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Der ganz normale Wahnsinn

Schmerzfrei gebären dank Kaiserschnitt?

In der Schweiz kommt bereits jedes dritte Kind per Kaiserschnitt zur Welt. Echt medizinisch notwendig sind nur gut 30 Prozent davon. Unsere Familienbloggerin hat einmal ganz natürlich und einmal per Kaiserschnitt geboren und sagt: schmerzfrei gebären ist so oder so Wunschdenken.

Sandra Casalini, bei sich zu Hause in Thalwil, mit ihren Kindern Gian und Joya, am 04.12.2018, Foto Lucian Hunziker
Einmal per Kaiserschnitt, einmal natürlich geboren. Trotzdem hat Familienbloggerin Sandra C. zu ihrem Sohn kein anderes Verhältnis als zur Tochter. ALL RIGHTS RESERVED

Mit «ganz natürlich» meine ich keine Haus- oder Hypno-Geburt oder irgendwas Esoterisches. Ich habe auch die Plazenta, von der sich meine Tochter im Bauch ernährte, weder gegessen (solls geben!) noch im Garten vergraben – im Gegenteil, ich habe die Hebamme, die mich fragte, ob ich das blutige Geschlabber mit nach Hause nehmen wolle, ziemlich entgeistert gefragt, was ich damit soll. Aber jedem das seine. Beziehungsweise jeder das ihre. Und ich habe auch nicht mit dem Wasser aus der Wanne, in der sie das H2O der Welt erblickte, meine Blumen gegossen (solls auch geben!).

Mit jeder verdammten Wehe

Aber: Ich habe sie aus mir rausgepresst, mit jeder verdammten Wehe, ganz ohne Schmerzmittel. Nicht, weil mir das ein Anliegen war. Im Gegenteil. Ich hasse körperliche Schmerzen. Und meine Anweisungen an den Kindsvater – für den Fall, dass ich selbst nicht mehr in der Lage sein würde, mich zu artikulieren - waren klar: PDA, Schmerzmittel, bewusstlos schlagen, irgendwas – lieber früher als später. Nun hätten wir für diesen Fall tatsächlich einfach früher im Spital erscheinen müssen. «Schmerzmittel? Gegen Ihre Schmerzen hilft nur noch Pressen!», meinte die Hebamme trocken, als ich beim Untersuch danach schrie.

Knapp drei Stunden später war sie da. Sie war ein «Sterngucker» (also mit dem Gesicht nach vorne statt, wie üblich, nach hinten) und hatte die Nabelschnur über der Schulter. Ich gehe davon aus, dass sie sich während der Geburt so gedreht hat. Denn hätte man so etwas vorher im Ultraschall gesehen, hätte man mir wohl zu einem Kaiserschnitt geraten.

«Warum also raten Ärzte so oft zu Kaiserschnitten, auch wenn rein theoretisch eine natürliche Geburt möglich wäre?»

Das wäre ein «relativer Indikator» für eine Entbindung per Kaiserschnitt gewesen. Will heissen, medizinisch nicht unbedingt notwendig, aber eine natürliche Geburt birgt ein höheres Risiko. Gut 70 Prozent der Kaiserschnitte passieren aufgrund solcher Indikatoren. Der Anteil an Frauen, die tatsächlich «too posh to push» (zu fein zum Pressen) sind, wie es so schön heisst, und sich eine Geburt per Skalpell ohne Grund und ärztlichen Rat wünschen, ist in der Schweiz klein. Einen «absoluten Indikator», also eine echte medizinische Notwendigkeit, liegt allerdings bei einem Grossteil auch nicht vor.

Warum also raten Ärzte so oft zu Kaiserschnitten, auch wenn rein theoretisch eine natürliche Geburt möglich wäre? Ob es tatsächlich daran liegt, dass sie und die Spitäler an einem Kaiserschnitt in kürzerer Zeit mehr verdienen als bei einer natürlichen Geburt, kann ich nicht beurteilen.

Gehe ich dieses Risiko ein?

«Ich möchte die Verantwortung bei einer natürlichen Geburt nicht übernehmen», sagte meine Ärztin ganz ehrlich, als mein Sohn sich wenige Wochen vor Geburtstermin immer noch in Steisslage befand. Ich selbst hätte bis dahin eigentlich keinen Grund gesehen, warum er halt nicht mit dem Arsch voran in die Welt kommen sollte. Zumal mein Beckenboden von einer Geburt knapp zwei Jahre zuvor eh schon ausgeleiert war. Aber eben – ich hätte mir einen neuen Arzt und eine Hebamme suchen müssen, die bereit gewesen wären, das erhöhte Risiko mit mir einzugehen. Und ich musste mir selbst die Frage stellen: Gehe ich dieses Risiko ein? Was, wenn etwas passiert? Das verzeihe ich mir nie!

Mein Sohn nahm mir den Entscheid ab, indem er kurze Zeit später noch versuchte, sich in die richtige Geburtsposition zu drehen, aber in Querlage steckenblieb, weil er bereits zu gross war. So wurde aus dem «relativen» ein «absoluter Indikator», also eine echte medizinische Notwendigkeit.

Nicht weniger schmerzhaft

Klar hatte diese geplante Geburt Vorteile. Wir konnten die Betreuung unserer Tochter organisieren und der Beginn des Mutterschaftsurlaubs war genau planbar. Und ich gestehe: Insgeheim hoffte ich wirklich, dass sie weniger schmerzhaft sein würde als eine natürliche Geburt. War sie nicht. Das heisst, die Geburt an und für sich schon. Aber die Zeit danach empfand ich als grauenhaft. Während ich zwei Stunden nach der Geburt meiner Tochter mit ihr im Arm durchs Spital spazierte, konnte ich mich nach der Geburt meines Sohnes tagelang kaum bewegen. Dass ich mein Baby in der ersten Zeit nicht selbst hochheben, geschweige denn wickeln konnte, trieb mir regelmässig die Tränen in die Augen. Gegen die Schmerzen halfen noch Monate später teilweise nicht mal Schmerzmittel. Und abgesehen davon ist diese Narbe potthässlich.

Entgegen aller Vorurteile ist es aber nicht so, dass ich ein «echtes» Geburtserlebnis vermisst hätte, dass meine Bindung zu meinem Sohn anders ist als die zu meiner Tochter oder dass er anfälliger ist für Krankheiten. Trotzdem: Hätte ich heute die Wahl, würde ich mich für eine natürliche Geburt entscheiden. Für mich über alles gesehen einfach das schönere Erlebnis. Und die Plazenta würde ich erneut dankend ablehnen.

Mehr von Familien-Bloggerin Sandra C. lest hier hier.

 

Von Sandra C. am 4. Mai 2019