Raffaele Sannitz Tessin im Herzen, WM im Sinn

Nord-Süd-Gefälle in der Eishockey­nati? Sicher nicht für Raffaele Sannitz, 25. Der einzige «echte» Tessiner im Kader ist für alles offen. Auch wenn seine grosse Liebe Lugano und seiner Sara gehört.
Raffy vor dem Panorama von Lugano und Monte Brè. «Die Schweiz ist nirgends schöner!»
Raffy vor dem Panorama von Lugano und Monte Brè. «Die Schweiz ist nirgends schöner!»

Unsereiner würde das nicht mal mit Turnschuhen an den Füssen wagen: Raffaele Sannitz nimmt Anlauf und springt mit einem Riesensatz in seinen Rollerblades von der Mauer auf den Asphaltboden hinunter.

Mit den vier Rollen unter jedem Fuss fühlt sich der Tessiner offensichtlich genauso sicher wie auf ­schmalen Kufen. «Ich nehme die Blades heute zwar kaum noch je hervor, aber es ist wie beim Velofahren. Man verlernt es nicht mehr, beherrscht man es einmal.» Raffaele hat es einmal überdurchschnittlich gut beherrscht.

Im Sommer 2002 wars, als er eine ungewöhnliche Anfrage erhielt. Roberto Mozzetti, damals Teammanager der U20-Eishockeynati, bat Raffaele, doch bei seiner Mannschaft, den Gallarate Dragons, auszuhelfen. Das Team, das in der höchsten italienischen Inline-Hockey-Liga mitspielte, brauchte noch Verstärkung.

Nur aushilfsweise, für eine Saison. Raffaele tat seinem Kumpel den Gefallen, schoss bei seinen allerersten Einsätzen auf einem Inline-Feld seine Tore – und wurde mit dem Team aus der Nähe von Varese so nebenbei mal italienischer Meister.

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«Ein Inline-Titel zählt nicht viel», sagt Eishockeycrack Raffaele und lacht. Fast scheint es ihm peinlich, dass er auf die Schnelle erreicht hat, wofür andere jahrelang trainieren. Das Talent scheint ihm zusammen mit dem Hockeystock in die Wiege gelegt ­worden zu sein. Schon mit vier Jahren spielte er bei Chiasso im Team der Kleinsten Eishockey.

Und das, ohne «erblich vorbelastet» zu sein. Papa Claudio brachte es auf zwei zweite Plätze in der Schweizer Rallye-Meisterschaft. Doch auch da fiel der Apfel eher weit vom Stamm: «Mir würde der Mut dazu fehlen», sagt Raffaele. «Ich mag das schnelle Fahren generell nicht sehr. Deshalb habe ich auch meinen Audi-Sportwagen eben gegen ein gemütliches Gelände­auto eingetauscht.»

«Bei aller Liebe: Die Familie wäre kein Grund, nicht über den Gotthard zu wechseln»

Nur auf dem Eis liebt ers rassig. Raffaele galt, lange bevor er mit 17 seinen ersten Vertrag beim HC Lugano unterschrieb, als eines der grössten Schweizer Hockeytalente. So sehr, dass man in Übersee auf ihn aufmerksam wurde. Die Columbus Blue Jackets «drafteten» den Schweizer. Trotz dieser «Reservation» wurde vorerst nichts aus dem NHL-Traum. «Hier in der Schweiz sagen sie dir, dass du ‹weiss Gott wie gut› bist. Aber da drüben bist du bestenfalls ein Mitläufer. Ich musste diese Realität anerkennen.»

Statt NHL-Glamour in Columbus hiess es AHL-Alltag bei Syracuse Crunch. «Eine Uni-Stadt nicht viel grösser als Lugano. Da war gar nichts los.» Raffaele biss sich in der Saison 04/05 durch. «Ich wollte lernen für einen neuerlichen Anlauf, später mal.»

Heute ist Raffaele froh, verlangten seine Eltern damals kategorisch, dass er seine KV-Ausbildung zu Ende bringen müsse, ehe er das Übersee-Abenteuer wagt. 25 ist er inzwischen, und die Zukunft steht ihm dank der elterlichen Weitsicht offen, auch wenns mit der NHL nicht klappen sollte. Beim HC Lugano wurde er 2003 immerhin auch schon Schweizer Meister – auf Eis …

So wohl wie am Lago di Lugano wird sich der Herzblut-Tessiner woanders zwar kaum fühlen. Aber er sagt: «Mich reizt auch mal ein Engagement in einer anderen Landesgegend. Nur schon der Sprache wegen. Und ich fühle mich in unserer multikulturellen Nati bestens aufgehoben. Die Umgangssprache ist sowieso Englisch.»

Sannitz fährt zwar alle paar Tage von seinem Wohnort Lugano zu den Eltern nach Mendrisio. Und er ist auch froh, dass er seine älteren Schwestern Laura, 27, und Francesca, 31, regelmässig sieht. «Aber die Familie wäre bei aller Liebe kein Grund, den Sprung über den Gotthard nicht zu wagen.»

Die berufliche Situation von Schatz Sara, 24, dürfte da schon mehr Einfluss haben auf Raffys Zukunft. Die Tessinerin, mit der er seit drei Jahren zusammen ist, hat ein Wirtschafts- und Marketingstudium in Mailand absolviert. Und es könnte durchaus sein, dass sie ein Zweitstudium in Zürich beginnt. Auch dort wird Eishockey gespielt …

Vorerst muss Raffaele Sannitz aber drei Monate lang auf seine Liebste verzichten. Sie weilt für einen Sprachaufenthalt in New York. «Nach der WM werde ich sie dort zwei Wochen besuchen», freut sich der Hockeystar schon jetzt. «Mehr Zukunftspläne gibts derzeit bei uns beiden aber noch nicht», lacht Raffaele verschmitzt.

Im Moment beschäftigen den Tessiner «Exoten» in der Schweizer Eis­hockeynati (WM-)Medaillen jedenfalls deutlich mehr als (Trau-)Ringe. Doch man weiss ja: Raffaele Sannitz löst bei Bedarf auch schwierigere Aufgaben ganz gut nebenher.


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