Fränzi Aufdenblatten WM-Tagebuch: «Wir sehen uns in Sotschi!»

Für die Skirennfahrerin heisst es einmal mehr nach einem Grossanlass: abhaken und weiterkämpfen. Fränzi Aufdenblatten zieht Bilanz nach der Ski-Weltmeisterschaft in Schladming. Und schaut nach vorne: Der Weltcup geht weiter. Für SI online berichtet die Schweizer Skirennfahrerin das letzte Mal exklusiv aus dem WM-Camp.
SI-Journalist Thomas Renggli hat Fränzi Aufdenblatten während der Ski-Weltmeisterschaft in Schladming begleitet.
© Adrian Bretscher / SI SI-Journalist Thomas Renggli hat Fränzi Aufdenblatten während der Ski-Weltmeisterschaft in Schladming begleitet.

Wir sehen uns in Sotschi! Ich bin nämlich schon wieder in der Schweiz. Die WM hätte ich mir schon ein bisschen anders vorgestellt, aber eben: Das Leben ist kein Wunschkonzert. So befand ich mich während der Abfahrt der Damen nicht auf der Piste - sondern im Auto auf der Heimreise. Das Rennen verfolgte ich im Radio Ö3 - ich fieberte mit meiner Zimmerkollegin Nadja Kamer mit. Als Maria Höfl-Riesch vier Hundertstelsekunden schneller war, habe ich wie wild auf dem Steuerrad herumgeschlagen und befürchtet, dass ihr genau diese Zeit am Schluss fehlen würde. Als dann aber Tina Maze nur als Sechste ins Ziel kam, war ich mir fast sicher, dass es Nadja fürs Podest reichen würde. 

Obwohl sie am Schluss als Vierte mit leeren Händen dastand, hat sie einmal mehr bewiesen, was für ein Renn-Hund sie ist. Im Training kommt sie oft nicht richtig auf Touren - aber wenn es ernst gilt, ist mit Nadja immer zu rechnen. Ich habe ihr nach dem Rennen ein SMS geschrieben. Anrufen brachte da noch nichts. Zuerst musste sie dieses harte Ergebnis verdauen - und realisieren, dass auch ein 4. Platz seinen sportlichen Wert hat.

Aber eben: Faktisch zählen an der WM nur die Top 3. Und da war halt noch Marion Rolland. Die Französin hatte noch nie ein Rennen gewonnen, befand sich aber immer in Reichweite der Spitze. So gesehen fährt sie in der gleichen Liga wie ich. Sie braucht kein Wunder für einen Sieg - aber einen Traumlauf. Es muss alles passen. Und am Sonntag passte alles. Als Marion am Morgen aufwachte, hätte sie kaum gedacht, dass sie das Rennen gewinnen würde. Und jetzt ist sie Weltmeisterin. Wow!

Als ich zu Hause war, hab ich mir den Sturz von Dominique Gisin am Fernsehen nochmals angeschaut. Da hatte sie Riesenschwein. Es war die gleiche Stelle, an der ich im Training ausgeschieden war.

Für mich gibt es drei Gründe, weshalb viele Fahrerinnen so hart am Limit fuhren, und es zu ungewöhnlich vielen Stürzen kam:

  1. Nach vier Trainings kennt man jede Stelle der Strecke. Da gibt es keine Geheimnisse mehr.
  2. Wetter und Sicht waren optimal. Da weiss am Start jede, dass man alles riskieren muss, um in die Medaillen zu fahren. Sind die Bedingungen dagegen schlecht, dosiert und taktiert man eher.
  3. In einem so wichtigen Rennen gilt grundsätzlich nur: alles oder nichts. 

Darüber, ob ich auf dieser Strecke eine Chance gehabt hätte, möchte ich gar nicht spekulieren. Natürlich hätten mir die harten Bedingungen gepasst, aber es wäre jetzt sehr billig zu sagen, dass ich es gepackt hätte.

Für mich heisst es einmal mehr nach einem Grossanlass: abhaken und weiterkämpfen. Ich werde jetzt den Kopf durchlüften, auf andere Gedanken kommen, neues Selbstvertrauen fassen. Nächste Woche gehts in Méribel im Weltcup schon weiter - und in einem Jahr finden die Olympischen Spiele in Sotschi statt. Marion Rolland hat bewiesen, dass das Leben im Skisport auch nach dem 30. Geburtstag noch lange weiter geht.

Wir sehen uns wieder! Oder wie man auf Russisch sagt: Do Swidanja!

Ihre Fränzi.

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