Heute startet «Wilder» Endlich hat die Schweiz einen brauchbaren Krimi!

Heute startet die neue Krimiserie «Wilder» auf SRF 1. Damit macht sich das Schweizer Fernsehen erstmals auf, Serienfans mit einer Eigenproduktion im Stil der grossen Streamingdienste zu ködern. Ein Versuch, der grösstenteils gelingt.  

Graue Wolken, tiefer Schnee, der Vollmond taucht einen Wald in kaltes weisses Licht.  Eine Frau rennt panisch durch den dunklen Wald, sie wird verfolgt, stürzt, steht wieder auf und läuft auf die Strasse. Die Scheinwerfer eines Autos erscheinen. Ihre Rettung. Der Wagen rast auf sie zu, bremst nicht — Schnitt. Das düstere Intro startet: verschneite Wälder, ein Dorf, das noch nie Sonne gesehen hat und Eis, überall Eis. 

Die sechsteilige SRF-Serie «Wilder» (ab 7. November dienstags um 20.05 Uhr, SRF 1) beginnt düster, frostig und in klassischer Krimimanier. Regisseur Pierre Monnard, 41, serviert dem Publikum einen Plot, der dem Vergleich mit den grossen skandinavischen Krimis standhalten kann. 

Worum geht es?

In dem Bergdorf Oberwies will der arabische Investor Karim al-Baroudi, ganz zur Freude von Gemeindepräsident Robert Räber (László Kish, 60) ein luxuriöses Ferienressort bauen. Ein Vorhaben, das der Dorfgemeinde sauer aufstösst. Kurz vor dem ersten Spatenstich verschwindet Amina al-Baroudi, Karims Tochter. 

Kurze Zeit später wird der ortsansässige Künstler Armon Todt, gespielt von Grossmeister Christian Kohlund, 67, ermordet aufgefunden. Als Hauptverdächtige gilt die verschwundene Investorentochter Amina, die unglücklich in Todt verliebt ist. 

Der Bundespolizist Manfred Kägi (Marcus Signer, 52) übernimmt die Leitung der Ermittlungen. Kantonspolizistin Rosa Wilder, gespielt von Sarah Spale, 37, ist in dem kleinen Dorf Oberwies aufgewachsen und wird dem Ermittler an die Seite gestellt.

Terror, Mord und tote Kinder

Über sechs einstündigen Episoden versuchen Wilder und Kägi, den Fall um den toten Künstler und die verschwundene Frau zu lösen und geraten dabei immer tiefer unter die Eisdecke, die die düstere Geschichte des Dorfes über Jahrzehnte konserviert hat.

Die erste Folge «Knochen» gibt dem Zuschauer gewissenhaft einen Überblick über die wichtigsten Figuren und Handlungsstränge. Und die sind zahlreich. Wie es sich gehört, verwirrt «Wilder» in der ersten Episode so sehr, dass man sich fragt, wie die Autoren da einen klaren Handlungsstrang reinbringen wollen. 

Neben den Ermittlungen zum Toten und der Verschwundenen, ermittelt Kägi heimlich gegen den Leibwächter der al-Baroudis, Rashad Rahmani (Samir Fuchs), wegen Terrorverdachts. Ausserdem erschütterte vor 30 Jahren ein Lawinenunglück das kleine Dorf Oberwies. Bei dem Abgang wurde ein Bus mit zwölf Schulkindern aus dem Ort vergraben.

Alle starben. Ausser die Lehrerin der Kinder, Béatrice Räber, grandios gespielt von Emanuela von Frankenberg, die seither geistig verwirrt ist und von ihrer Familie betreut wird. Auch dieses Unglück scheint etwas mit dem Fall zu tun zu haben. 

 

Sollten Sie «Wilder» schauen?

Das spricht dafür: Düstere Geheimnisse, geheimnisvolle Kulissen und die komplexe Story sind der Garant für eine neue Serien-Droge. 

Die Charaktere in «Wilder» wirken keinesfalls klischiert. Ermittlerin Rosa Wilder (Sarah Spale) ist eine ganz spezielle Frau: stark aber feminin, mutig aber sanft und sie kümmert sich nicht im Geringsten um die patriarchischen Machtkämpfe im Dorf. Sie scheint in ihrer eigenen Welt zu leben.

Schauspielerin Sarah Spale sagt zu ihrer Figur: «Rosa ist es egal, dass die Männer des Dorfes sie in die klassische Frauenrolle drängen wollen. Sie macht einfach ihre Arbeit.»

Bundespolizist Manfred Kägi (Marcus Signer) lebt in einem Wohnwagen, liebt Männer und seine Cowboystiefel. Obwohl er anfangs wie der klassische arrogante Städter wirkt, der den Dörflern zeigen will, wie es geht, entwickelt sich die Rolle zu einem loyalen, leidenschaftlichen Ermittler. 

Szenen ziehen sich wie Kaugummi

Das spricht dagegen: Leider scheitert «Wilder» immer wieder an der eigenen, komplexen Story. Die Serie ist horizontal erzählt, sprich die Handlung erstreckt sich über sechs einstündige Folgen. 

Den Drehbuchautoren rund um Béla Batthyany und Regisseur Pierre Monnard fällt es schwer, die Spannung über einen so langen Zeitraum zu verteilen. Oftmals wirken die Folgen künstlich verlängert. Im Verlauf ziehen sich einzelne Szenen wie Kaugummi. 

Wie geht es weiter?

Gegen Ende jeder Episode nimmt «Wilder» aber dann doch wieder Fahrt auf. Monnard und sein Team bringen es fertig, den Zuschauer so im spannungsgeladenen luftleeren Raum schweben zu lassen, dass man die nächste Folge dann doch unbedingt sehen will. 

Es bleibt zu hoffen, dass «Wilder» eine zweite Staffel bekommt, in der die Kinderkrankheiten der ersten ausgebügelt werden können. Denn gemäss Schauspielerin Sarah Spale ist die Rolle der Rosa Wilder noch lange nicht erschöpft.

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