Die Wahl-Stafette: Grunder befragt Lombardi «Blocher ist auf Rache aus»

Der Tessiner Filippo Lombardi hält die Abwahl von Christoph Blocher für einen Fehler und stellt den Sitz von Eveline Widmer-Schlumpf infrage. Nun nimmt BDP-Nationalrat Hans Grunder den CVP-Ständerat ins Gebet.
Filippo Lombardi CVP und Hans Grunder BDP Wahlen 2015 Christoph Blocher
© Geri Born

Hans Grunder (r.) lädt Filippo Lombardi in seinen Tesla. Der Tessiner fährt einen «alten, einfachen Toyota».

Kaum hat sich Filippo Lombardi, 59, angeschnallt, tritt Hans Grunder, 59, aufs Gaspedal. «Jetzt zeige ich Ihnen, wie schnell der Tesla beschleunigt.» - «Achtung, sonst ist das Billett weg!», ermahnt ihn Lombardi. Für das Interview setzen sich die beiden ganz legal auf die Rückbank, und Grunder legt los.

Hans Grunder: Filippo Lombardi, seit 15 Jahren politisieren Sie in Bundesbern...
Filippo Lombardi: Zu lange, meinen Sie?

Nein, das sage ich nicht. Aber wann werden Sie Bundesrat?
Ziel eines Politikers sollte sein, dem Land und dem Volk zu dienen. An welcher Position - das entscheidet er nicht selbst.

Aber Sie würden gerne!
Es gibt wenige Plätze im Bundesrat. Und sie sind sehr gefragt. Aber ich halte mich für das Volk jederzeit bereit! (Lacht.)

Ich habe schon damals gesagt, die Schweiz wird für die Abwahl Blochers einen hohen Preis bezahlen.


Das Tessin ist unzufrieden mit Bern - nicht zuletzt weil der Kanton nicht im Bundesrat vertreten ist. Braucht es eine Sitzgarantie für das Tessin oder gar neun Bundesräte?
Ich war immer für neun Bundesräte. Dadurch wären die Minderheiten vertreten. Und die Arbeitslast könnte besser auf die Bundesräte verteilt werden. Besonders jetzt, wo sie fast im Wochentakt an Konferenzen im Ausland teilnehmen. Eine Sitzgarantie braucht es aber nicht.

In einer Kolumne im «Corriere del Ticino» schreiben Sie, die Abwahl Blochers war ein Fehler.
Ich habe schon damals gesagt, die Schweiz wird für die Abwahl Blochers einen hohen Preis bezahlen. Und ich behaupte heute noch, dass wir gewisse politische Kriege im Bundesrat nicht erlebt hätten.

Da bin ich anderer Meinung.
Für mich ist klar: Blocher ist seit seiner Abwahl beleidigt und auf Rache aus. Das kann für das System Schweiz, das auf Konkordanz beruht, nicht gut sein.

Sie sind also gegen die Abwahl von amtierenden Bundesräten.
Ich bin gegen die Abwahl, wenn sie die Konkordanz zerstört. Die Bundesratssitze sollten nach der Stärke der Parteien im Parlament vergeben werden. Als meine liebe Freundin Ruth Metzler 2003 nicht mehr gewählt wurde, hat das Parlament im Sinne der Parteienstärke entschieden und wählte einen zweiten SVP-Vertreter. Das war für uns sehr schmerzhaft, aber irgendwie nachvollziehbar. Die Abwahl Blochers in diesem Sinne nicht.

Werden Sie Eveline Widmer-Schlumpf wählen?
Erst nach den Wahlen wissen wir, wie stark die Parteien sind. Und erst nach den Wahlen wissen wir, ob Widmer-Schlumpf wieder kandidiert. Es macht also keinen Sinn, diese Polemik jetzt zu beginnen.

Im «Corriere» haben Sie aber für Ihre Abwahl geworben!
Nein! Ich habe bloss den Wählern meine Gedanken mitgeteilt, weil diese Frage im Tessin öfter gestellt wird als anderswo. Ich wollte keinen nationalen Wahldisput auslösen. Leider spielt im Moment die Logik der Konkordanz gegen Widmer-Schlumpf.

Bei der Wahl von Widmer-Schlumpf 2007 waren Sie ja schon ein Schwergewicht in der Politik...
Nein, nein. Ich bin erst später schwerer geworden (lacht).

Es kann doch nicht sein, dass der Präsident der viertgrössten Partei nicht mehr in Bern ist.

Also gut. Aber Sie waren eingeweiht?
Nein. Ich und elf Parteikollegen haben sie auch nicht gewählt.

Ich auch nicht, denn da war ich noch in der SVP. Bei den Wahlen tritt Ihr Präsident Christophe Darbellay gar nicht mehr an. Stattdessen orientiert er sich Richtung Wallis, wo er in die Regierung will. Es kann doch nicht sein, dass der Präsident der viertgrössten Partei nicht mehr in Bern ist.
Die Statuten wollen es so, dass wir erst im Frühling seinen Nachfolger wählen.

