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Der ganz normale Wahnsinn

Darf eine Mutter ein Lieblingskind haben?

Schauspielerin Jaime Pressly löste vergangene Woche einen Shitstorm aus: die dreifache Mutter schrieb auf Instagram, dass sie ein Lieblingskind hat. Darf man das? Unsere Familienbloggerin ist sich nicht ganz sicher.

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Schauspielerin Jaime Pressly steht zu ihrem «Lieblingssohn».

Instagram/Jaime Pressly

«Wir haben eine spezielle Verbindung, an die nie jemand herankommen wird», sagt Jaime Pressly, 42, über ihren ältesten Sohn. Das allein wäre kein Aufreger, würde die Emmy-Gewinnerin in ihrem Instagram-Post den Zwölfjährigen nicht als ihren Lieblingssohn bezeichnen. Denn der «My Name Is Earl»-Star hat noch zwei weitere Söhne, einjährige Zwillinge.

Ein eingeschworenes Team

«Das geht gar nicht! Wie kannst du nur?», finden viele ihrer Follower. Andere meinen, es sei normal, ein Lieblingskind zu haben. Ich muss gestehen, dass ich ein bisschen hin und hergerissen bin. Presslys Erstgeborener stammt aus einer früheren Beziehung, die Eltern trennten sich, als er noch ein Baby war. Die beiden sind also ein eingeschworenes Team, das seit Jahren zusammen durch Dick und Dünn geht.

«Nach der Geburt meines zweiten Kindes fühlte ich mich meiner Älteren eine Zeitlang einiges näher als dem Kleineren.»

Ich muss gestehen, dass ich das bis zu einem gewissen Grad nachvollziehen kann. Nach der Geburt meines zweiten Kindes fühlte ich mich meiner Älteren eine Zeitlang einiges näher als dem Kleineren. Zum einen aus dem ganz einfachen Grund, dass ich sie schon zwei Jahre länger kannte. (Und Jaime Pressly kennt ihren Ältesten über zehn Jahre länger als die jüngeren beiden.) Uns verbanden bereits gemeinsame Erlebnisse, was mit dem Baby nicht der Fall war. Dazu kommt, dass man mit ihr schon kommunizieren und einfach generell mehr «anfangen» konnte.

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Sandra C. mit ihrer älteren Tochter und dem jüngeren Sohn.

Lucia Hunziker

Gleich intensiv, aber vom Gefühl her unterschiedlich

Heute glaube ich, dass es grundsätzlich nicht möglich ist, jedes Kind gleich zu lieben. Das bedeutet zum einen, dass ich meine Kinder nicht zu jeder Zeit in jeder Situation gleich gern habe. Und dass meine Liebe zwar für beide absolut bedingungslos und gleich intensiv ist, aber vom Gefühl her unterschiedlich.

Meine Tochter macht es mir leicht, mich ihr nahe zu fühlen. Sie ist extrem offen und kommunikativ, erzählt mir viel aus ihrem Leben und vertraut mir auch mal ihre Sorgen an. Ich liebe sie für ihre Art, für ihr vielfältiges Interesse an der Welt, dafür, dass man mit ihr Städtereisen machen und Museen besuchen und politische oder philosophische Diskussionen führen kann. Ich liebe sie für ihre Grosszügigkeit, ihren scharfen Verstand, ihren unglaublichen Humor, ihre Loyalität – und dafür, dass sie mir immer wieder verzeiht, wenn ich ins Fettnäpfchen trete.

Mein emotionales Spiegelbild

Denn emotional ist sie ein ganz anderer Mensch als ich. Sehr souverän, sehr cool, sehr ausgeglichen. Aber eben nicht immer. Deshalb verletze ich sie manchmal mit Dingen, die mich total überraschen und die ich überhaupt nicht so meine, wie sie bei ihr ankommen. Einfach weil ich sie oft nicht so richtig einschätzen kann. Und wenn sie schlechte Laune hat, ist es manchmal schwer für mich zu sagen, ob ich sie nun besser in Ruhe lasse oder sie möchte, dass ich mit ihr rede. 

«Ich weiss genau, was in ihm vorgeht, wenn gewisse Dinge passieren. Dann verfluche ich die Welt, die ihm das antut, weil ich ganz, ganz genau weiss, wie es sich anfühlt.»

Mein Sohn hingegen ist mein emotionales Spiegelbild. Ich weiss genau, wie gewisse Dinge bei ihm ankommen, was ihn verletzt, was ihn freut, wie er reagiert. Ich weiss genau, was in ihm vorgeht, wenn gewisse Dinge passieren. Dann verfluche ich die Welt (oder den Freund oder den Lehrer), die ihm das antut, weil ich ganz, ganz genau weiss, wie es sich anfühlt. Und ich möchte ihn vor allem Bösen dieser Welt beschützen. Wenn er wütend ist, weiss ich warum, auch wenn es keinen objektiven Grund gibt. Und wenn er sich freut, gibt es nichts Schöneres als sein Strahlen übers ganze Gesicht.

Er machts mir verdammt schwer

Auf der anderen Seite macht er mir dieses Beziehung-zum-Kind-Ding verdammt schwer im Alltag. Reden? Fehlanzeige. Wenn ich etwas für wichtig halte, halte ich öfter mal einen Monolog und er verdreht die Augen. Die meisten Dinge erfahre ich von anderen – zum Beispiel durch ein Mail von der Schule. Dann muss ich ihm jeden Satz zur Nase rausziehen. Dinge, die seine Schwester und ich mögen – Museen, Konzerte, Städtetrips – findet er total unspannend. Ich kann auf der anderen Seite nicht nachvollziehen, wie man sich stundenlang Tutorials zur Lösung von Zauberwürfeln reinziehen kann.

 

«Zum Glück sind die beiden so verschieden. Dann kann ich nämlich jedes ganz individuell gern haben, ohne sie zu vergleichen.»

Welches wäre denn nun also mein Lieblingskind? Das, welches mir ähnlicher ist, aber im Alltag weniger mit mir gemeinsam hat? Oder das, welches mehr mit mir gemeinsam hat – nur schon, weil es das gleiche Geschlecht hat -, das aber ganz anders tickt als ich?

Zum Glück sind die beiden so verschieden. Dann kann ich nämlich jedes ganz individuell gern haben, ohne sie zu vergleichen. Und das Wort «Lieblingskind» existiert gar nicht in meinem Wortschatz.

Mehr von Familien-Bloggerin Sandra C. lest ihr hier.

 

 

Von Sandra C. am 26.10.2019
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