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Der ganz normale Wahnsinn

Kinder lernen nicht, wie man lernt

Mit dem Übertritt in die Oberstufe hat auch für den Jüngsten unserer Familienbloggerin ein neues Kapitel begonnen. Der Rückblick auf seine sechs Jahre Primarschule zeigt - wie schon zuvor bei seiner Schwester - dass er eines nicht richtig gelernt hat. Nämlich das Lernen an und für sich.

Sandra Casalini Blog der ganz normale Wahnsinn

Ob Vokabeln oder Geografie - Kinder lernen heute online. Richtiges Lernen lernen sie aber in der Primarschule kaum. 

Lucia Hunziker

Als meine Tochter vor zwei Jahren in die Oberstufe kam, traf ich sie einige Wochen nach Schulbeginn total aufgelöst in ihrem Zimmer an. Ich fragte sie, was los sei. «All diese Lehrer, und jeder hat nur ein Fach, und jeder findet seines das Wichtigste. Und jeder gibt so viele Hausaufgaben», schniefte sie. Sie war total überfordert. Weil sie nie gelernt hatte, wie man eigentlich lernt.

Gleich viele Hausaufgaben für alle - ein nobler Gedanke

Die Wochenpläne, wie sie die Primarschule heute anwendet, mag für einige Schülerinnen und Schüler ja passen, bei den allermeisten ist das in dem Alter aber Wunschdenken. Das Konzept: die Kinder bekommen keine vorgeschriebenen Hausaufgaben auf einen bestimmten Tag, sondern sollen pro Schuljahr täglich zehn Minuten Hausaufgaben machen – Erstklässler also zehn Minuten, Zweitklässlier zwanzig, und so weiter. Sechstklässler eine Stunde. Was sie machen, entscheiden sie selbst. Am Ende der Woche müssen die Wochenpläne im jeweiligen Fach erledigt sein.

«Mein Sohn, genauso intelligent wie faul, hat seine Wochenpläne meist spätestens am Dienstag irgendwo verloren, hatte keinen Plan, wann was ansteht, und hat genausowenige Hausaufgaben gemacht wie seine Schwester.»

Ein nobler Gedanke: Jedes Kind muss gleich lange Hausaufgaben machen, egal wie gut es in der Schule ist. Wenn es fertig mit dem Plan ist, macht es Zusatzaufgaben. Klar – jedes Kind ist scharf auf Zusatzaufgaben, je älter desto mehr! Fazit nach sechs Jahren Primarschule: Meine Tochter, sehr wissbegierig und dem Lernen eigentlich nicht abgeneigt (aber warum sollte man, wenn man nicht muss), immer unter den Klassenbesten, hat in sechs Jahren niemals mehr gemacht, als das absolute Minimum und ganz bestimmt nie eine Stunde Hausaufgaben täglich.

Mein Sohn, genauso intelligent wie faul, hat seine Wochenpläne meist spätestens am Dienstag irgendwo verloren, hatte keinen Plan, wann was ansteht, und hat genausowenige Hausaufgaben gemacht wie seine Schwester. Eines haben beide in diesen sechs Jahren ganz bestimmt nicht gelernt: zu lernen.

Die Oberstufe kennt keine Gnade

Und dann sitzt du als Kind, das nie zu lernen gelernt hat, plötzlich in dieser Oberstufe, und es heisst ganz klassisch: Mathe, Aufgaben 1 bis 34 auf morgen, Englisch, Kapitel 1 bis 124 auf übermorgen, Französisch Voci ebenfalls. Und in einer Woche Geografietest, alle Länder, Hauptstädte, Flüsse und Berge Europas. Dem Geografielehrer ist genauso Wurst wie der Französischlehrerin, ob man noch andere Hausaufgaben oder Tests hat in dieser Woche. Willkommen in der realen Welt, Kinder.

«So langsam dämmert ihm wohl immerhin, dass er lernen muss, zu lernen. Genau wie seine Schwester. Die hat das damals ganz gut hingekriegt. Und lernt jetzt, in der Probezeit des Gymnasiums, noch etwas anderes: taktieren.»

Da kann man schon mal überfordert sein. Zum Beispiel wenn man noch massenhaft Zeit hat, um für diesen Geografietest zu lernen, und plötzlich ist der Abend zuvor da, und man hat keinen blassen Schimmer. Nein, es gab leider keinen Wochenplan in dem Fach, und wenn man ihn in der Schule halbwegs erledigt hatte, hatte man schon mal die Chance auf eine einigermassen erträgliche Note. Pech gehabt.

So sass er also gestern Abend da, mein Sohn, und schnaubte wütende Sätze wie: «Woher soll ich wissen, was die Hauptstadt von Litauen ist?» - «Indem du das zum Beispiel vorgestern mal angeschaut hättest statt mit deinen Kumpels abzuhängen?» Ihr könnt euch vorstellen, ich hab mich wenig beliebt gemacht mit dieser Aussage.

Taktieren vs. Lernen

Nun denn, so langsam dämmert ihm wohl immerhin, dass er lernen muss, zu lernen. Genau wie seine Schwester. Die hat das damals ganz gut hingekriegt. Und lernt jetzt, in der Probezeit des Gymnasiums, noch etwas anderes: taktieren. Wenn der Mathetest genügend war, reicht es für den Schnitt, wenn ich Englisch überfliege. Wenn nicht, muss ich Mathe mit der Englischnote aufholen, dann muss die richtig gut sein, ergo muss ich richtig lernen.

Das findet auch mein Sohn gut. Da habe er ja noch die Chance, die verpatzte Geografieprüfung aufzuholen. «Und in welchem Fach gedenkst du das zu tun?», frage ich. «Sport», meint er wie aus der Pistole geschossen. «Und mit Informatik hole ich Franz auf und mit Mathe Englisch, dann muss ich auch kein Voci mehr lernen.» Ich fürchte, seine Taktik geht nicht ganz auf. Aber ich bin guter Hoffnung, dass er es doch mal mit etwas Lernen versucht, wenn er das merkt.

Von Sandra C. am 14. September 2019