Abseits des Publikums Fünf Momente in Wendy Holdeners Skifahrerleben

Die grossen Momente von Kombi-Weltmeisterin Wendy Holdener werden von der Kamera eingefangen, die kleinen teilt sie. Und dann gibts noch solche, an die niemand denkt. Von fünf Momenten im Skifahrerleben, die abseits des Publikums stattfinden.
wendy holdener
© Fabienne Bühler

«Das erste Mal wieder auf den Ski fühlt sich wie ein Rattern an.»

1: Der Moment, in dem sie nach drei Monaten Sommer-Training wieder die Ski und den Schnee unter den Füssen spürt.

Mutter Daniela Holdener rührt im Kochtopf. «In fünf Minuten gibts Essen!» Die Kamera schwenkt auf den Küchenboden, wo Wendy bei Stabilisationsübungen schnauft und «okay!» ruft. Eine Szene im Familien-Alltag von Weltmeisterin Holdener, 24, die es in vielen Skifahrer-Familien gegeben hat. Eine Szene, die heute ihren Weg über Social Media in die Öffentlichkeit findet, die Fans ein wenig an den kleinen Momenten des Lebens teilhaben lässt. Die grossen fängt ohnehin die Kamera ein: Wie Holdener im Winter immer wieder aufs Podest steigt. Wie sie nach dem Sieg in der alpinen Kombination während der Nationalhymne gemeinsam mit ein paar tausend Fans in St. Moritz ein paar Tränen verdrückt. Wie sie nach dem WM-Slalom die Arme in die Höhe reisst.

Doch es gibt Momente, die ausserhalb des Rampenlichts stattfinden. Momente, die gar nicht spektakulär sind, aber ebenso einen Einblick bieten ins Leben einer der besten Skifahrerinnen der Welt. Der Geruch von frischem Schnee am frühen Morgen, ein Kribbeln im Bauch, die Ungeduld beim Anstehen am Skilift. Erinnern Sie sich noch an die Gefühle des ersten Skitags des Winters als Kind? Nun, als Profi ist die Saison-Premiere etwas weniger verklärt- romantisch. Bei Hitze gehts zur Unzeit zuerst auf eine lange Gondelfahrt und dann auf den Gletscher. «Ehrlich gesagt, ist Skifahren im Juli nicht meine Lieblingsbeschäftigung.» Wendy Holdener geniesst den Sommer möglichst lange. Sie ist eine Wasserratte und springt zu Hause täglich in den Sihlsee.

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© Privat

Auch in flüssiger Form ist Wasser ihr Element, wie hier im Seealpsee.

In diesem Jahr wars okay, Holdener hat vor dem ersten Skitag genügend Sonne tanken können. Und dann, nach dem ersten «Klick» beim Einrasten der Skischuhe in die Bindungen? Ein Rattern auf der Piste. Wie bei der Musikerin, die ihr Instrument ein paar Tage nicht berührt hat, oder beim Schriftsteller, der nach einer Schreibpause seine ersten Sätze formuliert: Ans Skifahren muss man sich wieder gewöhnen, auch als Weltmeisterin. Volles Risiko? Nicht bei Holdener. «Ich taste mich ran, nehme mir Zeit, bis ich wieder das Vertrauen habe, richtig runterfetzen zu können.» Die ersten zwei, drei Tage wird frei gefahren. Das fühlt sich so gut an, dass sie das Stangentraining am liebsten noch etwas hinauszögern würde, denn auch dort muss man das Timing erst wieder finden. Manchmal ist Holdener auch froh darum, weil die Stangen das Tempo ein wenig kontrollieren, während es beim freien Fahren bald einmal sehr schnell werden kann. Und dann gibts Muskelkater, in den Waden, manchmal im Rücken, da die Belastung trotz der intensiven Stunden im Kraftraum in den Wochen zuvor einfach eine andere ist.

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Das Krafttraining gehört überall dazu.

