Auf einen Espresso Über die anschwellende Autofeindlichkeit

FRANK A. MEYER UND MARC WALDER - FRAGEN UND MEINUNGEN ZU DEN THEMEN DER WOCHE.
Auf einen Espresso
© Thomas Buchwalder

Frank A. Meyer, 70, arbeitet als Journalist im Hause Ringier. Er lebt in Berlin. Marc Walder, 49, ist CEO der Ringier AG.

Sagen Sie mal, Frank A. Meyer, in der Schweiz wird wieder über Tempo 30 in den Städten diskutiert. Was halten Sie davon?
Ich bekenne: Da bin ich befangen.

Warum befangen?
Weil ich ein Autonarr bin! In meiner Generation war das noch ein ganz wichtiges Thema: Als Kind zählte ich am Fenster die wenigen vorbeifahrenden Autos. Ich lernte, jede Marke am Motorengeräusch zu erkennen.

Was waren das damals für Marken?
Ich erinnere mich an den Studebaker, den schönsten Amerikaner, aber auch an den Topolino, den originellen italienischen Zweisitzer, und an den Austin Healey, ein englisches Geschoss mit Faltdach. Es war die Zeit der Sehnsucht nach einem eigenen Wagen, mit dessen Auswahl man sich dann natürlich auch selbst positionierte – die Vorsilbe «auto» steht ja nicht umsonst für «selbst». Ich räume allerdings ein, dass ich hier von einem Knaben- und Männertraum rede.

Also dann, von Mann zu Mann: Tempo 30 in den Städten – ja oder nein?
Tempo 30 heisst praktisch zu Fuss gehen. Für solche Total-Lähmung der städtischen Mobilität plädierte in Berlin schon einmal eine Bürgermeisterkandidatin der Grünen. Die Dame wurde dann – gottlob – nicht Bürgermeisterin. Sonst hätte keine Oma aus Charlottenburg mehr ihren Enkel am Prenzlauer Berg besuchen können. Es sei denn mit einer Tagesreise.

Die Tempo-30-Befürworter argumentieren in erster Linie damit, dass der Lärmpegel in den Städten zu hoch sei.
Ich zweifle überhaupt nicht an diesem Argument. Wenn kein Auto fährt, gibt es auch keine Unfälle mehr. Und wenn die Autos nur noch schleichen, sinkt der Lärmpegel. Andererseits dauert es dann auch länger, bis sich ein Auto an einem Haus vorbeigequält hat. Im Grunde geht es doch um etwas ganz anderes.

Nämlich?
Es geht um die anschwellende Autofeindlichkeit.

Ist das nicht etwas simpel argumentiert?
Durchaus nicht. Die Ent-Individualisierung des Lokalverkehrs gehört zu den Dogmen der Grünen, leider auch eines Teils der Linken. Der Gedanke, dass Autos des Teufels sind, trägt ja geradezu religiöse Züge. Ein guter Mensch fährt nicht Auto – oder nur selten und dann mit schlechtem Gewissen. Radfahrer mit Kindersitz sind die besseren Menschen.

Sie sind ja heute Morgen sehr polemisch!
Bei diesem Thema bin ich es besonders gern. Es ist ja interessant, gegen wen sich das grün-linke Autobashing richtet: gegen die ganz einfachen Bürger, die mit einer kleinen Wohnung vorliebnehmen müssen, weil ihnen für eine grösser das Geld fehlt. Für die ihr Auto deshalb die Freiheit bedeutet, den engen Verhältnissen zu entfliehen: ins Grüne, in die Natur, in den Wald, in die Berge, an die Seen. Das Auto dient nicht mehr so sehr der Selbstinszenierung wie in meiner Jugend, sondern ist für Millionen von Menschen ein Freiheitsinstrument.

Sie waren schon immer ein Auto-Liebhaber, ein Auto-Ästhet …
… ja, Auto-Ästhet: Das trifft es!

Früher fuhren Sie Jaguar und Ferrari und Aston Martin.
In der Zeit, in der über die Geschwindigkeitsbeschränkung auf Schweizer Autobahnen heftig gestritten wurde, fuhr ich einen Ferrari GTB 4 in Dunkelblau metallic. Auf die Heckscheibe hatte ich – voller Überzeugung – die Parole geklebt: «JA zu 120 auf der Autobahn!»

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