Eine Hommage von Pedro Lenz «Polos Lieder brannten sich in unsere Seelen ein»

Dank Polo Hofer lernte Pedro Lenz das Kamasutra und ein neues Lebensgefühl kennen. Das schrieb der Schriftsteller vor eineinhalb Jahren in einer Hommage an den Mundartmusiker. Am Samstag ist Polo National von uns gegangen. SI online publiziert den Text nochmals zum Nachlesen. 
Teaser Polo Hofer Pedro Lenz
© SRF/Mirco Rederlechner / Geri Born

Polos Lieder begleiteten Schriftsteller Pedro Lenz schon früh in der Jugend.

Es fing alles mit meinem Vater an. Er war im Schallplattenladen gewesen und brachte mir eine Single mit, auf der ein gezeichneter Mann in einem Kiosk stand. «Rumpelstilz – KIOSK», stand auf dem Cover, und mein Vater muss angenommen haben, es handle sich um ein Kinderlied, das einen Elfjährigen vielleicht interessieren könnte. Was mein Vater nicht ahnen konnte, war die Langzeitwirkung, die sein Mitbringsel auslöste.

«Ds Rösslispiel dräiht immer witer, immer witer, immer witer ...», hiess es auf der B-Seite der besagten Single. Und tatsächlich begann für mich mit den ersten Rumpelstilz-Songs ein Rösslispiel zu drehen, das bis heute nicht aufgehört hat. Polo Hofer war in mein Leben getreten und mit ihm seine Lieder. Es waren Lieder, die ein Bub vom Land, verstehen und mitsingen konnte. Es waren Lieder, die ich transkribierte und auswendig lernte. Es waren Lieder, die mich dazu animierten, erste Verse in der Sprache zu schreiben, die ich jeden Tag um mich hatte.

Polo Hofer besang ein Lebensgefühl, das die Enge meiner Jugend auf einmal weit und spannend machte

Und als ich einmal lauthals, aber vollkommen unschuldig und ahnungslos aus dem Song «Teddybär» die Zeile sang, in der es heisst: «Nimm ds Kamasutra usem Büechergstell», befand mein Vater, das Wort «Kamasutra» sei nicht kindergerecht. Vielleicht bereute der alte Herr damals, mich mit Polos Texten angefixt zu haben. Aber da war es schon zu spät.

Polo Hofer besang ein Lebensgefühl, das die Enge meiner Jugend auf einmal weit und spannend machte. «Rosmarie», «Rote Wy», «E Rägetag am Meer», fast jeder Song war eine Inspiration und ein Versprechen. Wenn Polo mit den Rumpelstilz oder später mit Polos Schmetterding in unserer Gegend gastierte, bekniete ich meine Eltern so lange, bis sie mir erlaubten, seine Konzerte zu besuchen. Mit meinen Schulfreunden pedalte ich nach Wynau, Lotzwil oder Wiedlisbach. In Wirtshaussälen und Mehrzweckhallen lauschten wir den Songs, die von Dingen erzählten, die wir so noch nie gehört hatten.

Polos Lieder brannten sich in unsere Seelen ein

Die frühen Jugendjahre gingen vorbei, aber Polo war immer noch da. Seine Lieder begleiteten den ersten Liebeskummer, das erste politische Erwachen und die ersten unbegleiteten Reisen. Sie brannten sich in unsere Seelen ein. Einmal, bei einem Ausflug nach Bern, begegneten wir unserem Idol in den Lauben der Altstadt. Wir nahmen allen Mut zusammen und grüssten ihn mit einem schüchternen «Sälü, Polo!» – «Sälü, Giele!», grüsste er zurück, was uns so stolz machte, dass wir zu Hause noch wochenlang davon erzählten.

Persönlich lernte ich Polo Hofer erst viel später kennen. Gemeinsam mit dem grossen Dichter Kurt Marti hatte er einen Kulturpreis gewonnen. Zur Auflage des Preises gehörte es, dass Hofer und Marti die gewonnene Preissumme an Künstler ihrer Wahl weitergaben. Polo wählte seine ehemaligen Weggefährten von der Rockband Span, Marti beschenkte unser Autorenkollektiv «Bern ist überall».

Der Anlass fand in würdigem Rahmen statt, aber Polo beklagte sich darüber, dass der Prosecco zu warm und die Suppe zu kalt sei. Später besserte sich seine Laune, und er erwies sich nicht nur als grosser Entertainer, sondern auch als profunder Kenner der amerikanischen Blues- und Rockszene.

Nicht alles, was Polo später sang und verkündete, war von gleicher Qualität. Aber eines wird für mich immer bleiben: Polo Hofer ist der Künstler, der mir aufzeigte, dass die eigene Sprache das natürlichste Transportmittel jeder künstlerischen Aussage ist. Weder Mani Matter, dessen verspielte Poesie mir in der Jugend noch verborgen war, noch das seinerzeit allgegenwärtige Trio Eugster, dessen Reime mir schon in frühester Kindheit am Ohr vorbeigingen, vermochten diese Botschaft so klar zu vermitteln wie Polo.

Er hat das Recht, über jene zu urteilen, die ihm nachfolgten

Dass Polo sich heute über die sprachliche Plattheit mancher seiner Nachfolger beklagt, dürfen wir ihm nicht verübeln. Er hat den Mundartrock geprägt und gross gemacht. Nicht allen, die in Mundart singen, wurde Polos Begabung für Storytelling und singbare Reime in die Wiege gelegt. Und deshalb hat er auch das Recht, über jene zu urteilen, die ihm nachfolgen.

Es gehört zu Polos Persönlichkeit, dass er nie ein Blatt vor den Mund nimmt. Viele seiner Fans mögen ihn gerade deswegen. Sie wissen, dass er nicht jede Aussage auf die Goldwaage legt. Und deshalb dürfen sie auch hoffen, dass sein neustes Album zwar «Ändspurt» heisst, dass ein Ende seiner unnachahmlichen Karriere aber noch in weiter Ferne liegt.

Der Text von Pedro Lenz über Polo Hofer wurde in der «Schweizer Illustrierten» vom 15. Januar 2016 veröffentlicht. 

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