Seit vergangenem Jahr werden die Fahrerinnen bereits in den ersten Tagen im Technik-Training sehr gefordert. «Die Trainer bringen uns auf eine andere Art als im Stangentraining ans Limit», sagt Holdener, «ich hatte schnell ein extrem gutes Gefühl.» Rasch ins Carven kommen, geschnittene statt gerutschte Schwünge fahren, so wie man es in den Stangen braucht. «Es ist ein cooleres Üben.» Und eine happy Wendy.

2: Der Moment, wenn sie mit fast 2,5 Sekunden Rückstand auf Mikaela Shiffrin Zweite wird.

Es gibt Weltcup-Slaloms, in denen die 15 besten Athletinnen der Welt innerhalb von 2,5 Sekunden klassiert sind. Und dann gibt es Rennen wie in Jasna am 6. März 2016, in denen sind die 2,36 Sekunden der Abstand zwischen der Ersten und der Zweiten. Das kommt vor allem vor, wenn die Siegerin Mikaela Shiffrin heisst. Nach Hause rennen und überstürzt die Videoanalyse starten hilft in dem Fall nicht weiter. Holdener blickt differenzierter auf diesen Tag zurück: «Ich hatte damals einen richtigen Lauf und fand es genial, dass ich schon wieder auf dem Podest war. Da hat ganz klar das Positive überwogen.» Dennoch – ein solcher Abstand lässt einen nicht kalt. «Es wird dir natürlich bewusst, wie viel Arbeit es noch gibt, bis du ganz vorn bist. Mikaela fuhr einfach so stark.» Holdener fokussierte auf ihren Lauf, schaute, was sie für die letzten Saisonrennen noch verbessern kann. Denn bei der Besten abschauen geht nur bedingt. Sonst verzettelt man sich beim Versuch, einen Fahrstil zu kopieren, mit dem man sich gar nicht wohlfühlt. «Vergleichen, weshalb sie so schnell ist, und schauen, ob du das bei dir einbauen kannst» sei das Motto. Und was wäre das? «Es ist verrückt, wie ruhig sie im Oberkörper ist und wie stabil allgemein. Sie hat wenige Wackler.» Mit ihrem eigenen Fahrstil hat sich Holdener abgefunden; früher fand sie, dass andere schöner fahren. Dann fährt sie eben in eher gebückter Haltung, wenn sie damit schnell ist.

Früher fand ich, dass andere schöner fahren als ich. Damit habe ich mich nun abgefunden.

Verbessern kann sie sich bei der Fehlerquote. «Wenn ich aus dem Rhythmus falle, geht es ein paar Tore, bis ich mich gefangen habe.» Im Training 40 bis 60 Tore lang die Spannung zu halten, ist eine Methode, um dies zu verbessern. Im ersten Lauf des Rennens ist das Ziel, das Vorgenommene abzurufen. «Im zweiten Lauf, wenn es knapp ist, muss ich aber noch mehr denken, dass ich Mikaela schlagen will. Für die Disziplin wäre es gut, wenn wir sie da vorn mal ablösen würden.» Ein offenes, spannendes Rennen an der Spitze, wie im Riesenslalom. Im vergangenen Winter war es im Slalom knapper als auch schon: Zwischen 0,19 und 1,09 Sekunden war Shiffrins Abstand bei ihren Siegen. Das Rennen in Jasna hat Wirkung gezeigt – davon ist zumindest Holdener überzeugt, wenn sie die Entwicklung der anderen Athletinnen anschaut: «Das hat uns alle motiviert, noch mehr Gas zu geben.»

3: Der Moment, in dem sie im Sesseli zum Start eines Rennens schwebt.

