Marc Forster «Wir Männer hören schlechter zu»

Er ist der Mann der Bilder. Doch als «Hear the World»-Botschafter fokussiert Marc Forster für einmal ganz aufs Ohr. Unser Star-Regisseur über sein Engagement - und sein Töchterchen Lia Enéa.

Herr Forster, bei bestimmten ­Themen hören Männer ganz plötzlich schlecht. Kennen Sie dieses Phänomen?
(Lacht.) Und ob! Ich gehe sogar noch weiter: Wir Männer hören generell schlechter als Frauen – vor allem hören wir schlechter zu. Ein Problem unserer Gesellschaft überhaupt. Im Vergleich zu früher sind die Menschen heute viel zu stark abgelenkt. Zuhören ist eine Kunst.

Die Sie offenbar beherrschen – als ­Botschafter für «Hear the World», der weltweiten Initiative von Phonak.
Das Thema Hören beschäftigt mich sehr. Mein ältester Bruder Wolfgang kam gehörlos zur Welt. Ich musste mich also zwangsläufig von frühester Kindheit an damit auseinandersetzen.

Wie erlebten Sie den täglichen Umgang mit ihm?
Wolfgang war fünf Jahre älter als ich. Damals gab es weder SMS, E-Mail noch Chatrooms. Telefone waren das einzige Kommunikationsmittel. Weil sich Gehörlose nur schwer an Gesprächen beteiligen können, sind sie unglaublich schnell ausgeschlossen. Wolfgang lernte von den Lippen lesen – sowohl in Deutsch als auch in Englisch. Er war hochintelligent. Und trotzdem war eine gewisse Vereinsamung da. Rein vom sozialen Umfeld her stellen sich einem gehörlosen Menschen unzählige Probleme. Uns Hörenden ist oft gar nicht bewusst, wie wichtig der Ton ist.

Ihnen als Regisseur liegen aber sicher Bilder näher?
Bilder sind für mich sehr wichtig. Aber erst beim Vertonen hauche ich meinen Bildern eine Seele ein. Geräusche und Musik prägen unser Unterbewusstsein.

Ihr Bruder nahm sich vor elf Jahren das Leben. Stand sein Suizid in Zusammenhang mit seiner Gehörlosigkeit?
Vielleicht … der Selbstmord hatte in erster Linie mit seiner Schizophrenie zu tun. Wobei diese sicherlich in Zu­sammenhang mit seiner Gehörlosigkeit akzentuiert wurde.

Als «Hear the World»-Botschafter wurden Sie von Rock-Sänger Bryan Adams ­fotografiert. Sie kennen sich auch privat.
Wir wurden uns bei einem Abendessen bei Dustin Hoffman vorgestellt. Seitdem sind wir befreundet. Bryan hat eine herzliche Art. Er ist liebevoll und offen.

Normalerweise dirigieren Sie die Akteure vor der Kamera. Für einmal mussten nun Sie Regieanweisungen entgegennehmen.
Ich habe es genossen! Privat mag ich es sehr, wenn ich mich nicht um alles zu kümmern brauche. Als Regisseur bin ich dagegen ein Kontrollfreak.

Sie sagten einmal: «Für mich ist das ganze Leben eine Art Traum.» Seit der Geburt Ihrer Tochter Lia Enéa trifft das wohl ganz besonders zu?
Absolut! Das erste Mal Vater zu werden, war für mich wie ein Wunder. Ich kann das gar nicht beschreiben.

«Dana und ich haben uns sehr mit dem Elternwerden befasst. Eltern ­können viel falsch machen»

Versuchen Sies trotzdem?
Es gibt so viele Facetten zu diesem Wunder. Eine davon ist das Erwachen in einem selbst. Dadurch wird man sich seines eigenen Lebens bewusster.

Ihr Töchterchen sei ein «super Mädchen». Was macht sie so speziell?
(Lacht.) Alles, was sie tut, ist so lieb, herzig, süss und so unschuldig. Dabei ist es für Babys doch gar nicht einfach – sie kommen in diese Welt und müssen sich anpassen.

Wenn ein Erfolgsregisseur wie Sie Vater wird, schneits bestimmt Gratulations­kärtchen aus Hollywood …
Viele Freunde und Bekannte schrieben und gratulierten. Darüber freute ich mich sehr.

Dustin Hoffman auch?
Ja, auch Dustin hat geschrieben. Er ist ein wichtiger Mensch in meinem Leben. Da mein richtiger Vater verstorben ist, kommt Dustin fast einer Vaterfigur gleich.

Jetzt, wo Sie selbst Vater sind: Was möchten Sie Ihrer Tochter mit auf den Weg geben?
Sicherheit, Liebe und Wärme – damit sie sich zu einer selbstständigen und selbstsicheren Person entwickeln kann. Ich wünsche mir, dass Lia ihr Herz immer weit offen hält. Dana und ich haben uns sehr mit dem Elternwerden befasst. Eltern können viel falsch machen.

Auf einmal mussten Sie sich mit ausser­gewöhnlichen Themen befassen – etwa mit dem Kauf eines Kinderwagens.
O ja, das war schwierig. Dana und ich schauten zig Modelle an. Doch wir packen Lia lieber ins Tragtuch – das ist etwas Grossartiges. Je länger man das Kind bei sich trägt, umso einfacher ist es später für das Kind – es hat dann die Wärme und Sicherheit der Eltern immer in sich. Wir tragen Lia mindestens drei Stunden täglich auf uns.

Sie geraten ja total ins Schwärmen! Be­einflussen Ihre jüngsten Erfahrungen als Vater bald Ihr Filmschaffen?
Das kann ich noch nicht sagen. Momentan bin ich an einem Film mit dem Titel «Disconnect». Er handelt von ­Menschen, die sich in dieser von Technologie geprägten Welt entfremden und doch näherkommen – durch Internet, Facebook und Blackberrys.

Genau die Technologien, die Ihrem ver­storbenen Bruder eine grosse Kommunikations-Plattform hätte auftun können …
Davon bin ich überzeugt. Gerade deshalb wünsche ich mir oft, Wolfgang wäre noch am Leben.

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