Die Wahl-Stafette: Rickli befragt Grunder «Wer wird zweiter SVP-Bundesrat?»

Politiker als Journalisten - die «Schweizer Illustrierte» machts möglich. Im Zug nach Bern nimmt SVP-Nationalrätin Natalie Rickli BDP-Nationalrat Hans Grunder in die Mangel. Weshalb sie ihn als «Schwänzer» bezeichnet und mit welcher Frage sie ihn zum Lachen bringt. 
Wahl-Stafette 2015 Hans Grunder Natalie Rickli
© Geri Born

Stafetten-Übergabe: Nach Natalie Rickli ist Hans Grunder als Interviewer am Zug. «Ich freue mich darauf.»

Natalie Rickli, 38, ist bereit. Die Fragen hat sie auf Papier ausgedruckt und nummeriert, den Kugelschreiber in der Hand. Sie fragt Hans Grunder, 59: «Sind Sie nervös?» - «Nein, ich bin gespannt. Schiessen Sie los!»

Natalie Rickli: Hans Grunder, welche Journalisten-Frage nervt Sie am meisten?
Hans Grunder: Ob Eveline Widmer-Schlumpf bei den Bundesratswahlen nochmals antritt. Diese Frage wird mir in jedem Interview gestellt. Ehrlich: Das nervt mich.

Damit haben Sie gleich meine zweite Frage beantwortet, welches die meistgestellte Frage ist.
Genau. Es ist bekannt, dass ich einen sehr guten Draht zur Bundesrätin habe. Aber im Moment gibt es nichts zu sagen.

Aber Sie wissen, ob sie nochmals antritt?
Sie stellen Fragen wie eine richtige Journalistin! (Lacht.) Ohne Anwalt sage ich dazu nichts.

Also gut. Welche Frage würden Sie gerne beantworten?
Was ich als Unternehmer erreicht habe. Leider werde ich meist nur als BDP-Gründer und Pferdezüchter wahrgenommen.

Und? Was haben Sie erreicht?
Ich habe einen Ein-Mann-Ingenieurbetrieb zu einem Unternehmen mit 280 Angestellten ausgebaut. Und ich bin noch heute mit Leib und Seele Unternehmer.

Stehen Sie deshalb an der Spitze der Schwänzer-Liste im Nationalrat?
Unternehmer fehlen bei Abstimmungen im Rat häufiger. Manchmal setzen wir die Prioritäten bei unserem Geschäft. Wir sind ein Milizparlament, dafür kämpfe ich. Wir haben nur zehn echte Unternehmer im Parlament. Das ist keine gute Entwicklung.

Ich habe recherchiert: Als Politiker haben Sie keine Internetsite und kein Facebook-Profil. Wie wollen Sie jüngere Wähler erreichen?
Mir fehlt schlicht die Zeit dafür. Und ich finde nichts so peinlich wie eine veraltete Homepage.

Unter Ihnen als Präsident ist die BDP gewachsen. Nun ist Martin Landolt am Ruder, und die Partei verliert. Was macht er schlechter?
Ich habe bei null angefangen, da konnte es nur bergauf gehen. Jetzt müssen wir uns beweisen. Spannend ist, dass die Umfragen vor vier Jahren schlechter waren als heute.

Sie haben inhaltlich noch nichts gesagt. Weil die BDP gar kein Programm hat?

Das ist noch keine Antwort!
Martin Landolt macht nichts schlechter, er machts anders. Er ist jünger. Er ist auf Facebook. Wir haben einen guten Mix.

Sie haben bis jetzt inhaltlich noch nichts gesagt. Ist das, weil die BDP gar kein Programm hat?
Sie haben bis jetzt auch keine Themenfrage gestellt! Immer wirft man uns vor, wir hätten kein Programm. Dabei hatten wir schon fünf Monate nach der Gründung ein Programm inklusive Schwerpunktthemen.

Sie haben noch immer kein Thema erwähnt!
Jetzt kommt es: die Energiewende. Die BDP forderte als erste Partei, dass die Schweiz keine neuen Atomkraftwerke mehr baut.

Grüne und SP sagen das schon lang.
Aber wir haben den ersten Vorstoss dazu eingereicht.

Die Grünen haben den Ausstieg gefordert, da gabs Euch noch gar nicht.
Die Grünen sind generell gegen AKW. Wir haben die Energiewende lanciert. Hier geben wir den Ton an, sind bei Abstimmungen oft das Zünglein an der Wage.

Euer Parteikollege Urs Gasche ist Präsident des Stromkonzerns BKW. Das ist doch ein Widerspruch!
Überhaupt nicht. Die BKW ist das erste Unternehmen, das entschieden hat, ein bestehendes AKW frühzeitig vom Netz zu nehmen.

