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Adut Akech, das Sonnenkind

Ein Model, das auszog, um zu kämpfen

«Es ist wichtig, im Kopf zu behalten, dass es eine Seltenheit ist, dass jemand wie ich diesen Preis gewinnt», mahnt die 19-Jährige, als sie an den Fashion Awards in London offiziell zum «Model of the Year» gekürt wird. «Das hier ist für alle jungen Frauen und Männer, die sich, in dem was ich tue, repräsentiert und bestätigt fühlen» – geboren im Flüchtlingscamp, erobert die Südsudanesin die Laufstege dieser Welt.

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Vorhang auf für Adut Akech: Das Model des Jahres 2019, ausgezeichnet und fotografiert an den Fashion Awards in London.

Corbis via Getty Images

Die Sonne brennt von einem wolkenlosen Himmel. Zwischen zwei endlos langen Zeltreihen sitzt ein kleines Mädchen auf dem Boden und spielt im staubigen Sand. Sie wartet auf ihre grosse Schwester, die gleich von der Schule zurück sein soll. Wie immer wird sie sie löchern, und falls sie Glück hat, wird diese sich die Zeit nehmen und ihr vom Unterricht erzählen. Schon bald kann sie alle Buchstaben des Alphabets schreiben. Das Problem ist nur: Bricht die Nacht über dem Flüchtlingscamp herein – und das ist bereits kurz vor sieben Uhr der Fall – dann ist das Üben vorbei. Der Familie steht nur eine einzige Öllampe zur Verfügung, mit dem spärlichen Licht muss sparsam umgegangen werden. Irgendwo schreit ein Baby. Vielleicht braucht ihre Mutter Hilfe? Das Mädchen steht auf und verschwindet in einem der Zelte.

Die Scheinwerfer blenden

Das Herz schlägt ihr bis zum Hals. Die spitzen Schuhe mit dem Bleistiftabsatz wackeln leicht unter ihren Füssen. Es geht los. Im Takt der Musik schreitet sie in die Hallen der einstigen Militärzentrale. Überall werden Smartphones in die Höhe gestreckt. Dies ist ihre allererste grosse Show: Saint Laurent, Paris. Vor Freude und Aufregung würde sie am liebsten losprusten. Aber sie beherrscht sich. Nach knapp zehn Minuten ist es vorbei. Doch diese paar Minuten verändern das Leben des siebzehnjährigen Mädchens. Von da an wird sie zu einem der begehrtesten Models auf dem Planeten. Vom Flüchtlingskind zum Topmodel. Dies ist die unglaubliche Geschichte von Adut Akech (gesprochen Akedsch).

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Adut auf dem Laufsteg bei Saint Laurent.

Gamma-Rapho via Getty Images

Der kometenhafte Aufstieg

Der Siegeszug der dunkelhäutigen Grazie begann mit der Frühling/Sommer-Show 2017 von Saint Laurent. Heute wollen sie alle. Im vergangenen Herbst lief sie in 33 Shows, darunter für Alexander McQueen, Givenchy, Prada und Versace. Sie hatte Kampagnen für Saint Laurent, Valentino und Zara. Sie war die (erst zweite dunkelhäutige) Braut in Karl Lagerfelds Chanel-Show und ist Teil des Pirelli-Kalenders 2018, fotografiert von Tim Walker, nebst Whoopi Goldberg, Naomi Campbell und Lupita Nyong’o. Steven Meisel stand hinter der Kamera, als sie für ihr erstes Vogue-Cover im Dezember des vergangenen Jahres posierte. Und sie zeigte ihre Mutter und ihre fünf Geschwister in der Dezemberausgabe der Vogue Australia. Wie kann man damit umgehen, dass man als Kind wenig mehr als eine Unterhose und ein Kleid besass und nun Roben für mehrere zehn tausend Franken trägt?

Sie scheinbar gut. «Es ist bestimmt wegen meiner Art, dass die Leute gern mit mir zusammenarbeiten. Ich wäre gern um mich herum», sagt sie unverblümt gegenüber dem Magazin Marie Claire Australia. Tatsächlich schwärmen alle, die mit ihr arbeiten, von ihrer Persönlichkeit, ihrer Fröhlichkeit und ihrer Höflichkeit. Doch am 1. Januar überraschte Adut auf Instagram mit der Nachricht, dass sie im vergangenen Jahr an Depressionen und Angstzuständen gelitten habe. Und noch leide. Ihre Offenheit und ihre Ehrlichkeit zeugen von grosser Stärke und Reife.

