Der Kampf um das Erbe des King of Pop Versteckt im Rampenlicht

Der King of Pop hinterlässt Musik, Millionen Fans - und sein (vielleicht) eigenes Fleisch und Blut: Wer kümmert sich nun um Michael Jacksons Kinder? Drei Ersatz-Mütter stehen bereit. Der Sorgerechts-«Thriller» hat begonnen.

Michael Jackson ist tot. Michael Jackson ist überall – und schon jetzt zur Legende geadelt. Wann wurden zuletzt so viele Jackson-CDs verkauft? Wie viele Jahren ist es her, dass im Fernsehen mehrmals täglich sein «Thriller»-Video zu sehen war? Und wann sah man Schulkinder, die in der 10-Uhr-Pause den Moonwalk übten?

Jacko ist tot. Wer bleibt zurück? Millionen von Fans, welche die ausser­irdisch perfekte Musik des Pop-Stars vermissen, Hunderttausende von Jüngern, die um ihren Messias trauern, das Showbusiness, das seinem grellsten Stern nachweint und die Musikindustrie, die sich jetzt nochmals tüchtig die Hände reibt. Dann ist da noch die Familie, der riesige Jackson-Clan, all die geliebten und verdammten Verwandten. Und Michaels Kinder, Prince Michael I., 12, Paris Michael Katherine, 11, und Prince Michael II., 7. Die zwei Söhne und die Tochter haben … ja, wen eigentlich haben sie verloren?

Sicher keinen Vater. Zwar wird auf ihren Geburtsurkunden «Michael Joseph Jackson» als Vater vermerkt, doch Jacko mag vieles gewesen sein, aber bestimmt kein Daddy. Seine eigene verpfuschte Kindheit hat ihn gebrandmarkt. Von Vater Jo mit fünf Jahren für die Bühne dressiert («Ich habe Michael gepeitscht – ich habe ihn aber nie geschlagen»), will der Pop-Gigant sein Leben lang die Kindheit nachholen. Das versucht er, indem er sich mit Kindern umgibt.

«Wenn ich Kinder sehe, sehe ich das Antlitz Gottes», salbadert Jacko mehrmals. «Darum liebe ich sie so sehr.» Er schart Buben und Mädchen auf seiner «Neverland»-Ranch um sich, schüttet sie zu mit Spielzeug, Popcorn und «I love you»-Streichel- und Schmeicheleien, suhlt sich in dieser flauschigen Kinderwelt und hofft so, sein Kindheitstrauma zu narkotisieren.

Als seine Nähe zu Kindern zu nahe wird und es zu Vorwürfen wegen Kindsmissbrauch kommt, löste der marzipanwangige Kindernarr das Problem – mit der Bestellung von eigenen Kindern. Mit Prince Michael eins, zwei und Töchterchen Paris Michael erfüllt und erkauft er sich seinen sehnlichsten Wunsch, seine Klone, schon ihre Namen deuten darauf hin. Nun hat er seine Kinder – aber er ist ihnen nie ein Vater. Er ist vielleicht ihr Spielkamerad, ihr Kumpel, er kichert, spielt, blödelt mit ihnen herum, er ist kindisch und kindlich, der grösste Bub im Haus, er ist seinen Kindern allerhöchstens ein grosser Bruder – aber ­sicher kein Vater.

Denn ein Vater ist ein Mann, der erzieht. Der auch mal schimpft, laut wird und bewusst unangenehm. Kinder wollen gegen ihren Vater rebellieren; nichts irritiert Kinder mehr, als wenn der Papa sich ihnen anbiedert. Am Widerstand des Vaters können Kinder wachsen. Aber genau diese gesunde Distanz kann und will Michael Jackson seinen Kindern nicht geben – und verunmöglicht ihnen so eine normale Kindheit, wie er es schon erleben musste.

«Wenn ich Kinder sehe, sehe ich das Antlitz Gottes. Darum liebe ich sie so sehr»

Wie gehetzte Tiere fühlen sich Jackos Kinder. Sie tragen in der Öffentlichkeit Tiermasken; einmal gar Sturmmützen, mit denen sie aussehen wie Taliban-Entführungsopfer. Wie will man da normales Kind sein? Und was denkt ein Jacko-Kind, wenn der Papa die Säuselstimme eines Eunuchen hat, sich das Gesicht zupudert und seinem dürren Marmor-Mund mit Dior-Lipgloss etwas Lebensrot aufdrückt? Können seine Kinder solch einen Vater akzeptieren?

Das Drama der Jackson-Väter wiederholt sich. Vater Jo hat Michaels Seele mit Drill und Gewalt geschunden, Michael hat seine drei Kinder mit einer Überdosis kitschiger Zuneigung und falschem Elternbild vaterlos gemacht. Die Jackson-Kids sind nicht erst seit dem Tod des Kings Waisen, sie hatten nie Eltern. Denn ihr Pseudo-Papi hat ihnen auch den für jedes Kind wichtigsten Menschen vorenthalten – die Mutter.

Am 7. Juli 2002 verfasste Michael sein Testament. «Last will», steht da, fünf A4-Seiten, acht Kapitel. Jackos Signatur, fahrig und schnörklig, protzt über den vorgesehenen Platz hinaus. Die mächtigen Auf- und Ablinien erinnern an die Ausschläge eines Stereo­anlagen-Equalizers beim Jackson-Hit «Beat It». Im Testament steht: «Falls eines meiner Kinder zur Zeit meines Todes minderjährig ist, benenne ich meine Mutter Katherine zum Vormund dieser minderjährigen Kinder.» Und weiter: «Für den Fall, dass Katherine vor mir sterben sollte oder unfähig oder unwillig ist, das Sorgerecht auszuüben, benenne ich Diana Ross.»

