1. Home
  2. Blogs
  3. Der ganz normale Wahnsinn
  4. Die Mutterrolle als Jobinserat

Der ganz normale Wahnsinn

«Traumjob» zu vergeben: Mutter!

Als unsere Familienbloggerin vergangenes Jahr an dieser Stelle darüber schrieb, warum sie den Muttertag nicht mag - weil sie findet, ihre Kinder sind ihr nicht zu Dank verpflichtet - meinte die beste aller Mütter - ihre eigene - es gehe beim Muttertag nicht um Dankbarkeit, sondern um Wertschätzung. Und diese - beziehungsweise das Fehlen derselben - macht den Job noch unattraktiver, als er eh schon ist.

Sandra Casalini Blog der ganz normale Wahnsinn

Ernähren, erziehen, Geld verdienen: Wäre die Mutterrolle als Jobinserat ausgeschrieben, wäre 24 Stunden pro Tag, sieben Tage die Woche Einsatzbereitschaft verlangt. 

Lucia Hunziker

Man stelle sich mal vor, er wäre ausgeschrieben. Das würde ungefähr so klingen:

«Gesucht: Familienmangerin, weiblich. Wir verlangen: Lebenslange Verpflichtung und ständige Einsatzbereitschaft. Pflichtenverteilung, freie Tage und Ferien in Absprache mit ihrem - meist männlichen - Co-Familienmanager. Aufgaben und Verantwortung können theoretisch fifty-fifty geteilt werden, realistischer ist aber eine mindestens 60-Prozent-Übernahme der Pflichten und eine mindestens 80-Prozent-Übernahme der Verantwortung.

Tägliches Kotzen oder seltsame Gelüste

Ihre Aufgaben: In Phase eins sind Sie zu 100 Prozent für die Kundschaft verantwortlich. Sie teilen in dieser Zeit Ihren Körper mit ihr. Es ist Ihnen nicht erlaubt, Alkohol zu trinken, zu rauchen und Sie sind angehalten, sich gesund zu ernähren. Falls die Kundschaft dies wünscht, kotzen Sie täglich oder verspüren seltsame Gelüste. Diese Phase wird nach neun Monaten abgeschlossen, indem Sie die Kundschaft unter Schmerzen, die sie sich kaum vorstellen können, aus sich herauspressen.

«Ihr Co-Familienmanager wird Ihnen behilflich sein, allerdings nur drei Wochen lang. Danach ist es ihm nicht mehr gestattet, von seiner Erwerbsarbeit fern zu bleiben.»

Zu Beginn von Phase zwei ernähren Sie die Kundschaft mit Ihrem Körper. Auch dies ist anfangs meist mit Schmerzen verbunden. Sie füttern sie alle paar Stunden, auch nachts. Schlafen werden Sie dann, wenn die Kundschaft es Ihnen erlaubt. Zudem säubern sie diese mehrmals täglich von ihren Exkrementen. Ihr Co-Familienmanager wird Ihnen behilflich sein, allerdings nur drei Wochen lang. Danach ist es ihm nicht mehr gestattet, von seiner Erwerbsarbeit fern zu bleiben.

Faul und rückständig oder Rabenmutter

Sie selbst sind ebenfalls angehalten, nach einem «Urlaub» von 14 Wochen wieder erwerbstätig zu sein. Nehmen Sie diese Gelegenheit nicht wahr, werden Sie als faul und rückständig angesehen. Allerdings würden wir es begrüssen, wenn Ihre auswärtige Tätigkeit nicht mehr als 50, maximal 60 Prozent, beträtigt, sie gelten sonst als Rabenmutter. Für Ihren Co-Manager gelten diese Richtlinien selbstverständlich nicht, er ist in seiner Funktion unfehlbar.

«Bei all dem werden Sie ständig kritisiert und an den Pranger gestellt, weil Sie in Ihrer Funktion eh nichts richtig machen können.»

Die folgenden Phasen werden sich alle etwas unterscheiden, eines bleibt hingegen gleich: Sie sind dazu angehalten, Ihr eigenes Wohlbefinden hinter das Ihrer Kundschaft zu stellen. (Auch dies gilt für Ihren Co-Manager nicht im gleichen Mass wie für Sie). Sie erziehen, lehren, setzen Grenzen, ernähren, verdienen Geld, beschützen, setzen sich mit Schulproblemen, Mobbing, Lehrstellensuche auseinander. Und bei all dem werden Sie ständig kritisiert und an den Pranger gestellt, weil Sie in Ihrer Funktion eh nichts richtig machen können.

Wir bieten: Einmal pro Jahr Blumen und eine Zeichnung für die Kühlschranktür.» Sorry, Mama. Aber ich mag ihn immer noch nicht. 

Mehr vom «ganz normalen Wahnsinn» gibts hier. 

Von Sandra C. am 8. Mai 2021 - 08:09 Uhr
Related articles
© 2021 Schweizer Illustrierte
© 2021 Schweizer Illustrierte
Logo von Ringier Axel Springer