Nadja Schildknecht und Karl Spoerri im Interview ZFF-Direktoren: «Zuerst ausprobieren, dann urteilen»

Jedes Jahr stellen Nadja Schildknecht und Karl Spoerri das Zurich Film Festival auf die Beine. Dabei haben die Co-Direktoren ständig neue Herausforderungen wie Netflix oder die #MeToo-Debatte zu meistern.
Nadja Schildknecht
© Geri Born

Weltweite Strahlkraft: Die Co-Direktoren Nadja Schildknecht und Karl Spoerri in der ZFF Café Bar im Flughafen Zürich.

Nadja Schildknecht und Karl Spoerri, wir treffen uns heute im ZFF Café im Flughafen Zürich. Wie entstand die Idee?
Schildknecht: Der Flughafen Zürich ist neu Co-Partner des Zurich Film Festival, und ich habe diese Idee eines ZFF Cafés bei einem Meeting angesprochen, da wir schon länger im Kopf hatten, dass wir gerne das ZFF auch unter dem Jahr sichtbar hätten.

Sind Sie als Co-Direktoren oft mit dem Flugzeug unterwegs?
Spoerri: Sicher zwei- bis dreimal pro Jahr fliegen wir nach Los Angeles und an die Filmfestivals in Berlin, Cannes und San Francisco, aber auch Paris und London sind wichtige Destinationen. Schildknecht: Vor allem unser Programm-Team ist viel unterwegs. Jeder fokussiert sich auf gewisse Bereiche und Länder.

Vergangenes Jahr fand die 13. Ausgabe des ZFF statt. War es für Sie eine Glücks- oder eine Unglückszahl?
Schildknecht: Nach unseren Fakten und Debriefings können wir sagen, dass es ein erfolgreiches Jahr mit knapp 100 000 Besuchern war. Daher eine Glückszahl. Spoerri: Wir konnten zwischen 450 bis 500 internationale Gäste begrüssen. Auch dieses Jahr beehren uns wieder viele Filmemacher aus aller Welt. Sie präsentieren ihren Film dem Publikum, was den Kinoabend bereichert.

Nadja Schildknecht und Karl Spoerri
© Geri Born

Die Co-Direktoren Nadja Schildknecht und Karl Spoerri in der ZFF Café Bar im Flughafen Zürich.

Wie wichtig war die Abstimmung zum Sechseläutenplatz für das ZFF? Immerhin steht dort das Herz, das Festival-Zelt.
Schildknecht: Für uns spielt es natürlich eine grosse Rolle, wo das Festival stattfindet. Wir haben in den vergangenen Jahren nebst dem Sihlcity rund um den Sechseläutenplatz Beachtliches aufgebaut, das wir nicht irgendwohin hätten verpflanzen können.

Das Festival wird auf dem internationalen Parkett hoch geschätzt

Gibts in der Organisation in politischer, finanzieller oder cineastischer Hinsicht eine Konstante?
Spoerri: Nein, die Konstante ist, dass es eben keine gibt und immer eine Herausforderung bleibt. Schildknecht: Das ist nicht nur in der Filmbranche so. Heutzutage kann sich im Geschäftsleben niemand ausruhen. Wer sich nicht mit der Zeit entwickelt, hat keine Chance zu bestehen. Nebst dieser Herausforderung hatten wir noch viele Hürden zu bezwingen, sei es betreffend der Finanzierung oder in der Politik.

Zum Beispiel?
Schildknecht: Die Anerkennung in der Politik wird zwar immer grösser, aber es gibt noch immer Stimmen, die das Festival in eine Schublade stecken, einfach urteilen, ohne es fundiert zu kennen.

Nadja Schildknecht
© Geri Born
Finanz- und Event-Direktorin Nadja Schildknecht, 45, ist für Budget und Sponsoring verantwortlich.

Was steht auf dieser Schublade?
Spoerri: Medial werden natürlich vor allem immer die Stars hervorgehoben, auch von Medien, welche eigentlich immer sagen, dass sie tiefer schürfende Themen interessierten. Wenn man also das Festival nicht kennt, ist es schwieriger, uns richtig einzuschätzen.
Schildknecht: Kurz: zuerst ausprobieren, dann urteilen. Wir jedenfalls freuen uns, dass so viele Besucher, Branchenleute und auch Filmemacher uns vertrauen, das Festival wird auf dem internationalen Parkett hoch geschätzt. Auch beim Blatt «Hollywood Reporter», welches meinte, dass kein Filmfestival sich so schnell international verankern konnte wie das ZFF, das spricht doch für sich.

