Bundesrat Moritz Leuenberger «Wir werden ihn immer gernhaben»

Das Herz hörte auf zu schlagen. Schriftsteller Hugo Loetscher starb letzte Woche kurz vor seinem 80. Geburtstag nach einer schweren Operation. Moritz Leuenberger sagt, was er verloren hat.

Hugo Loetscher liebte die Schweiz. Aber er verklärte sie nicht. Er reduzierte sie nicht auf ihre Klischees, auf Heidi, Alp- und Matterhörner. Seine Zuneigung bestand auch in Stellungnahme, in Kritik. Er wusste und sagte es deutlich: Die Schweiz nur gerade mit ihren Symbo­len politisch zu besetzen, führt unser Land in die Isolation. Hugo Loetscher verkörperte eine liberale, tolerante und weltoffene Schweiz.

Hugo Loetscher liebte die Welt. Er war neugierig, besuchte andere Kontinente, lernte andere Sprachen, überschritt Grenzen. Globalisierung empfand er nicht als Bedrohung, sondern als Chance, auch für die Schweiz. Er hat in den USA über die schweizerische Demokratie Vorlesungen gehalten, und er hat uns hier andere Kontinente und Länder, Südamerika oder Indien, nähergebracht. Für ihn war selbst­-verständlich, dass die Schweiz in der Welt ist und die Welt in der Schweiz.

Hugo Loetscher liebte die Stadt. Selber aufgewachsen als Arbeiterkind in Zürich-Aussersihl, wehrte er sich gegen die Romantisierung der ländlichen Idylle. Er verkörperte eine urbane Kultur, war ein Stadtmensch, bis zuletzt lebte er in der Zürcher Altstadt. Er pflegte den Kontakt mit den Menschen, liebte es, eine Bratwurst am Bellevue zu essen oder in einem Café zu diskutieren – und zwar auf Augen­höhe mit uns, er überfuhr uns nicht mit elitärem Wortschwall. Genauso war auch seine Poesie, seine Literatur nie ab­gehoben. Auch für uns, die wir nicht im Literatenolymp zu Hause sind, waren seine Texte und Gedanken zugänglich.

Hugo Loetscher liebte die Politik, das Streitgespräch, die Auseinandersetzung, die Diskussion. Hugo Loetscher hatte eine politische Meinung, und er hat sie auch vertreten. Doch er gehörte keiner Partei an. Er war unabhängig und entlarvte schonungslos politische Widersprüche und Ver­logenheiten von links bis rechts. Und dennoch ver­urteilte er niemanden, denn er liebte uns auch für unsere Schwächen, für die grossen der Politik und für die kleinen im Alltag. Nicht umsonst heisst eines seiner Werke «Der Waschküchenschlüssel».

Hugo Loetscher liebte die Verschiedenheit der Kulturen, die Vielfalt der Sprachen. Dazu brauchte er nicht aus der Schweiz zu flüchten, denn er zählte nie zu jenen Intellektuellen, die sich in der Klage gefallen, die Schweiz sei ihnen zu eng. Er war in der Romandie und im Tessin ebenso zu Hause wie in seiner deutschsprachigen Geburts- und Wohnstadt. Diese Neugier an unseren Kulturen, an Stadt und Land, an der Mehrsprachigkeit unseres Landes, an seinen Verschrobenheiten und Verstocktheiten, dieses Interesse an den merkwürdigen Auseinandersetzungen zwischen Katholiken und Protestanten oder den Spannun­gen zwischen Arbeiterkindern und Söhnen und Töchtern des Zürichbergs, wie er sie in seinem letzten Buch wieder beschreibt, das war seine Liebe zur Schweiz.

Hugo Loetscher setzte sich mit der Schweiz auseinander. Er tat es kritisch, durchaus. Aber er hat sich nie von der Schweiz abgewendet, hat sich – bei allem Humor – nie über die Schweiz lustig gemacht. Seine Kritik war Ausdruck einer Zuneigung.

Hugo Loetscher liebte die Menschen, Hugo Loetscher war uns zugewandt. Dafür hatten wir ihn gern, dafür werden wir ihn immer gernhaben.

Literaturkritiker Stefan Zweifel, Fotograf Willy Spiller und SI-Reporter Max Fischer über Hugo Loetscher - jetzt in der aktuellen Ausgabe »


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