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Der ganz normale Wahnsinn

Echt wahr: Teenie-Hirne ignorieren meine Stimme!

So unterschiedlich Teenager auch sind, eines ist bei ziemlich allen gleich: Ihre Eltern haben das Gefühl, sie könnten genauso gut mit einer Wand reden, wenn sie versuchen, mit ihnen zu kommunizieren. Das ist bei unserer Familienbloggerin nicht anders. Jetzt zeigt eine neue Studie: Die machen das gar nicht extra.

Sandra Casalini, bei sich zu Hause in Thalwil, mit ihren Kindern Gian und Joya, am 04.12.2018, Foto Lucian Hunziker

Diskussionen sind im Teeniealter oft recht einseitig. Reden geht, zuhören weniger. Das liegt daran, dass die Stimme der Eltern in dem Alter schlicht nicht als relevant wahrgenommen wird.

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«Wir gehen zu Grosi und Grosspapi. In einer halben Stunde müssen wir los.» – «Jaja.» – «Noch zwanzig Minuten. Hast du die Zeit im Griff?» – «Jaja.» – «In zehn Minuten müssen wir los. Du müsstest dich langsam anziehen.» – «Jaja.» – «Bist du parat? Wir gehen.» – «Wohin?» So hört sich dieser Tage eine recht normale Konversation mit meinem Sohn an. Er hat halt immer irgendwie den Kopf in der Luft und ist mit seinen Gedanken ständig irgendwo, einfach nicht da, wo er sein sollte. Das stimmt sicherlich zu einem guten Teil. Trotzdem habe ich ihm auch ein bisschen unrecht getan, denn es steckt tatsächlich auch ein Stück Wissenschaft hinter der Tatsache, dass Jugendliche ihre Eltern ständig zu ignorieren scheinen. Und das liegt nicht mal an uns Eltern selbst, sondern an unserer Stimme.

«Wenn wir unseren Teenies was wirklich Wichtiges zu sagen haben, bitten wir am besten jemand anderen, das für uns zu übernehmen.»

Forscher der kalifornischen Stanford-Universität haben nämlich herausgefunden, dass sich die Reaktion von Kindern auf gewisse Stimmen – in erster Linie die ihrer Eltern – ändern, wenn sie in die Pubertät kommen. Während sich bei jüngeren Kindern zeigt, dass sich in den Belohnungs- und Emotionsverarbeitungszentren im Hirn vermehrte Aktivität zeigt, wenn sie die Stimme ihrer Eltern (vor allem der Mutter) hören, zeigen Teenager eine erhöhte Aktivität für nicht-familiäre Menschen. Das bedeutet, dass andere Stimmen als die der eigenen Eltern von Jugendlichen mehr Aufmerksamkeit erhalten. Und ergo auch, dass Dinge, die von jemand anderem als ihren Eltern gesagt werden, für sie relevanter erscheinen – selbst wenn der Inhalt genau gleich ist. Das macht übrigens durchaus Sinn. Schliesslich ist für kleinere Kinder die Bindung an die Eltern essenziell, während ältere Kids in der Lage sein müssen, auch soziale Bindungen ausserhalb ihres Elternhauses aufzubauen.

Die Konsequenz für uns Teenie-Eltern: Erstens: Die Pubertiere finden uns nicht einfach nur doof und nicht beachtenswert (das zwar wohl auch, aber eben nicht nur), sondern ihr Hirn versieht unsere Stimme mit dem Prädikat «in dieser Phase des Lebens grad nicht so wichtig». Und zweitens: Wenn wir ihnen was wirklich Wichtiges zu sagen haben, bitten wir am besten jemand anderen, das für uns zu übernehmen. Dann sind die Chancen, dass es ankommt, um einiges höher. Das ist doch irgendwie gut zu wissen.

Von Sandra C. am 4. Juni 2022 - 18:00 Uhr
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