Vor dem Moment bleibt auch eine Weltmeisterin nicht verschont: Ein «nein, nein» auf die Frage, ob sie noch aufs WC müsse, bevor sie sich in den Renndress zwängt, in den man allein weder hinein- noch hinauskommt. Und drei Minuten später unbedingt muss. Abgesehen von diesem Moment, der immer mal wiederkehrt: Wendy Holdener ist keine Fahrerin, die sich mit übertrieben strengen Ritualen vor einem Rennen aufhält. Wer neben ihr auf dem Sesseli zum Start sitzt, spielt keine Rolle. Und ob dann übers Wetter geredet wird oder über etwas anderes oder gar nicht, kommt halt, wies kommt. Pragmatisch, wie sie eben ist. «Und wenn mich jemand nervt, hoffe ich, dass ich nicht mit ihm auf dem Lift bin.» Doch eines macht sie immer in jenen Minuten, in denen sie hoch über dem Schnee dem Start entgegenschwebt: Sie visualisiert ihren Lauf. «Ich sehe ihn wie in echt vor mir, wenn ich ihn durchgehe.» Sie zählt allerdings nicht jedes Tor, wie es andere Athleten tun: vier Tore, Banane, sieben Tore, Vertikale... «Ich weiss nicht, wie viele Kurven ein Lauf hat. Bisher konnte ich ihn mir aber immer recht einfach merken.»

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© Fabienne Bühler

«Nach meinem Kombi-Gold dachten die Leute: Jetzt gehts ihr ja erst recht einfach, so ohne Druck.»

Während zahlreiche Skifahrer sich mit Musik beruhigen, pushen oder einstimmen, hört sie keine Musik während des ganzen Renntags, und das Handy stellt sie höchstens an, wenn sie einmal zwei Stunden Zeit hat und sich eine Serie anschaut. Am Start sind zwei Personen wichtig: Servicemann Silvio Hafele und Physiotherapeutin Miryam Leyrer, die sie je nach Laune unterhalten, beruhigen oder gar nichts sagen, wenn sie ein solches Hoch hat, dass sie keine Bestätigung braucht. Und natürlich feuern sie sie an, wenn sie aus dem Starthaus abstösst. Das schätzt sie, die Worte spielen dabei keine Rolle. «Um Himmels willen! Ich sage ihnen doch nicht, was sie mir nachlärmen sollen.» Zwei bis fünf Minuten vor dem Start ist sie wie im Tunnel, «es ist schwierig zu sagen, wann genau. Die Zeit vergeht im Gefühl nicht immer gleich schnell». Manchmal baut sie eine so gute Spannung auf, dass sie beim nächsten Start denkt, das will ich wieder!, und dann geht es doch nicht. «Davon darf man sich aber nicht verunsichern lassen.»

Die letzten paar Minuten vor dem Start ist der Puls durch die Anspannung und Nervosität etwa auf 180, obwohl Holdener nicht herumhüpft, sondern ganz ruhig dasteht. Während des Rennens schiesst er bis auf 202, das haben Messungen gezeigt. Wendy fährt gut, wenn die Zuschauer etwas von ihr erwarten. An der WM in St. Moritz blieb sie dennoch ungewöhnlich lange hinten im Starthaus, versteckte sich vor den Blicken der Fans und ihren Rufen. So, wie sie es in der jeweiligen Situation braucht. Bloss nicht zu viele feste Rituale. Es scheint eine gute Taktik zu sein.

4: Der Moment zwischen Kombi-Gold und Slalomsilber, in dem sie sich aus St. Moritz zurückzieht.

Mit Wendy und der Goldmedaille im Gepäck fährt Mutter Holdener am Tag nach der alpinen Kombination nach Unteriberg zurück. Dort ist die WM zwei Tage lang weit weg und doch ganz nah. Wendy liegt zu Hause auf dem Sofa und schaut sich gemütlich den Super-Sunday mit den beiden Abfahrten an oder wie ihre Kollegen mit Roger Federer Selfies machen. Mit dem Vater läuft sie eine Runde im Wald, sonst ist es ruhig – ausser einer Kollegin vermutet niemand, dass sie zu Hause ist.

Ich wusste damals: Es geht noch mehr, und ich will das zeigen.

