Georges Simenon Spurensuche mit Maigret

Georges Simenon wurde dank Maigret zum erfolgreichsten Schriftsteller des 20. Jahrhunderts. Nun ist die Gesamtausgabe seiner Maigret-Romane neu erschienen.

Das waren noch Zeiten. Als die Boulevards von Paris nicht von Autos verstopft, die Ufer der Seine nicht von Touristenströmen überflutet wurden. Als Rauchen noch chic war, Männer Hüte trugen und im Bistro um die Ecke bei einem Pastis stumm beisammen sassen. Und als von der Concierge selbst die intimsten Geheimnisse der Haus­bewohner problemlos zu erfahren waren. Es waren die Zeiten von Maigret.

Seinen ersten Auftritt hat der berühmte Kommissar 1929 in «Maigret und Pietr der Lette», einer tragischen Geschichte über die jüdische Minderheit in Osteuropa. Damit legte Georges Simenon, damals 26 Jahre alt, den Grundstein für ein völlig neues Krimi-Genre. Denn sein Maigret ist mitnichten ein polizeiliches Superhirn. Eher ein genussfreudiger Gemütsmensch mit grossem Einfühlungsvermögen. Sein Interesse ist nicht auf die rasche Auf­deckung des Verbrechens ausgerichtet. Was die Delinquenten schliesslich zur Tat getrieben hat, dem spürt er nach. Er leuchtet die Untiefen der Menschen aus, ohne sie dabei zu verurteilen. Diese seltene Gabe zeichnet Maigret aus.

Das ist nur eine von vielen Gemeinsamkeiten mit seinem Schöpfer Georges Simenon, der von sich sagte: «Ich wäre gerne nicht nur ich selbst gewesen, sondern auch alle Menschen.» Dieser Sehnsucht liegt wohl auch sein Ruhm zugrunde. Denn wozu der Mensch fähig ist, getrieben von Leidenschaft, Laster, Gier und Eigensinn, Stolz, Macht und Gewohnheit, daran war Simenon interessiert, daraus baute er seine Maigret-Krimis, seine Romane, Erzählungen und Kurzgeschichten. Beleuchtete die oft frappierende Diskrepanz zwischen dem, was der Mensch sein möchte, dem was er ist – oder gar sein könnte. «Das Lüttich meiner Kindheit hat mir den kleinen Mann nahe­gebracht. Mein Leben lang diente er mir als Massstab», führt Simenon als seine Inspirationsquelle auf.

Dass dies der Stoff ist, aus dem Best­seller gewoben werden, manifestiert sich in der beispiellosen Karriere des Belgiers: seine 300 Bücher wurden in über 60 Sprachen übersetzt, erreichen eine Auflage von 500 Millionen. Kein Wunder, gilt er als der erfolgreichste Schriftsteller des 20. Jahrhunderts. 

Nicht minder masslos wie sein Werk war Georges Simenons Leben. Geprägt von ausgedehnten Reisen, unzähligen Umzügen, wurde es zusammengehalten von zwei Fixpunkten: Büchern und Frauen. Einem Gespräch mit seinem Freund Federico Fellini zufolge sollen es 10 000 gewesen sein. Frauen, nicht Bücher notabene. Möglicherweise hat die grenzenlose Fantasie des italienischen Filmemachers etwas auf den Autor abgefärbt.

Fellini war es dann auch, der das Bonmot prägte: «Seine Romane sind wie ein Stück warmer Menschlichkeit, ein langer, fliessender, wohltuender Traum, der dem Leben gleicht und hilft, das wirkliche Leben zu deuten und zu lieben.»

 

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