenhieb auf die FDP habe ich verstanden.
Genau. Versucht Ihr denn wieder einmal, 100'000 Unterschriften für eine Initiative zu sammeln?

Da lassen wir jetzt einmal die Finger davon. Als staatstragende Partei können wir unsere Ideen auch anders einbringen. Ihr Grünliberalen wollt ja ebenfalls eine Wirtschaftspartei sein. Sind Sie für Frauenquoten in den Führungsetagen von Unternehmen?
Als liberal denkender Mensch habe ich keine Freude an Quoten. Aber die Situation in der Schweiz ist unhaltbar: Es gibt heute sogar weniger Frauen in Chefpositionen als früher.

Das heisst?
Ich will, dass beim Frauenanteil ein Zielwert definiert wird. Wenn die Unternehmen diesen verfehlen, müssen sie aufzeigen, wie sie das Ziel künftig erreichen wollen.

Und wenn das nichts nützt, wollen Sie Quoten?
Ich habe Vertrauen in unsere Wirtschaft. Ich will Quoten verhindern. Aber ich bin auch nicht bereit, Diskriminierungen in Kauf zu nehmen. Denn diese sind das Gegenteil von liberal.

Also schliessen Sie Frauenquoten nicht aus?
Eine Quote ist nicht mein Ziel. Aber sie kann ein letztes Mittel sein.

Ich bin Jungvater und finde schon ein Kind sehr intensiv. Sie haben drei Kinder. Bleibt da noch Platz für einen Beruf neben der Politik?
Als wir zwei Kinder hatten, arbeitete ich noch als wissenschaftliche Mitarbeiterin an der ETH. Heute bin ich mit dem Fraktionspräsidium, der Parlamentsarbeit und drei Buben ausgelastet. Wie sieht das bei Ihnen aus? Sie bekommen ja im Januar das zweite Kind.

Ich arbeite mit einem 30-Prozent-Pensum in einer Anwaltskanzlei.
Das geht?

Ich habe für einen Anwalt sicher ein tiefes Arbeitspensum. Doch das Arrangement geht meines Erachtens für beide Seiten auf.
Wie können Sie da noch Klienten betreuen?

Aber eigentlich stelle ja ich hier die Fragen...



Ich habe natürlich relativ wenige Kunden. Und ich schaue, dass ich nicht allzu oft vor Gericht muss, sondern auch juristische Beratung machen kann, beispielsweise mit Verträgen und Gutachten.
Geben Sie Ihren Beruf mit dem zweiten Kind auf?

Nein. Ob ich neben Parlament und Beruf einem oder zwei Kindern schaue, spielt ja keine Rolle. Ich bin sehr frei in der Einteilung meiner Zeit. Aber eigentlich stelle ja ich hier die Fragen: Sind Sie dafür, dass der Staat auch gut verdienenden Eltern subventionierte Krippenplätze zur Verfügung stellt?
Es gibt bessere Modelle wie Betreuungsgutscheine, die marktwirtschaftlich funktionieren. Aber klar, die Krippenkosten sind heute zu hoch. Es muss sich wieder lohnen zu arbeiten. Bei den heutigen Betreuungskosten ist es umgekehrt: Der Mittelstand hat einen permanenten Anreiz, nicht zu arbeiten. Das ist falsch.

Nehmen Sie für Ihre Kinder subventionierte Krippenplätze in Anspruch?
Nein, meine Kinder sind nicht in der Krippe.

Wer schaut ihnen denn?
Ich habe eine Kinderfrau, die zu uns kommt. Und die Grosseltern. Ich würde meine Kinder gerne in die Krippe schicken. Aber als Nationalrätin brauche ich eine flexiblere Betreuung. Es gibt einen riesigen Handlungsbedarf bei der Kinderbetreuung in der Schweiz. Unsere öffentlichen Schulen machen es schwierig, dass Vater und Mutter arbeiten.

Die Schulen sind auch nicht dazu da, den Eltern eine Arbeit zu ermöglichen. Sie sind dazu da, die Kinder auszubilden!
Man kann das kombinieren: Die Schulen sollen die Kinder ausbilden. Und gleichzeitig nicht verhindern, dass Vater und Mutter arbeiten können. Indem die Schulen eine Betreuung über den ganzen Tag anbieten. Zu einem Preis, bei dem sich die Erwerbstätigkeit lohnt.

Unsere Stimmen werden bei den Bundesratswahlen relevant sein



Zum Schluss muss ich noch die obligate Bundesratsfrage stellen: Werden die Grünliberalen einen zweiten SVP-Bundesrat wählen anstatt Frau Widmer-Schlumpf?
(Seufzt.) Gut. Wir haben immer gesagt, dass wir zur Konkordanz stehen und die beiden grössten Parteien je zwei Bundesräte haben sollen. Aber wir werden auch die Gesamtkonstellation und die konkreten Kandidaten beurteilen: Fügen sie sich ins Konkordanzsystem ein? Wo stehen sie bei unseren Kernanliegen? Deshalb werden wir diese Frage erst nach den Wahlen beurteilen.

Ich sehe, Ihr Grünliberale wollt bei den nächsten Bundesratswahlen Königsmacher spielen.
Unsere Stimmen werden bei den Bundesratswahlen relevant sein.
Seien wir also gespannt, wie die Wahlen am 18. Oktober ausgehen.

Nächste Woche: Tiana Moser interviewt Grünen-Nationalrätin Aline Trede.

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