Barbara Lüthi Unsere Frau in China

Sie erklärt uns das Land der Mitte: Barbara Lüthi ist SF-Korrespondentin in Peking. Und so gut, dass sie mit Auszeichnungen überhäuft wird. Die absolute Krönung für sie selbst aber ist ihr Baby Lara Uma.

Barbara Lüthi, 35, ist wie ein Mentos-Kaubonbon in einer Cola-Flasche: Es spritzt und schäumt nur so. Quasselt die Thalwilerin einmal drauflos, versteht selbst ihre Mutter mitunter nichts. Dann muss Ursina Lüthi, 66, ihre Tochter bremsen. «Erzähl noch mal von vorn – damit ich folgen kann.»

Problemlos folgen können wir der TV-Frau, wenn sie in der «Tagesschau» oder in «10 vor 10» vor der Kulisse mit dem Tor des himmlischen Friedens über das bevölkerungsreichste Land der Welt berichtet. So kompetent, dass der US-Nachrichtensender CNN die SF-China-Korrespondentin im Herbst zur «Journalistin des Jahres» erkor.

«Ich schalte drei Gänge runter, wenn ich vor der Kamera spreche», sagt Lüthi lachend, während sie sich durchs dichte Getümmel von Pekings «Bahnhofstrasse» kämpft. Sie hat Mutterschaftsurlaub. Im Februar brachte sie Töchterchen Lara Uma zur Welt. Barbaras Mann Tomas Etzler, 46, der als Asien-Korrespondent fürs tschechische TV arbeitet, passt auf die Kleine auf. Barbara: «Wenn ich mit Lara knuddle, habe ich das Gefühl, die Welt steht still. Sie erdet mich.»

Die taffe TV-Frau ist ein absoluter Familienmensch. «Sie würde sich für ihre Familie zerfleischen», ist Florian Froschmayer überzeugt. Der Regisseur kennt Lüthi seit Sandkastenzeiten. Er ist auch der Götti ihrer Tochter.

Barbara steht auf dem Tian’anmen-Platz – gemeinsam mit ihrem Kameramann. Ein Polizeiauto hält in einigem Abstand. Nicht zufällig. Anfang Juni jährt sich das Massaker auf dem Platz des himmlischen Friedens. Lüthi bereitet Beiträge für «Rundschau», «Tagesschau» und «10 vor 10» vor, will zeigen, wie die blutigen Vorfälle von 1989 heute in China wahrgenommen werden, befragt dazu Augenzeugen, verfolgt den Geschichtsunterricht in einer Schule.

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Die Polizei hat ein Auge auf Lüthi. «Die Behörden sind wahnsinnig nervös wegen des 20. Jahrestages des Massakers.» Die Fernsehfrau ist vorsichtig. Vor allem, wenn sie in der Provinz unterwegs ist. Einige Male musste sie mit auf Polizeiposten, wurden ihr Filmbänder abgenommen, oder sie wurden freundlich, aber bestimmt aufgefordert, die Gegend zu verlassen – «weil es gerade sehr kalt und damit sehr ungesund für sie wäre. Absurde Erklärungen!»

Einschüchtern lässt sie sich gar nicht. Das weiss auch SF-Chefredaktor Ueli Haldimann. «Barbara arbeitet ausserordentlich hartnäckig.» Haldimann holte Lüthi als 28-Jährige zur «Rundschau». «Sie war talentiert und ‹hungrig›.» Mit einem Beitrag über schwarz beschäftigte Hausangestellte an der Zürcher Goldküste machte sie bald auf sich aufmerksam.

«Eine Woche lang sass sie jeden Vormittag auf Spielplätzen und kam so mit Kindermädchen aus Lateinamerika und Thailand ins Gespräch.» –«Barbara findet zu Menschen gut Zugang», bescheinigt ihr ihre ehemalige Redaktionsleiterin Belinda Sallin. Auf Lüthis Temperament angesprochen, sagt sie schmunzelnd: «Wäre sie jünger gewesen, hätte man ihr Ritalin gegeben.»

