Hugo Loetscher War meine Welt meine Welt

Die Autobiografie von Hugo Loetscher erschien drei Tage nach seinem Tod - und ist bereits ausverkauft! Eine Reise ins Ich.
Diogenes-Autor der ersten Stunde Hugo. Loetscher in seiner Stadtwohnung in Zürich.
Diogenes-Autor der ersten Stunde Hugo. Loetscher in seiner Stadtwohnung in Zürich.

Endlich kann sich jeder mit Hugo Loetscher an einen Tisch setzen und ihm zuhören, wenn er seiner Fabulierlust freien Lauf lässt. Man muss nur dieses Buch aufschlagen, und schon wird der Tisch zur Weltkarte. Ein Rotweinfleck zu einem fernen Kontinent. Und das darauf gestreute Salz zu den Alpen. Eine Autobiografie, prallvoll mit Anekdoten und philosophischen Fragen, die uns wie aus einer Wundertüte entgegenpurzeln: «Wie küsst man ein Lachen?»

Carlo Collodi schnitzte aus einem Holzscheit den Pinocchio. Und Loetscher? Er schickt als Bub ein kleines Holzscheit flussabwärts, hinaus aus der schmutzigen Sihl seiner proletarischen Herkunft in die edle Limmat, und dann rheinaufwärts ins Uferlose des Meeres – ins Uferlose seiner Fantasie.

Als alter Autor folgt er nun dem Fluss seines Lebens und lässt sich vom Gedankenfluss treiben: Was, wenn wir alle Asylanten ausweisen? Den Reis und den Zucker, die Kartoffel aus Südamerika? Was isst man dann im Ämmital anstelle von Rösti zum Zmorge? Dort lernte Loetscher, «katholisch zu turnen»: vertikal zu Gottes Ehre an der Teppichstange. Oder gleich fürs Vaterland, für das man sich opfern soll – aber hat es sich je für uns geopfert?

Eine Zeitreise in ein Zürich, wo Italiener noch als «Maiser» verspottet wurden, weil sie Polenta assen, und ein «Neger» als Opferstock bewies, dass auch Afrikaner zu bekehren und somit Menschen sind. Am Schluss rundet sich seine Weltsicht in Weitsicht: Jeder kann nur ein Mensch sein, nur eine Möglichkeit ausschöpfen. Loetscher will aber, dass alle Menschenmöglichkeiten aufblühen. Deshalb soll man andere anders leben lassen. So seine poetisch-politische Philosophie.

Loetscher fragt: War meine Welt meine Welt? Ja, aber noch erstaunter stellt man fest: Seine Welt ist auch – unsere Welt. Das ist das Geheimnis von Loetschers Literatur.






Hugo Loetscher
War meine Zeit Meine Zeit
(Diogenes Verlag)


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