 

Es war einmal ...

Ihre Mutter flüchtete aus dem Südsudan nach Kenia, wo sie mit den Kindern für die nächsten sechs Jahre im Flüchtlingscamp Kakuma unweit der Grenze zum vom Bürgerkrieg gebeutelten Heimatland lebte. Dort verbrachte Adut ihre frühe Kindheit. Ursprünglich für 70 000 Menschen angelegt, waren damals rund 180 000 Personen dort untergebracht. Sie selber sagt, dass die Jahre im Flüchtlingslager keine unglückliche Zeit waren. «Wir hatten es meistens lustig. Es war mir nicht bewusst, dass ich in einem Flüchtlingscamp lebte. Ich hatte meine Cousins dort, viele Freunde. Ich erinnere mich, wie wir rumrannten und zusammen spielten», erzählt sie an der Veranstaltung «Voices» von Business of Fashion, einer Website, die sich mit den Hintergründen der Modeindustrie befasst. Im Gegensatz zu ihren älteren Cousins hat sie die Gewalt und das Morden nicht mit eigenen Augen gesehen. Sie litt einzig darunter, dass sie die Schule nicht besuchen konnte, da sich die Mutter den Unterricht nur für ein Kind leisten konnte. Ihre ältere Schwester Kim brachte ihr das Lesen bei. Als Adut sechs Jahre alt war, packte die Mutter eines Tages die wenigen Kleidungsstücke in einen Koffer und reiste mit den Kindern nach Nairobi, wo sie in einer Baracke ohne Elektrizität unterkamen. Von dort gings weiter nach Adelaide in Australien, wo sie endlich in Sicherheit waren.

Demut statt Hochmut

Aber hier begann die härteste Zeit für die kleine Adut. Sie konnte anfangs nicht die reguläre Schule besuchen, da sie zuerst Englisch lernen musste. Mit ihrer sehr dunklen Haut war sie die absolute Exotin unter den Kindern und wurde wegen ihrer vollen Lippen und der Zahnlücke gehänselt. Da ihr Name so schwierig auszusprechen war, nannte sie sich fortan Mary, nach ihrer Mutter. Das passt insofern, als sie ein richtiges Weihnachtskind ist mit Geburtstag am 25. Dezember. Erst als sie ihren ersten Modelvertrag unterzeichnete, beschloss sie, wieder ihren eigentlichen Namen anzunehmen, und setzte damit gleichsam ein Statement für ihre Einzigartigkeit. Zuvor aber versprach sie der Mutter, die Schule zu beenden, und dachte für sich, dass sie ihr einst ein Auto kaufen möchte. Als sie mit zwölf für ihre Tante, die ebenfalls in Adelaide lebt und eine kleine Boutique betreibt, an einer lokalen Modeschau teilnehmen durfte, wusste Adut, dass sie genau das machen möchte: modeln. Dass sie gleich davon würde leben können, wagte sie kaum zu träumen. Ihre Geschichte lehrte sie Demut. «Auch wenn ich das reichste Model auf Erden werden sollte, bleibe ich immer ein Flüchtling», sagte sie gegenüber CNN.

Weiterziehen, weiterziehen, weiterziehen

Es ein Teil ihres Schicksals zu sein. Mit gerade mal siebzehn Jahren zog sie von Australien nach New York, in eine kleine Zweizimmerwohnung in Williamsburg, zusammen mit einer australischen Modelfreundin. Der Anfang sei brutal gewesen, sie litt unter Heimweh. Sie sei ein Mami-Mädchen, sagt sie von sich selbst, Familie bedeute ihr extrem viel. Es tut ihr weh, dass sie zu ihrer jüngsten Schwester, der zweijährigen Akoul, kein so enges Verhältnis habe, da sie meistens weg ist. Für die anderen drei jüngeren Geschwister war sie selber eher Mami als Schwester. Während die Mutter als Aufseherin in einer Wäscherei schuftete, sorgte sie dafür, dass die Kleinen gefüttert, bespasst und bei Bedarf getröstet wurden. Dass sie ihre heutigen Verdienste mit der Familie teilt, ist für Adut die reinste Selbstverständlichkeit. So kann sie zumindest finanziell auch für die kleine Akoul da sein.