Und wer wird das sein?
Das steht noch in den Sternen.

Ein Parlamentarier aus Bern?
Das wäre von Vorteil. Wir werden sicher genügend Kandidaten haben.

In Ihrer Partei ist man sich oft nicht einig. Etwa beim Gotthard. Der Luzerner CVP-Ständerat Konrad Graber kämpft an vorderster Front gegen eine zweite Röhre. Das muss Sie als Tessiner ärgern!
In der Fraktion haben bis auf Graber im Ständerat und zwei Kolleginnen im Nationalrat alle für die Sanierungsröhre gestimmt. Ich kann mich also nicht beklagen. In einer nicht stalinistischen Partei hat man eben das Recht, auch eine andere Meinung zu vertreten.

Konrad Graber ist aber kein Einzelfall. Keine andere Partei klafft im Links-rechts-Rating so auseinander wie die CVP. Wie gehen Sie als Fraktionspräsident damit um, eine Wundertüten-Partei zu sein?
Die Wundertüte dürfen Sie behalten! Wir sind eine Mittepartei mit einem breiteren Spektrum als die polarisierenden Aussenparteien.

Trotzdem: In der SVP hat der Fraktionschef jeweils auf den Tisch gehauen und befohlen.
Genau deshalb bin ich nicht in der SVP! Obwohl mein Grossvater 20 Jahre lang für diese Partei als Regierungsrat im Kanton Freiburg politisierte. Ich pflege die Kultur des Dialogs. Deshalb stört es mich auch nicht, eine Fraktion zu führen, in der die Meinungsfreiheit gelebt wird. Wir haben manchmal verschiedene Ansichten, versuchen aber Kompromisse zu finden.

Leider kann man heute mit Kompromissen oft nicht punkten.
Klar müssen Parteien gewisse Kämpfe ausfechten, damit sie gehört werden. Das ist nun mal der Zeitgeist. Problematisch wird es, wenn es nur noch darum geht, Lärm zu machen. Etwa mit der Rasa-Initiative, welche die Masseneinwanderungsinitiative rückgängig machen will. Sie wird unseren Bundesräten und Diplomaten in Brüssel die Verhandlungen noch mehr erschweren.

Es dürfen keine neuen AKW gebaut werden. Punkt.

Man kann die Fehler nicht immer bei den anderen suchen. Was machen die Mitteparteien falsch?
Wir müssen uns besser positionieren und deutlicher kommunizieren. Zudem sind wir in der Mitte zu zersplittert. 2011 hat die Mitte zwar zugelegt, doch statt drei haben wir nun fünf Parteien.

Die Energiewende haben wir gemeinsam eingeläutet. Nun wird gemunkelt, dass die CVP diese im Ständerat verwässern will. Stimmt das?
Ich war zwar nicht von Anfang an ein begeisterter Verfechter dieser Wende. Man hat nach Fukushima sehr schnell reagiert und darf jetzt keinen Zickzack-Kurs fahren. Es dürfen keine neuen AKW gebaut werden. Punkt.

Obwohl die Union von CVP und BDP gescheitert ist, sprechen wir noch miteinander. Können wir unsere Beziehung nach den Wahlen wieder vertiefen, oder ist diese Türe zu?
Ich schliesse nie irgendwelche Türen.

Das christliche C im Namen CVP sorgt parteiintern immer wieder für Diskussionen. Ist für Sie das C ein Handicap?
Interessanterweise hat die Tessiner Partei kein C im Namen. Dort heissen wir Partito Popolare Democratico.

Sie haben mich 50'000 Franken gekostet, weil sie uns Spieler weggeschnappt haben! Wie viel kostet Ihr Tesla?

Wie übersetzt man das?
Demokratische Volkspartei.

Das wäre doch ein guter Name!
Es sollte langsam allen bekannt sein, dass wir trotz C im Namen keine Kirche vertreten. Wir vertreten ein Programm, das auf Werten basiert. Auf christlichen und menschlichen Werten. Mich stört das C überhaupt nicht.

Von der Religion zum Sport. Unsere gemeinsame Leidenschaft ist das Hockey. Sie führen den HC Ambri Piotta, ich war Präsident der SCL Tigers.
Lombardi: Genau, Sie haben mich 50'000 Franken gekostet, weil sie uns Spieler weggeschnappt haben! Wie viel kostet Ihr Tesla?
Grunder: 100'000 Franken.
Lombardi: Gut, dann nehme ich die Hälfte des Teslas als Entschädigung (beide lachen).

Wenn Sie schon die Finanzen erwähnen: Wie steht es um Ambri?
Besser als auch schon, aber immer noch schlecht. Es ist der härteste Kampf, den ich je geführt habe. Politik ist ein Scherz im Vergleich.

Man kennt Sie als Politiker und Ambri-Präsidenten. Was macht der Privatmann Lombardi?
Um es mit den Worten von Kaiser Wilhelm II. zu sagen: «Ich habe keine Zeit, müde zu sein.»

Nächste Woche: Filippo Lombardi interviewt SP-Nationalrätin Susanne Leutenegger Oberholzer.

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