Das B in der BDP steht für bürgerlich, also für gesunde Finanzen. Die Energiewende wird extrem teuer.
Das meint die SVP...

...heute bin ich Journalistin!
Also gut: Das ist total falsch. Die Energiewende ist eine riesige Chance. Sie wird viele Arbeitsplätze generieren.

Staatliche.
Nein!

Aber sie ist teuer?
Nur wegen der heutigen Subventionen für Solar- und Windstrom. Deshalb bin ich dafür, diese Subventionen 2031 zu stoppen.

Das D in BDP steht für demokratisch. Sie waren aber dagegen, die Ausschaffungsinitiative wortgetreu umzusetzen.
Im Parlament war ich für den Gegenvorschlag zur Initiative.

Die SVP hat gute Ideen, will aber keine Lösungen

Dieser spielt keine Rolle mehr: Das Volk hat die Initiative angenommen.
Und was haben wir jetzt davon? Wäre die SVP damals kooperativ gewesen, hätten wir den Gegenvorschlag schon lange umgesetzt. Das werfe ich eurer Partei vor: Sie hat gute Ideen, will aber keine Lösungen.

Sie antworten nicht auf meine Frage. Bei der Masseneinwanderungsinitiative wollen Sie den Volkswillen ebenfalls nicht akzeptieren.
Ich sage nicht, man solle die Initiative nicht umsetzen. Ich will dem Volk einfach noch eine andere Frage stellen.

Die wäre?
Ob es die bilateralen Verträge nicht mehr will.

Sind Sie für die RASA-Initiative, welche die Masseneinwanderungsinitiative rückgängig machen will?
Nein. Dieselbe Frage nochmals zu stellen, ist für mich Zwängerei.

Wir geben eine Milliarde für Entwicklungshilfe aus, und es nützt wenig

Die steigenden Asylzahlen zeigen: Schengen/Dublin funktioniert nicht. Der Grossteil der Menschen, die hierherkommen, sind keine echten Flüchtlinge. Die SVP fordert ein Asylmoratorium - und Sie?
Es kann nicht die Lösung sein, dass wir einen Stacheldraht um die Schweiz ziehen. Es geht um Menschen.

Aber wir können nicht alle aufnehmen! Was mich beelendet: Wir geben eine Milliarde für Entwicklungshilfe aus, und es nützt wenig.
Ich sage ja nicht, dass wir alle aufnehmen müssen. Als Schutz für die Flüchtlinge müsste die Schweiz helfen, an der Küste Libyens eine entmilitarisierte Zone einzurichten - wie es Euer Nationalrat Andreas Aebi verlangt. Doch der Bundesrat versteckt sich hinter der Ausrede, man sei nicht im Sicherheitsrat der Uno.

Da sind wir uns mal einig.
Sehen Sie!

Zurück zur BDP: Ihr habt mit der CVP eine Union angestrebt. Unterscheidet Ihr Euch überhaupt?
Wir haben in Sachthemen grosse Übereinstimmungen. Deshalb sind wir überhaupt auf die Idee einer Union gekommen. Diese ist wahrscheinlich daran gescheitert, dass wir eine andere Parteigeschichte haben.

Dass heisst: Sonst seid Ihr austauschbar.
Nein. Die BDP-Politiker haben alle ein rechtsbürgerliches Profil. Bei der CVP vertreten einige Parlamentarier deutlich linkere Meinungen.

Als BDP-Mitbegründer gehe ich nicht von Bord, wenn es stürmt

Sie haben laut über einen Rücktritt nachgedacht. Wieso haben Sie sich dagegen entschieden?
Es ist bekannt, dass ich zwei Schlaganfälle hatte. Das muss ich ernst nehmen. Doch ich will helfen, die Energiewende ins Trockene zu bringen. Und als Mitbegründer der BDP gehe nicht einfach von Bord, wenn es stürmt.

Wenn Sie im Herbst wiedergewählt werden: Welchen SVP-Kandidaten wählen Sie als zweiten Bundesrat?
(Grunder lacht laut.)

Ich habe extra nicht die Frage nach Widmer-Schlumpf gestellt!
Wenn ich richtig orientiert bin, hat es die SVP nicht gerne, wenn man ihr Kandidaten aufschwatzt. Wenn es eine Vakanz gibt, würde ich Nationalrat Thomas Hurter (SH) in den Bundesrat wählen.

Rickli bedankt sich für das Interview mit einer Packung Nastücher. «Damit Sie sich bei der Wahlniederlage die Tränen trocknen können.» Grunder kontert. «Sie meinen die Freudentränen.»

Nächste Woche: Hans Grunder interviewt CVP-Ständerat Filippo Lombardi.

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