Selbstständigkeit musste Adut von klein auf an den Tag legen. Ihre Mutter sei dabei ihr ganz grosses Vorbild und die unabhängigste Person, die sie kenne. Der Vater habe nie eine Rolle gespielt, es war die Mama, die mit den Kindern flüchtete, für sie kämpfte, hart arbeitete und ihnen beibrachte, dankbar zu sein für das, was man hat, und genügsam zu sein. Diese Werte können Adut nur dabei helfen, sich in der rasanten Welt der Mode nicht zu verlieren. Wobei sie auch ein paar bekannte «Aufpasser» an ihrer Seite weiss. Naomi Campbell beispielsweise, die sie beim Pirelli-Shoot kennenlernte, habe die Rolle einer Ersatzmutter für sie übernommen und frage regelmässig nach, ob sie auch genug esse und genügend schlafe. Und die Schauspielerin Lupita Nyong’o legte ihr nahe, sich unbedingt zu melden, wenn sie sich in New York nicht zurechtfinden würde. Dies erzählt sie im Interview mit dem Guardian fassungslos, als könnte sie selber noch gar nicht recht an ihr Glück glauben.

Studium vom Schminkstuhl aus

Adut Akech bringt die bezaubernde Mischung einer unschuldig wirkenden und gleichzeitig anmutigen Frau mit. Darüber hinaus verblüfft sie mit ihrer Abgeklärtheit. Während andere Teenager es cool finden, wenn man mit möglichst vielen Freunden prahlen kann, gibt sie reflektiert Auskunft darüber, dass sie lieber nur eine Handvoll Freunde habe, dafür richtig gute. Sie komme aber mit allen Leuten gut aus. Zu ihren engen Freundinnen zählt sie die Models Kaia Gerber und Fran Summers. Besonnen zeigt sie sich auch in der Planung ihrer Zukunft. Eigentlich könnte sie ja voll aufs Modeln setzen, bei ihrem Erfolg. Doch es ist ihr wichtig, dass sie später etwas aufbauen kann, was Hand und Fuss hat. Deshalb studiert sie trotz ihrem mittlerweile stressigen Alltag als gefragtes Model Wirtschaft – online, vom Schminkstuhl aus oder zwischen Anproben. Es schwebt ihr vor, dereinst eine Modelagentur im Südsudan zu gründen. Denn dort gebe es ganz viele hübsche Mädchen, die einfach von niemandem entdeckt würden. Und die Modeszene sei ausserdem dabei, sich zu verändern, hin zu mehr Diversität.

Sie sei stolz, eines der Mädchen zu sein, die an diesem Prozess beteiligt seien. «Eine Parfumwerbung mit einer nichtweissen Frau ist immer noch zu selten», sagt Adut gegenüber der Vogue. Selber war sie auch schon mit offenem Rassismus konfrontiert: Nach einer Kampagne für das australische Kaufhaus David Jones beklagte sich eine Kundin via Facebook, dass sie sich überhaupt nicht mit diesem dunklen Model identifizieren könne, sie könne dieses Make-up nicht tragen und sie kenne gar niemanden in ihrem Umfeld, der so aussehe. Und wie reagierte das Kaufhaus darauf? Es entschuldigte sich bei der Kundin und schrieb, dass ihr Anliegen der Marketingabteilung weitergeleitet würde. Der Post wurde danach gelöscht, aber Adut hatte ihn gelesen. Noch mehr als der Kommentar der Frau verletzte sie die Reaktion ihres Auftraggebers. Sie entschied, sich dazu nicht zu äussern, aber umso entschlossener dazu beizutragen, dass sich die Modeszene ändert.

«Ich repräsentiere schwarze Mädchen und Flüchtlinge»

Sie trägt einen weiteren Wunsch im Herzen. Sie möchte eine Stiftung gründen für Flüchtlinge und Obdachlose. Schon jetzt engagiert sie sich mit den Vereinten Nationen für Geflohene. Ihre eigene Vergangenheit möchte sie weder vergessen noch verleumden. «Ich schäme mich nicht dafür, dass ich ein Flüchtling war», sagt sie am Podiumsgespräch Voices. «Ich repräsentiere schwarze Mädchen und Flüchtlinge. Ich stehe für Menschen, die nichts hatten und etwas aus sich gemacht haben.»

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Happy Kid: Adut an der Met Gala 2018.

Getty Images for Vogue
Von Nina Huber am 03.12.2019
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