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Der ganz normale Wahnsinn

Lockdown-Monolog einer Teenager-Mutter

Seit dem 11. Mai gehen die Kinder unserer Familienbloggerin wieder zur Schule. Sie freut sich darüber mehr als der Nachwuchs selbst. Nachfolgend eine Zusammenfassung ihrer Zeit im Fernunterricht, niedergeschrieben als Monolog.

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Ein Computer und möglichst wenig Licht: Normalzustand im Teenager-Zimmer während des Lockdowns.

Getty Images

«Haalllooo …. aufstehen. So ein Seich, du wirst ganz bestimmt nicht blind, wenn ich die Rollläden hochlasse. Bist du ein Vampir oder was? Gut, so bleich wie du bist, könnte mans fast meinen. Ein paar Schritte ausserhalb des Hauses würden dir echt mal guttun. Ja, ich weiss, deine Freunde dürfen nicht raus, und mit deiner Mutter kannst du dich nicht in der Öffentlichkeit sehen lassen. Du weisst schon, dass sich das widerspricht, gell. Wenn all deine Freunde eh nicht draussen sind, sieht uns auch niemand.

Plötzlich ein Franzöisch-Genie?

So, jetzt aber mal hopp. Du musst in zwanzig Minuten online sein. Ob du dich anziehen sollst? Musst du selbst wissen – aber ich würd mindestens ein Shirt überwerfen. Was soll das heissen, du hast kein sauberes? Wie schaffst du es, innerhalb einer Woche eine ganze Schublade T-Shirts zu verdrecken, wenn du nie aus dem Haus gehst? Ach was, ich wills gar nicht wissen.

«Ja, ich weiss, dass es keine Noten gibt im Sommer und dich deshalb alles nur sehr oberflächlich interessiert. Was solls. Gott sei Dank haben wir dich für den Franz-Förderkurs eingeschrieben nach den Sommerferien.»

Und wie siehts aus? Was, du bist fertig? Das kann doch nicht sein. Entweder du bist plötzlich ein Französisch-Genie oder du hast die Aufgaben einfach von jemandem kopiert. Du weisst schon, dass das nichts nützt, gell. Ja, ich weiss, dass es keine Noten gibt im Sommer und dich deshalb alles nur sehr oberflächlich interessiert. Was solls. Gott sei Dank haben wir dich für den Franz-Förderkurs eingeschrieben nach den Sommerferien, das beruhigt mich ein bisschen. Auch wenn ich nicht weiss, ob der noch was retten kann.

Ich bin doch nicht der Zimmerservice!

Nein, es gibt noch kein Zmittag, es ist erst zehn Uhr. Ja, du kannst ein Znüni haben. Bitte? Ich bin doch nicht der Zimmerservice. Du weisst, wo die Küche ist. He – ein Glacé ist doch kein Znüni! Es hat jede Menge Früchte. Zu spät. Na ja, dann halt. Wirst du eben noch bleicher, ohne Vitamine. Nein, du stirbst nicht, wenn du zu viel Glacé isst. Du hast zwei Erdbeeren gegessen? Na ja, das ist ein Anfang.

«Es wäre langsam Zeit fürs Bett. Es ist mir egal, ob du müde bist oder nicht. Morgen ist Schule. Doch es IST Schule, auch wenns zu Hause stattfindet.»

Deine Lehrerin hat geschrieben, du warst gestern nicht erreichbar. Blödsinn, all deine technischen Geräte funktionieren einwandfrei, wenns ums Gamen geht – warum sollte es in Sachen Kommunikation mit der Schule anders sein? Wenn ich nochmal so eine Mail bekomme, wird die PlayStation konfisziert. Haben wir uns verstanden? Gut.

Mein Glacé, dein Glacé?

So, es wäre langsam Zeit fürs Bett. Es ist mir egal, ob du müde bist oder nicht. Morgen ist Schule. Doch es IST Schule, auch wenns zu Hause stattfindet. Nein, du brauchst ganz bestimmt nicht nochmal ein Glacé jetzt. Ausserdem hats keine mehr. ICH? Ich hatte kein einziges. Ich hab sie nur bezahlt! Okay, du kannst noch Erdbeeren haben. Und dann ab ins Bett.

«Warum ist diese Flasche Wein schon wieder leer? Ja nu, dann halt das Glacé, das ich ganz hinten im Eisfach versteckt habe.»

Und ich lass mir endlich ein Bad ein. Und ein schönes Glas … ach Mensch, warum ist diese Flasche Wein schon wieder leer? Ja nu, dann halt das Glacé, das ich ganz hinten im Eisfach versteckt habe. Hallo? Warum bist du nicht im Bett? Was? Glacé? Ach das hier … hab ich zufällig noch gefunden. Mach kein Drama. Du kriegst ab dem 11. Mai mehr Taschengeld und kannst dir jeden Tag auf dem Heimweg ein Glacé kaufen. Gutenacht!»

Mehr von Familien-Bloggerin Sandra C. lest ihr hier.

 

 

Von Sandra C. am 16.05.2020
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