Polo Hofer Volle Fahrt voraus!

Vier Jahre lang arbeitete Polo Hofer, 64, am neuen Album. Wurde vom Schicksal immer wieder gebremst - künstliches Koma, Stimmverlust. Jetzt singt er wieder. Und spricht über unerfüllte Träume, die Liebe und seine Angst vor dem Sterben.

Sieben Jahre sind seit Polo Hofers letztem Studio-Album vergangen. In dieser Zeit ist viel passiert: Polo, 64, zog von Bern nach Oberhofen am Thunersee BE. Heiratete seine Alice. Und wurde immer wieder vom Schicksal heimgesucht: Zwei Operationen wegen zystischer Pankreas-Fibrose, vor gut zweieinhalb Jahren lag er gar zehn Tage lang im künstlichen Koma.

Wegen Wucherungen an den Stimmbändern musste er bestrahlt werden, verlor zeitweise seine Stimme. Jetzt singt Polo Hofer wieder. Besser denn je. Die Songs auf dem neuen Album, das am 21. August erscheint: eine gelungene Mischung aus Rock, Pop, Country und Hip-Hop-Elementen. Und mit dem Namen der CD trifft Polo den Nagel auf den Kopf!

Prototyp
«Laut Duden ist ein Prototyp ein ‹erstes betriebsfähiges Modell› – und das bin ich. Dass ich als erster erfolgreicher Berner Mundartrocker gehandelt werde, hat sich so ergeben und freut mich. Als Polo bin ich leicht unberechenbar, ‹gwundrig› und sehr unterhaltsam. Als Partner bin ich vermutlich nicht der einfachste, aber Alice weiss schon, was sie an mir hat. Schliesslich koche ich für sie!» Träume und Liebe, Heimat und Zeitgeist, Loslassen und Tod: Die Songs der neuen CD sind sehr persönlich. Das beginnt schon bei den Titeln.

I tröime mi zu Dir
«I tröime mi zu Dir, bis i Di vor mir ha»
«Mein grösster Traum, seit ich 16 bin, war, von der Musik leben zu können. Er hat sich erfüllt. Aktuell träume ich davon, mehr zu malen, mehr zu reisen und ein Buch zu schreiben. Die Geschichte schwirrt bereits in meinem Kopf herum, jetzt muss ich nur noch lernen, einen Laptop zu bedienen. Mein grösster Wunsch ist aber, gesund zu bleiben. Ich plane nie mehr als ein halbes Jahr voraus. Ich habe ja gesehen, wie schnell alle Pläne über den Haufen geworfen werden.»

Polo nippt an seinem Cüpli. Hatten ihm die Ärzte nicht mal Alkoholverbot auferlegt? «Die Ärzte, die das verschreiben, gehen davon aus, dass man achtzig werden will. Wer sagt denn, dass das auch mein Ziel ist? Ich lebe lieber jetzt!»

Wie söll me däm de säge süsch?
«Wenn de das nid eifach Liebi isch, wie soll me däm de säge süsch?»
«Ich habe gut 300 Lieder über die Liebe geschrieben. Sie ist nicht fassbar, aber sehr inspirierend. Ich glaube nicht, dass es nur eine einzige wahre Liebe im Leben gibt. Liebe ist mit sechzig anders als mit zwanzig, es geht in späteren Jahren verstärkt um Loyalität und Zusammenhalt. An meiner Frau liebe ich ihre Originalität und ihre Intelligenz. Wir arbeiten ja auch zusammen und ergänzen uns beruflich sehr gut.»

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Am Pier in Oberhofen legt ein Kursschiff an. Einige Leute an Bord erkennen Polo, der im gemütlichen Hafenbeizli sitzt, winken und johlen. Einer nach dem anderen zückt sein Handy, um ein Foto zu schiessen. «Machs guet, Polo!», ruft eine Frau, als das Schiff ablegt. «Und bliib gsund!»

Ds letschte Hemmli
«Du glaubsch a Herrgott oder äbe ou nid, am Schluss macht das kei Unterschied»
«Ich bin mit 18 aus der Kirche ausgetreten, weil ich darin einfach keine Notwendigkeit sehe. Eine gewisse Spiritualität finde ich hingegen wichtig. Sie steckt in der Musik, in der Natur, in den Elementen. Ich glaube an eine kosmische Energie, in der alles Leben steckt. Angst vor dem Tod habe ich nicht, aber vor den Schmerzen, die oft mit dem Sterben verbunden sind. An die zehn Tage, in denen ich im Koma lag, kann ich mich nicht erinnern. Das Aufwachen war hingegen brutal: Ich sah drei Köpfe über mir, und hörte Stimmen: ‹Hei mer ne? Isch er wieder da?› Was nach dem Tod kommt, stelle ich mir nicht vor. Aber ich bin ‹gwundrig›, was da auf uns zukommt. Meine Frau gestaltet in ihrem Sarg-Atelier ja eben Särge. Ich glaube, sie begegnet damit ihrer Angst vor dem Tod. Als sie erstmals mit dieser Idee kam, dünkte mich das schon noch ‹eiget›. Mittlerweile fasziniert mich ihr Umgang mit Tod und Trauerarbeit.»

Vor zwölf Jahren starb Polos damalige Freundin Isabelle an Krebs. Eineinhalb Jahre lang hatte er sie gepflegt. Wie man einen solchen Schicksalsschlag verarbeitet? Polo schweigt lange. «Zurück ins Leben stürzen. Akzeptieren, dass alles vergänglich ist.»

Vergange und verby
«Me weiss nid, was me het, bis me da steit mit nüt»
«Das Loslassen wird mit dem Alter einfacher. Wenn ich heute zurückschaue, würde ich in meinem Leben kaum viel anders machen. Nur eines: Mit 22 heiraten war eindeutig zu früh – wir waren viel zu jung –, auch wenn wir dann 23 Jahre lang verheiratet waren. Dafür lernte ich früh kochen, und ich erzog ein Kind: Mein Adoptiv­sohn Oliver ist heute 42, und wir haben immer noch regen Kontakt.»

Ein paar Soldaten spazieren vorbei. Lachend erzählt Polo, wie er vor einigen Tagen auf einem Thunersee-Schiff eine Gruppe Uniformierter traf. Der Kommandant liess antreten und verlangte das gemeinsame Signal. Da zückten die Soldaten ihre Handys und liessen «Alperose» als Klingelton erschallen!

Bönigen am Quai
«Ha sie ar Chilbi troffe, bi a se häre gloffe, am ene Wuchenänd im Bärner Oberland»
«Ich bin ein Bergler, kein Patriot. Dies, obwohl ich eine sehr glückliche Kindheit in Interlaken hatte, als ältester von vier Gielen. Den ‹Polo National› erfanden aber Medien. Ich selbst sehe mich nicht so. Durst ist für mich definitiv schlimmer als Heimweh!»


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