Streichmusik Alder Zäuerli in Abu Dhabi

In einer anderen Welt. Die fünf Appenzeller der legendären Streichmusik Alder besuchen auf ihrer Konzertreise die Vereinigten Arabischen Emirate.
Die Volksmusik-Formation Alder in der Sheikh-Zayed-Moschee in Abu Dhabi. Von links: Hansueli Wälte, Jakob Freund,  Hansueli Alder, sein Vater Ueli und Fred Koster.
Die Volksmusik-Formation Alder in der Sheikh-Zayed-Moschee in Abu Dhabi. Von links: Hansueli Wälte, Jakob Freund, Hansueli Alder, sein Vater Ueli und Fred Koster.

«Sterne fööfi, haben die glänzende Böden. Und diese Akustik!» Hans­­ueli Alder ist ob der Schönheit der Moschee ganz ergriffen. «Lasst uns eins singen!», sagt er. Und so stehen die fünf Männer im Halbkreis zusammen, die Hände in den Hosentaschen. Und intonieren spontan ein Zäuerli.

Der Appenzeller Naturjodel klingt fantastisch in diesem Gotteshaus. Doch schon nach wenigen Sekunden wieseln zwei Sicherheitsmänner heran, halten die Zeige­finger an die Lippen. Die Jodler verstummen sofort. «Sorry», entschuldigt sich Alder. Der Uniformierte lächelt: «No problem.»

Die Sheikh-Zayed-Moschee in Abu Dhabi ist das drittgrösste islamische Gebetshaus der Welt. 600 Millionen Franken hat es gekostet, alles ist vom Feinsten: Carrara-Marmor, die Kronleuchter aus Swarovski-Kristallen. Besucher dürfen die Moschee nur barfuss betreten.

«Verrückte Welt! Diese Ölscheichs haben Geld wie Sand am Meer»

Draussen im prächtigen Innenhof ziehen sich die Appenzeller ihre Sennenschuhe wieder an, einer nimmt als Schuhlöffel sein Stofftaschentuch. Er wischt sich Schweiss von der Stirn. Es ist 30 Grad, vormittags um halb elf. «Am abend können wir richtig Musik machen», sagt Hansueli Alder, 60, und klopft seinem Vater Ueli, 86, auf die Schulter.

Die original Appenzeller Streichmusik Alder ist auf Konzertreise. An
drei Abenden spielt die legendärste Schweizer Volksmusikformation in Abu Dhabi, der Hauptstadt der Vereinigten Arabischen Emirate. Eingeladen vom Schweizer Botschafter und der Schweizer Handelskammer. Ort der Auftritte: der Weihnachtsmarkt im Fünfsterne­hotel Rotana Beach.

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Dieser ist seit Jahren fester Treffpunkt der 1500 Schweizer Geschäftsleute und Ingenieure, die in den Emiraten arbeiten. «Hier waren wir noch nie», erzählt Hansueli Alder, Chef der Truppe. Er spielt Geige und Alphorn, sein Vater Bassgeige, Jakob Freund, 62, Hackbrett, Fred Koster, 58, Handorgel, Hansueli Wälte, 65, jodelt.

Tagsüber nur an der Poolbar sitzen – das ist nicht für die fünf flotten Appenzöller. Dubai wollen sie sehen! Die boomende Wüstenstadt am Persischen Golf, in der täglich ein Wolkenkratzer vollendet wird.
Schon am Ankunftstag sind die Musiker dorthin unterwegs. 150 Kilo­meter sinds von Abu Dhabi nach Dubai auf der Autobahn durch die Wüste.

Kurz nach dem Start passiert der Bus eine besonders grossen Baustelle. Hier entsteht die neue Formel-1-Strecke. Arbeiter aus Pakistan und Bangladesch schuften rund um die Uhr für einen Hungerlohn. «Verrückte Welt! Diese Ölscheichs haben Geld wie Sand am Meer», sagt Ueli und schüttelt den Kopf. «Wir bezahlen das alles mit sauteurem Sprit», ereifert sich Koster. Wie viel ein Liter Benzin hier koste, will Wälte wissen. Reiseleiter Mohammed: «20 Rappen, dreimal weniger als ein Liter Mineralwasser.»

