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Der ganz normale Wahnsinn

Was bin ich eigentlich für eine Mutter?

Unsere Familienbloggerin feiert dieser Tage ein Jubiläum. Sie ist nämlich seit genau fünfzehn Jahren Mutter. Zeit für eine Standortbestimmung.

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Happy Birthday! Die Tochter unserer Familienbloggerin wurde diese Woche fünfzehn. Ihr Bruder feiert nächste Woche seinen 13. Geburtstag. 

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Manchmal erschrecke ich immer noch, wenn eines meiner Kinder mich «Mami» ruft. Manchmal scheint mir das immer noch total surreal. Manchmal bin ich im Kopf immer noch Anfang zwanzig. Als alles konnte, aber nichts musste. Als die Zeit unendlich schien – ein Jahr? Fünf? Fünfzehn? Das ist ja ewig! Als ich mir die Kinder, die ich einmal haben würde – oder auch nicht – vorstellte. Drei. Mädchen, wenns geht. Hübsch und cool und anständig und so. Wie ich als Mutter wäre? Das kam in meiner Fantasie nicht vor.

Stillen, Windeln, Babybrei

Und dann ging irgendwie alles ziemlich schnell. Ein Baby. Genau zwei Jahre und sechs Tage später das zweite. Stillen, Windeln, Babybrei. Das erste Lächeln, der erste Zahn, die ersten Schritte. Der erste Notfall im Kinderspital. Der erste Kindergartentag. Der erste Schultag. Hausaufgaben, Lehrer, Noten. Freunde, Feinde, Geburtstagspartys – die eigenen, und die, zu denen man nicht eingeladen wurde. Freuden, Sorgen, Tränen. Ganz viel Liebe.

«Ich war erstmal verdammt stolz auf mich. Und müde. Brutal müde.»

Und irgendwie habe ich kaum je innegehalten. Zurückgeschaut, ohne mich zu hinterfragen – denn das habe ich oft. Vielleicht zu oft. Vielleicht nicht oft genug. Ich weiss es nicht. «Was bist du für eine Mutter?» Ich stelle die Frage oft in Interviews (einem Vater übrigens auch (also den frag ich natürlich, was er für ein Vater sei...)). Weil ich es spannend finde, wie die Leute sich selbst sehen. Lustigerweise habe ich mir selbst die Frage nie gestellt. Was bin ich eigentlich für eine Mutter? Was war ich für eine Mutter, in diesen fünfzehn Jahren?

Milchstau, Fieber, Reflux

Als ich das Häufchen Mensch, das meine Tochter bei ihrer Geburt war, erstmals im Arm hielt, war ich überwältigt. Von ihr. So bleich, dass sie schon fast blau war, knallrote Haare, die in alle Richtungen standen. Das Gesichtchen verdrückt wie ein Boxer. Das schönste Kind der Welt. Von mir. Ich hatte gelitten, geschrien und wurde am Schluss aufgeschnitten wie ein gegrilltes Poulet. Ohne einen Tropfen Schmerzmittel. Ich war erstmal verdammt stolz auf mich. Und müde. Brutal müde.

Dann kamen Milchstau, Fieber, Reflux (meine Tochter konnte die Muttermilch nicht richtig behalten, kotzte einen Grossteil wieder aus und nahm in den ersten Monaten ziemlich viel ab). Ich fragte mich nicht, was ich für eine Mutter bin, beziehungsweise sein wollte. Ich wollte einfach, dass mein Baby normal trank und zunahm.

«Der plötzliche Tod meines Vaters, der Verlust meines ungeborenen dritten Kindes. Mein Sohn, der sich über den Spielplatz prügelte. Was ich für eine Mutter sein wollte? Eine, die irgendwie überlebt.»

Dann kamen das Gekotze in der zweiten Schwangerschaft, der Kasierschnitt, die Narbe, die heute noch manchmal schmerzt. Der plötzliche Tod meines Vaters, der Verlust meines ungeborenen dritten Kindes. Mein Sohn, der sich über den Spielplatz prügelte. Was ich für eine Mutter sein wollte? Eine, die irgendwie überlebt.

Ich habe immer gearbeitet – und zwar mindestens 80 Prozent. Der Vater meiner Kinder auch – und zwar höchstens 80 Prozent. Mich machte das zur Rabenmutter. Ihn zum Übervater. Was für eine Mutter ich sein wollte? Eine, die sich nicht ständig rechtfertigen muss.

Inkonsequent, unperfekt, faul

Und jetzt, fünfzehn Jahre später, bin ich endlich an einem Punkt angelangt, an dem ich die Musse habe, zurückzuschauen. Und mich zu fragen: Was war ich eigentlich für eine Mutter? Was bin ich für eine Mutter? Die Antwort: Ich bin inkonsequent. Unperfekt. Schwach. Faul. Unüberlegt.

Ich erlaube mir, ab und zu meine Meinung zu ändern. Weil man – und dazu zählen auch und vor allem meine Kinder – mich mit guten Argumenten überzeugen kann, und ich nicht auf Teufel komm raus etwas durchstieren muss, um nicht das Gesicht zu verlieren. Ich mache Fehler – nicht täglich, aber doch so oft, dass ich sie nicht zählen kann. Manchmal habe ich die Gnade, sie einzugestehen und mich dafür zu entschuldigen. Manchmal nicht. Nicht mal meinen Kindern gegenüber. Dann finde ich mich selbst den unsympathischsten Menschen der Welt.

«Ich mache. Manchmal – okay öfter als manchmal – bevor ich richtig denke. Ich habe meinen Kindern damit schon den Tag versaut.»

Meine Kinder wissen genau, was sie sagen oder wie sie schauen müssen, um mich um den Finger zu wickeln. Ja, es wäre noch genug Zeit, um mit dem Velo zur Schule zu fahren. Aber ein geschnieftes «Ich kriege einen Eintrag, wenn ich zu spät komme …», und schon hat man mich. Ein Kleinkind vor dem Fernseher parkieren, ein grösseres einfach mal länger gamen lassen, damit man in Ruhe kochen, telefonieren oder einfach mal einen Espresso trinken kann? Geht gar nicht. Geht doch. Weil Mama grad einfach keinen Bock hat.

Ich mache. Manchmal – okay öfter als manchmal – bevor ich richtig denke. Ich habe meinen Kindern damit schon den Tag versaut. Zum Beispiel kürzlich, als ich mit meinem Sohn auf dem Weg zum Biken war, und das Öl im Auto am falschen Ort eingefüllt habe (jaaaaaaa, ich weiss!!!!). Ich hab ihnen damit aber auch schon den Tag gerettet. Zum Beispiel wenn wir morgens einfach spontan losgefahren sind und es echt cool wurde.

Liebenswert, feinfühlig, zuverlässig

Ich bin jetzt seit fünfzehn Jahren Mutter. Ich habe viel falsch gemacht. Meine Kinder sind die nervigsten Menschen, die ich kenne. Und die liebenswertesten, feinfühligsten, zuverlässigsten und tollsten Menschen überhaupt. Was ich für eine Mutter bin? Eine, die nicht stolzer sein könnte auf ihre Kinder, und sie bedingungslos liebt. Seit fünfzehn Jahren.

Mehr von Familien-Bloggerin Sandra C. lest ihr hier.

 

Von Sandra C. am 31.08.2019
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