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Der ganz normale Wahnsinn

Ständig (un)selbstständig?

Darin, dass man von Teenagern eine gewisse Selbstständigkeit erwarten darf, sind sich unsere Familienbloggerin und ihre Kinder einig. Wenn es aber darum geht, in welchen Bereichen man Eigenverantwortung an den Tag legen sollte, gehen die Meinungen zuweilen auseinander.

Sandra Casalini, bei sich zu Hause in Thalwil, mit ihren Kindern Gian und Joya, am 04.12.2018, Foto Lucian Hunziker

Erwachsen oder doch noch nicht? Wenns um ihre Selbstständigkeit geht, sind die Teenager unserer Familienbloggerin eher opportunistisch. 

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«Muss ich das hier unterschreiben?», frage ich Kind 2, als ich per Zufall eine Zusammenstellung seiner aktuellen Noten auf seinem Pult entdecke. Es zuckt gleichgültig die Schultern. «Woher soll ich das wissen? Du bist doch für die Schule zuständig.»

Können sie nicht - oder wollen sie nicht können?

Bei solchen Aussagen weiss ich jeweils nicht, ob ich sie zum Lachen oder zum Weinen finde. Zum Lachen über die Ernsthaftigkeit, mit der sie ausgesprochen werden. Und zum Weinen wegen eben dieser Ernsthaftigkeit. Der Bub wird dieses Jahr fünfzehn - in dem Alter müsste man doch so halbwegs mitbekommen, was man für die Schule zu erledigen hat, oder?

Das Thema begleitet wohl alle Eltern über Jahre: Wie selbstständig müssen die Kids in ihrem jeweiligen Alter sein? Nun ist diese Bandbreite ja gross, und das ist vollkommen okay so - mancher Kindergärlter braucht halt länger, bis er den Schulweg allein gehen kann und gewisse Schülerinnen haben noch in der Mittelstufe Mühe damit, die Hausaufgaben selbstständig zu erledigen. Alles gut. Aber je älter sie werden, desto grösser wird die Diskrepanz zwischen dem, was sie tatsächlich nicht allein können und dem, was sie nicht allein können wollen.

Kind 2 hat manchmal sogar so schlimme Orientierungsschwierigkeiten, dass es nicht mal die Küche findet. Dann wimmert es in mitleiderregendem Tonfall aus seinem Zimmer, man möge ihm bitte Joghurt und Schokolade bringen.»

So hat mein Kind 1 zum Beispiel zuweilen plötzlich Orientierungsschwierigkeiten. Diese führen es auf dem Heimweg von der Schule regelmässig ins Shoppingcenter, wo es eigentlich gar nicht hinwollte, weil es ja noch lernen muss. Oder aber es hat plötzlich keine Chance mehr, den Nachhauseweg vom Bahnhof zu finden und ruft völlig verzweifelt an, es müsse unbedingt abgeholt werden, es ginge nicht anders! Dass dies der Tatsache widerspricht, dass es den Weg zu eben jenem Shoppingcenter oder zu jeder ihren gefühlten hundert Freundinnen jederzeit im Schlaf zurücklegen kann, findet sie überhaupt nicht.

Fussball ist wichtiger als Schule

Kind 2 hat manchmal sogar so schlimme Orientierungsschwierigkeiten, dass es nicht mal die Küche findet. Dann wimmert es in mitleiderregendem Tonfall aus seinem Zimmer, man möge ihm bitte Joghurt und Schokolade bringen. Gut, es könnte auch sein, dass es sich hierbei um Wahrnehmungsstörungen handelt, welche ihn sein Zuhause regelmässig mit einem Hotel verwechseln lassen.

«So kann man zum Beispiel stundenlang die ganze Clique abtelefonieren, das Götti oder das Grosi anrufen, um sich fürs Weihnachtsgeschenk zu bedanken, geht aber nicht.»

Wie dem auch sei - die Dinge, die einem als Teenager scheinbar zu viel Selbstständigkeit abverlangen, erstaunen mich immer wieder. So kann man zum Beispiel stundenlang die ganze Clique abtelefonieren, das Götti oder das Grosi anrufen, um sich fürs Weihnachtsgeschenk zu bedanken, geht aber nicht. Jedenfalls nicht ohne dass man siebenmal ermahnt wird. man kann den gesamten Spielplan seiner bevorzugten Fussballmannschaft im Kopf haben, aber keine Ahnung, wann man welche Prüfung hat. Oder man kann penibel jedes Fleckchen vom Mofa putzen, aber tagelang die selbe dreckige Trainerhose tragen. Gut, sollte sich das Homeoffice dereinst durchsetzen, wird letzteres ja künftig völlig egal sein. Ich kann also voller Stolz sagen: meine Kinder sind nicht unselbstständig - sie sind ihrer Zeit voraus!

Mehr von Familien-Bloggerin Sandra C. lest ihr hier.

 

 

Von Sandra C. am 30.01.2021
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