Netflix stellt in der Filmbranche eine klare Konkurrenz zum Kino dar. Wie reagieren Sie darauf?
Spoerri: Ich persönlich empfinde Netflix in erster Linie als eine positive Entwicklung. Netflix finanziert Filme, die sich kommerziell im Kino nicht mehr rechnen würden und nun dennoch ihren Weg zum Publikum finden. Ein gutes Beispiel ist Alfonso Cuaróns «Roma». Ein schwarz-weisser, historischer Film, der in Mexico City spielt. Das war eine schwierige Ausgangssituation – und er hatte ein hohes Budget. Im offenen Markt wäre der Film nicht finanzierbar gewesen. Andererseits werden nun vermehrt Schauspieler von Netflix weggekauft und Filmemacher exklusiv angebunden, und das ist ein Problem für die Kinobranche.
Schildknecht: Netflix und Amazon haben eine immense Macht bekommen. Es wird interessant, wie sich dies in Zukunft entwickeln wird. Netflix interessiert sich noch nicht wirklich für Festivals als Plattform, aber das ist sich am Ändern. In Venedig waren bereits mehrere Netflix-Filme zu sehen.

Eine andere Welle, welche die Filmbranche überrollt hat, ist die #MeToo-Debatte, gestartet um Missbrauchsvorwürfe gegen Harvey Weinstein. Er war mehrfach bei Ihnen zu Gast. Was löste dies persönlich bei Ihnen aus?
Spoerri: Das Ganze kam ja 2017 gerade während des Zurich Film Festival auf.
Schildknecht: Was diesen Bereich anbelangt, war Harvey bei uns nie negativ auffällig. Ich finde es grundsätzlich richtig, dass es die #MeToo-Debatte gab, denn dank ihr konnte sich die gesamte Filmbranche verändern und musste dieses schwierige Thema wirklich ernst genommen werden. Nun ist es aber Zeit, diese neue Ära, die dadurch entstand, mit positiver Energie wirken zu lassen. Bedeutet: Wer es verdient hat, muss büssen. Und die Frauen müssen nun die Chance wahrnehmen, vorwärtsgehen und zeigen, was sie bewirken können, nicht nur in die Vergangenheit schauen.

Karl Spoerri
© Geri Born
Film-Direktor Karl Spoerri, 45, und sein Programm-Team verhandeln jedes Jahr um die besten Filmen.

Gab es schon eine Veränderung?
Spoerri: Bei Amazon Films waren zum Beispiel plötzlich alle meine Ansprechpersonen weg. Zuerst ging der Chef, dann der zweite, dann der dritte. Man spürt, dass die Positionen neu besetzt werden.

Die Quotenfrage ist bei der Auswahl jetzt sicher mehr präsent

Sind Frauen nun verstärkt vertreten?
Spoerri: Na ja, in Venedig war nur eine Frau im Wettbewerb vertreten, und es gab einen Aufschrei. In Cannes wiederum starteten mehrere Regisseurinnen im Wettbewerb, doch da wurde kritisiert, dass das Festival nur die Frauenkarte spielen möchte. Aber die Quotenfrage ist bei der Auswahl jetzt sicher mehr präsent.
Schildknecht: Interessanterweise sind seit Jahren schon sehr viele Frauen bei uns vertreten. Und es gibt viele tolle Filmemacherinnen, was es uns einfach macht, diese Filme zu programmieren, ohne Quote. Wir haben zudem den «Woman of Impact»-Abend, welcher der nächsten Generation Mut machen möchte, diesen oft in der Geschäftswelt noch schwierigen Weg zu gehen.

Wie stehts um den Schweizer Film?
Spoerri: Jedes Jahr gibt es zwei, drei, welche herausstechen.
Schildknecht: «Wolkenbruch» spielt sogar in Zürich selbst. Jeder kennt die Schauplätze.
Spoerri: Im Gesamtmarkt hat der Schweizer Film sicherlich noch Steigerungspotenzial, doch es gibt in der Schweiz auch viel Talent. Im diesjährigen Fokus-Wettbewerb ist «Der Läufer» von Hannes Baumgartner vertreten. Der Film wird sicher international Karriere machen und läuft auch an unserem Partnerfestival in San Sebastian. Die Schweizer Schauspieler Max Hubacher und Luna Wedler werden bestimmt immer öfters zu sehen sein.
Schildknecht: Nicht zu vergessen: Joel Basman, der nebst «Wolkenbruch» bei uns auch in Thomas Vinterbergs «Kursk» mitspielt. Basman spielt in der U-Boot-Katastrophe neben Colin Firth enorm gut. Schön, schaffen es immer mehr Schweizer Schauspieler aufs internationale Parkett.

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