Keine Angst davor, dass sie während dieser Tage die Spannung verliert? «Nein, es war eher gut, dass es mich nicht erdrückte», sagt sie rückblickend. «Es», das ist der Trubel an der Heim-WM in St. Moritz, der öffentliche Frühstücksraum im Hotel, die vielen Gratulationen und die wenigen Rückzugsorte. Aufs erste Rennen hatte sie sich perfekt vorbereiten können, «diesen Peak musste ich nochmals hinkriegen». Einerseits ist ihr die komfortable Lage bewusst, dass sie nach der WM nicht mit leeren Händen dastehen würde – Gold hat sie ja schon. Aus einem Rennen, bei dem sie zuvor wusste, dass sie eine von sechs Siegesanwärterinnen war. Ihr eigener Anspruch im Slalom ist ein anderer: Nach sechs Podien in sieben Rennen gibt es für sie nur dieses Ziel. Die Öffentlichkeit denkt zwar, dass der Druck nun weg sei und Wendy befreit auffahren könne. Für sie selber ist es nicht so. «Ich wusste damals: Es geht noch mehr, und ich will das zeigen.» Am frühen Montagmorgen fährt sie nach Lenzerheide, um zu trainieren. «Dass ich dort gut fuhr, gab mir Zufriedenheit und eine gewisse Ruhe.» Die Rückkehr nach St. Moritz? Entspannt, befreit und bereit.

5: Der erste Tag nach der Saison, an dem Skifahren nicht mehr auf dem Programm steht.

Es ist ganz praktisch, wenn man jeweils gegen Ende Saison gut in Form ist. Wie Wendy Holdener. Dann kann man mit gutem Gewissen die Ski in den Keller stellen. Ohne den nächsten Winter herbeizusehnen, um zu zeigen, was man eigentlich draufhätte. Dennoch: «Der letzte Skitag ist meistens eine grosse Erleichterung.» Das Skifahren geht ja nicht mit der Weltcup-Saison zu Ende, noch im April wird das neue Material getestet, und dann wirds Zeit. Zeit, dass die Phase im Jahr kommt, in der Holdener keinen Druck, keine Spannung, kein Müssen hat. Auf dem Sofa liegen und nichts tun, nichts denken. Obwohl der erste Tag sich nicht wie Dolce Vita anfühlt, «ich will immer so schnell wie möglich in die Ferien, um die Zeit bis zum Trainingsstart auszunützen.»

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Nach dem Weltcup-Finale in Aspen macht sie einen Zwischenstopp bei der Horseshoe Bend in Colorado, USA.

Dieses Jahr sind zwei Dinge nicht wie erwartet: Das Loch, das ihr andere erfolgreiche Fahrer für die Zeit nach der Saison prophezeiten, tut sich nicht auf. In dieses fiel sie schon in Crans-Montana, dem ersten Rennen nach der WM. Nach der Saison ist nichts mit Leere nach dem Erfolgsritt durch den Winter. Dafür funktioniert das Abschalten nicht wie gewünscht. In Hongkong möchte sie Bruder Steve besuchen und am Strand entspannen, doch es regnet sieben Tage lang. «Das stresste mich, weil ich wusste: Du hast nur eine Woche und solltest dich erholen.» Was in einer Stadt wie Hongkong eher schwierig ist.

Übrigens: In den Keller stellt Wendy die Ski gar nicht. Ein, zwei Paar nur hat sie während des Winters zu Hause, falls sie mal fahren möchte. Den Rest behält Servicemann Silvio bei sich. Und wo sind die Ski, die sie zu WM-Gold geführt haben? «Der Abfahrtsski ist sicher noch in Betrieb. Der war so schnell, den müssen wir behalten.» Und der Slalom-Ski? Der steht in Wendys Gold-Stübli in ihrem Heim-Skigebiet Hoch-Ybrig.

Eine Geschichte aus SI Sport

Titel Sport 43 2017
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