Wenn Fäden Geschichten erzählen. Basel und das Baselbiet waren einst das Zentrum einer glanzvollen Kunst: der Seidenbandweberei. Seit dem 17. Jahrhundert wurden hier feinste Bänder und Posamenterien gefertigt – zarte Zierborten, Samtbänder und Quasten, die Kleider, Möbel und Uniformen veredelten. Im 18. Jahrhundert klapperten in der Region Tausende von Webstühlen. Um 1800 arbeiteten hier über 3000 Bandweberinnen und Bandweber, oft in Heimarbeit in der eigenen Stube, an bis zu fünf Meter langen Webstühlen, deren rhythmisches Klappern durchs ganze Dorf zu hören war.

Leuchtende Seidenbänder als glanzvolle Zeugnisse vergangener Handwerkskunst im Museum.
ZVGBasel galt als die «Stadt der Seide», ihre Produkte wurden international gehandelt. Mit der Industrialisierung verlagerte sich das Bandgeschäft in die Fabriken. Es florierte bis zum Ersten Weltkrieg, dem grossen Bruch. «Und plötzlich interessierten luxuriöse Seidenbänder nicht mehr», erzählt Dr. Simone Ochsner, Projektleiterin «Seidenband jetzt!» beim Kanton Basel-Landschaft. «Mit der schlichten Mode der 1920er-Jahre waren die Zeiten der üppig mit prachtvollem Seidenband dekorierten Kleider und Hüte vorbei, das Band verschwand aus der Mode, ein Grossteil der Bandfirmen musste schliessen.» Namen wie Jakob Schlaepfer tragen das Schweizer Textilerbe weiter. Ihre Stickereien und Posamenterien finden sich in Haute- Couture- Kollektionen von Chanel, Dior oder Armani wieder.

Ein Webstuhl in alter Tradition bespannt.
ZVG«Was ist die Geschichte der Seidenbandweberei ohne das ohrenbetäubende Rattern der Webstühle?», fragt Dr. Simone Ochsner. «Ein Glück, dass sich in elf Baselbieter Museen Freiwillige mit viel Herzblut für diese lebendige Tradition einsetzen und die Geschichte sinnlich erfahrbar machen.» Heute droht dieses Wissen nämlich zu verschwinden. Um es zu bewahren, lancierte das Amt für Kultur des Kantons Basel-Landschaft gemeinsam mit dem Museum.BL das Projekt «Seidenband jetzt!» (bis 2027).

Seidenfäden im Spiel von Licht, Bewegung und Präzision, am historischen Seidenbandwebstuhl.
ZVGEs dokumentiert das Know-how der letzten Zeitzeuginnen und Fachpersonen, erforscht neue Sammlungszugänge, darunter die Nachlässe der Firmen Senn & Co AG und Vischer & Co AG und macht diese öffentlich zugänglich. Im Zentrum des Projekts steht das Museum.BL als Kompetenzzentrum für die Geschichte der regionalen Seidenbandindustrie. In Zusammenarbeit mit Ortsmuseen, dem Verbund der Museen Baselland und der Koordinationsgruppe Webstuhlrattern entsteht ein Netzwerk, das die Tradition der Bandweberei neu erlebbar macht. Die Seidenbandweberei ist mehr als ein Relikt, sie ist Teil einer lebendigen Schweizer Tradition. Ein feines Fadennetz zwischen Geschichte, Handwerk und Zukunft.

Die Ausstellung Seidenband. Kapital, Kunst & Krise zeigt die Rolle des Seidenbands als Luxusartikel.
Georgios Kefalas