Noch eine dritte Frau erwähnt Jacko in seinem Testament: «Ich habe es absicht­lich unterlassen, meine frühere Frau Deborah Jean Rowe Jackson zu berücksichtigen.» Dabei kann Debbie am ehesten als Mutter bezeichnet werden – wenn auch als pure Gebärmutter.

Die schüchterne, kräftig gebaute Blondine Debbie Rowe ist Krankenschwester bei Jacksons Hautarzt Arnold Klein. Michael beschreibt sie so: «Am Empfang beim Arzt sitzt ein weisses Mädchen, das mir sehr hilft und immer für mich da ist.» Die beiden werden Freunde, teilen Geheimnisse, rufen sich nachts an. Selbst während seiner Ehe mit Lisa Marie Presley trifft sich Jacko mit seiner «Beichtmutter». Nach der Scheidung von Lisa Marie, heiratet Michael 1996 Debbie. Sie ist schwanger.

Es sei eine künstliche Befruchtung gewesen, wird Debbie später erzählen, ein Deal unter Freunden, «eine mündliche Abmachung»: Eine sehr gute Freundin tut einem sehr guten Freund einen Gefallen – als Leihmutter seiner Kinder. Und so werden Prince Michael I. und Paris künstlich gezeugt, in ihre Gebärmutter gepflanzt, ausgetragen und auf die Welt gebracht. Jacko hat immer selber über die Natur bestimmt. Er hat gewählt, ob er weiss, schwarz oder Fabelwesen sein will, über die Form seines Blätterteig-Gesichtes hat er entschieden – warum also nicht auch den Nachwuchs planen und organisieren?

Natürlich gegen Bezahlung, ­natürlich mit Michaels alleinigem Sorgerecht. Natürlich ohne weiteren, lästigen Kontakt zu Debbie. 1999 wird die Ehe geschieden. Die Hors-sol-Mama bekommt 8,5 Millionen Dollar und sagt: «Es sind Michaels Kinder. Ich bin da, wenn er mich braucht, falls die Kinder eine Leber oder eine Niere oder ein ­Hallo brauchen.» Das sieht auch Jackos Ältester so. In einem ABC-Interview 2003 sagt Prince Michael I.: «Ich habe keine Mutter.»

Am 25. Juni 2009 steht für die Jacko-Fans die Welt still. Der King ist tot. Eine Woche später meldet sich die 50-jährige Debbie und will das Sorgerecht für ihre beiden Kinder. Ihre Chancen stehen gar nicht schlecht: Nach kalifornischem ­Gesetz hat ein biologischer Elternteil ­Vorrang. Dagegen spricht: Die Gerichte versuchen die Geschwister zusammen­zuhalten – das dritte Kind Prince ­Michael II. wurde jedoch nicht von ­Debbie aus­getragen; die Leihmutter des jüngsten Jacko-Sprosses ist (noch) unbekannt.

Derzeit kümmert sich Grossmutter Katherine, 79, um die Kinder. Für Jacko war sie immer «die freundlichste, warmherzigste und aufmerksamte Mutter». Die streng gläubige Zeugin Jehovas hat mit heissen Apfelpfannkuchen, Süsskartoffel-Pasteten und Moral-Predigten («Homosexualität ist Sünde!») Michaels Seele und Charakter verformt. Der Knabe liebte sie abgöttisch, mehr, als es für eine Mutter-Sohn-Beziehung gesund ist.

Geliebt hat Jacko auch die im Testament als Sorgerechts-Mutter Nummer zwei genannte Diana Ross. Die heute 65-jährige Super-Diva verdreht bereits dem 10-jährigen Michael den Kopf: «Du bist ja so niedlich», schmeichelt die Sängerin ihm, und als Erwachsener
gesteht Jacko: «Ich werde Diana immer lieben. Ich würde sie gerne heiraten.» Statt einer Ehe bekommt Michael dafür ihre Nase. Die anoperierte Ähnlichkeit zur Soul-Queen ist offensichtlich.

Wer soll denn nun für Jackos Kinder sorgen? Seine greise Über­mut­ter Katherine? Diana Ross? Oder Leihmutter Debbie Rowe. Und was, wenn gar nicht Michaels Samen benutzt wurde? Das Gerücht geht um, sein Hautarzt und Debbies Ex-Chef Arnold Klein sei der Sperma-Stifter. Was, wenn er plötzlich Vaterrechte anmeldet? Und wer ist die Leihmutter von Jackos jüngstem Kind? Was, wenn sie sich meldet?

Michaels Kinder seien verstört, sagt der Sprecher des Jackson-Clans. Jacko hat in einem Interview einmal betont: «Meine Mutter Katherine ist wundervoll. Ich kann mir nicht vorstellen, wie es ist, ohne die Liebe einer Mutter aufzuwachsen.» Nun, genau das, hat er seinen drei Kindern zugemutet.

Der Kind of Pop ruht (hoffentlich) in Frieden. Seine drei Kinder werden wohl nie in Ruhe und Frieden gelassen werden.

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