André Marty Weihnachten im Nahen Osten

Nahost-Korrespondent André Marty moderiert am 24. Dezember live aus Bethlehem. In der Geburtskirche Jesu wird das Weihnachtsoratorium von J. S. Bach aufgeführt (22.30 Uhr, SF 1).
Weihnachten im Nahen Osten
Weihnachten im Nahen Osten

Herr Marty, was darf man erwarten, wenn an Heiligabend an einem heiligen Ort heilige Musik gespielt wird?
Jedermann hat eine Beziehung zu Weihnachten, auch nicht religiöse Menschen. Alle werden darum mit dieser hochstehenden Musik in diesem speziellen Umfeld etwas anfangen können. Vielleicht wird der eine oder andere für ein paar Minuten nicht nur an seine Geschenke denken, sondern versuchen, die Geschichte in einen grösseren Kontext zu stellen.

Die Geburtskirche Jesu ist ein unglaublich symbolträchtiger Ort. Was bedeutet er für Sie persönlich?
Diese Gegend zwingt mich dazu, mich mit meiner Herkunft und meiner eigenen Religiosität auseinanderzusetzen. Denn hier wird man durch seine Religions­zugehörigkeit definiert. Hier bin ich also Christ – egal, ob gläubig oder nicht.

Bethlehem ist auch symbolisches Zentrum für jenen Konflikt, der die Menschen in Israel und Palästina bis heute nicht zur Ruhe kommen lässt.
Die Realität ist sehr heikel und explosiv. Werte wie Toleranz bedeuten wenig, viele Menschen haben sich vom politischen Prozess verabschiedet, sind zum Teil abgelöscht. Manchmal fällt es deshalb schwer, ob all dem politischen Zynismus ans Gute im Menschen zu glauben. Die Über­tragung der Messe ist immerhin ein Versuch, einen Alltag zu leben – auch wenn eine Weihnachtsmesse natürlich keinen Frieden in den Nahen Osten bringt.

Was für Emotionen transportieren für Sie die Klänge von Bach?
Für mich ist es eine Einladung, sich Zeit zu nehmen, tolle Musik zu hören und innezuhalten. Vielleicht auch, um sich bewusst zu werden, dass, wenn Maria und Josef heute mit ihrem Esel einen Stall gesucht hätten, sie gar nicht nach Bethlehem gekommen wären – weil nämlich am Eingang zu Bethlehem ein Checkpoint und eine siebeneinhalb Meter hohe Mauer aus Beton stehen.

Wie werden Sie persönlich Weihnachten verbringen?
Meine Familie feiert immer abwechselnd in der Schweiz und in Israel. Wir müssen uns hier bewusst unsere Adventsstimmung selber schaffen, ein Euka­lyptus-Ast dient als Christbaum-Ersatz. In der Schweiz kriegt meine Tochter Mila natürlich mehr Geschenke von den Gross­eltern, aber hier in Israel kennt sie es nicht anders.


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