Dass Barbara Geschichten «spannend erzählen kann», wie ihr Filmemacher Alberto Venzago bescheinigt, könnte damit zusammenhängen, dass sie mit Büchern gross wurde. Ihre Mutter hatte einen Märchenbuchladen, war Märchenerzählerin bei Radio Z. Vater Max, 68, der Geschichte und Germanistik studierte, arbeitete unter anderem als Medientrainer.

Wenn er am TV verfolgte, wie sich seine Schüler in der «Arena» schlugen, maulte Klein Barbara: «Papi guckt langweilige Männer.» – «Ansonsten war sie als Kind schon extrem neugierig und redete viel», erinnert sich Max Lüthi. «Als Barbara während einer Zugfahrt total quengelte, warnte ich, dass ich mit ihr vors Abteil ginge, wenn sie weiter blöd tun würde. Auf dem Gang fragte sie einen Soldaten, der dort stand: ‹Hast du auch blöd getan?›»

Barbara und ihr Mann Tomas bewohnen in Peking eine 180 Quadratmeter grosse 4½-Zimmer-Wohnung (alles Parkettboden, allein die Küche misst 30 Quadratmeter) im 6. Stock eines trostlos-grauen Wohnblocks – direkt neben dem Botschaftsviertel der Millionen-Metropole. Guckt die Schweizerin aus dem Fenster, fällt ihr Blick auf Hochhäuser, auf die Autobahn – und auf eine kleine Wiese samt Grillplatz. «Dort versammeln sich im Sommer alle Hausbewohner zum Klönen und zum Erfahrungsaustausch», erzählt Barbara.

Ihre Nachbarn sind vor allem Berufskollegen. Tomas, ihr Mann, muss jetzt für sechs Wochen nach Afghanistan. Hat sie keine Angst? «Er hat ­Sicherheitsleute bei sich», sagt sie und blickt ihn nachdenklich an: «Das ist nun mal unser Job.» Bei einem Dreh im Irak wurde Tomas einmal angeschossen. Daran mag sie jetzt aber nicht denken. Das Paar schlendert durch Peking und gönnt sich an einer der typischen Gassen­küchen gedünstetes Gemüse als Snack.

Ihre Arbeit hat Barbara Lüthi bereits vier prestigeträchtige Auszeichnungen eingebracht. So wurde sie 2008 nicht nur «CNN Journalist of the Year», sondern heimste auch gleich noch einen Award in der Kategorie TV für ihre Reportage «Landenteignung in China» ein.

Bereits 2005 staubte Lüthi einen CNN-Award für ihren Bericht über die Arbeitsbedingungen in chinesischen Spielzeugfabriken ab, einen weiteren Preis erhielt sie für eine Reportage über Kinderhandel an der griechisch-albanischen Grenze. Für SF-Chefredaktor Haldimann sind die Preise «eine schöne Bestätigung, dass wir Schweizer international mithalten können». Für Lüthi sind sie «Motivation, weiter den Menschen eine Stimme zu geben, die sonst kaum beachtet werden».

«Neben meinem Job als Journalistin bin ich aber auch eine ganz normale Frau», betont sie. Sie liebt Handtaschen und Schuhe, zählt sich aber eher zum Typ Kampfshopperin. «Einmal losziehen und posten, was ich brauche und mir gefällt.» – «Sie ruft dann jeweils an und will wissen, wo sie die ‹Must-haves› bekommt», erzählt ihre Freundin Ana Maria Haldimann. Die beiden quasseln auch sonst über Gott und die Welt.

In Pekings «Bahnhofstrasse» ist Barbara Lüthi jedenfalls stilsicher unterwegs: schwarzes Top, Hosenanzug, High Heels. Dass sich die Leute nach ihr umdrehen, hat nicht nur damit zu tun, dass eine «Langnase» hier auffällt. «Egal, wo Barbara auftaucht, sie hat die Aufmerksamkeit der Leute», weiss Florian Froschmayer. «Nicht, weil sie eine Show abzieht, sondern ihrer Ausstrahlung wegen.» Und weil sie sprudelt wie ein Mentos in der Cola-Flasche.


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