Nach einer Stunde Fahrt halten sie mitten im sandigen Niemandsland. Hansueli Alder ruft seine Frau an. Zu Hause schneit es. «Hier haben wir 30 Grad. Wie stehts im Stall?» Zum Bauernbetrieb Strüssler ob Urnäsch AR und den 20 Stück Vieh schaut sein Sohn Hansjörg. Koster raucht eine Mary Long, fotografiert das «Kamel-Schild». Der Reiseleiter: «Reiche Scheichs züchten hier Rennkamele. Fährt man eines tot, gibts eine Busse: 5000 Franken bei einem Männchen, 10 000 bei einem Weibchen.» Koster lacht. «Sollte das nicht umgekehrt sein?»

Weiter geht die Fahrt. Auch wenns den Eindruck macht, die urchige Truppe sei in einer fremden Welt: Im Ausland waren die Alders bereits unzählige Male. Dem Reiseleiter zeigt der 86-jährige Ueli ein etwas abgegriffenes Foto, das er aus dem Portemonnaie fingert. Darauf zu sehen: Er Arm in Arm mit Dolly Parton, Sängerin und Busenwunder. «Die kam, als wir in Tennessee spielten. Sie war ­begeistert. Wir auch!»

Hongkong, New York, Kapstadt: Die Streichmusik gastierte schon überall, auf Einladung von Auslandschweizer-Vereinen und Firmen. Hundert Auftritte hat die Truppe jährlich, die heutige Formation besteht seit 1986. Nächsten Oktober feiern sie das 125 Jahr-Jubiläum. Besonders gern erinnert sich Alder senior aber an den TV-Auftritt mit Rapper Bligg: «Das war der Hit!»

Die Alders fahren in Dubai ein. Von Weitem schon ist das berühmte Sieben-Sterne-Hotel Burj al Arab zu sehen. Der Verkehr verstopft die zehnspurige Autobahn. Wälte: «Hier hätten Off­roader-Gegner schön was zu tun!» Vorbei gehts an der riesigen Skihalle, Shopping-Center reiht sich an Shopping-Center.

«Da gibts alles zu kaufen», sagt der Reiseleiter. «Auch Appenzeller Käse?», fragt Koster. – «Selbstverständlich.» Wolkenkratzer, wohin sie schauen. Einer futuristischer als der andere. Ueli seufzt: «Zu Hause haben wir es schöner!» Nächster Halt ist der Goldbasar. Koster will der Freundin Ohrringe heimbringen. «Good quality?», fragt er den Verkäufer. Für 72 Franken ersteht er den Schmuck, runtergehandelt von 400.

Einheimische Männer in weissen Dish-Dash-Gewändern beobachten die rot-weiss gekleideten Jodler aus Distanz. Einer kommt schliesslich näher, will wissen, wer sie sind. «Wir kommen aus den Bergen und machen fröhliche Musik», erklärt Alder junior. Und zeigt dem staunenden Mann seinen goldbeschlagenen Hosenträger und die Silberkette. «Die ganze Tracht ist 15 000 Franken wert.»

Am Abend haben die Alders ­ihren ersten Auftritt, beim Weihnachtsmarkt im Garten ihres Hotels in Abu Dhabi. Unter Palmen duftet es nach Raclette und Lebkuchen. Hackbrett, Zäuerli, Talerschwingen: Die Alders sind in ihrem Element. Am Schluss bringen sie ihr bekanntestes Stück: «D Birewegge-Polka». Die Heimwehschweizer und amerikanische Touristen klatschen begeistert. Alder senior juchzt: «Hüt gots loschtig zue!»


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