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Der ganz normale Wahnsinn

Wenn das Baby pubertiert

Der Sohn unserer Familienbloggerin macht gerade eine harte Zeit durch. Er wird langsam erwachsen. Für seine Mutter ist das allerdings fast noch härter als für ihn selbst.

Sandra Casalini Blog der ganz normale Wahnsinn

Die Sache mit den Frühstücksflocken ist nur eine von vielen, die Sandra C. ihrem Sohn momentan nicht rechtmachen kann.

Lucia Hunziker

«Er ist fast dreizehn, aber er ist immer noch ein Baby.» Diesen Satz sage ich gern über meinen Sohn. Sehr gern. Weil ich ihn so unbedingt glauben möchte. Weil er doch mein Jüngster ist und als solcher per Definition immer mein Baby bleiben wird.

Zwischen Türenschlagen und Stofftier

Er war ein Bilderbuch-Baby, mit Speckröllchen und Pausbacken. Ein wunderhübsches Kleinkind mit Sommersprossen und roten Locken. Ein fröhlicher, wenn auch nicht immer ganz einfacher Bub. Er war immer mein Kleiner. Auch dann noch, als sein Körper und seine Füsse nicht aufhören wollten zu wachsen.

Auch als sich vor etwa einem Jahr die ersten Pubertäts-Anzeichen bemerkbar machten. Klar, er schlug mal eine Tür zu, hasste seine Haare und Sommersprossen und fand mich den peinlichsten Menschen auf Erden. Aber er schlief immer noch mit seinem Stofftier im Arm und hockte sich auf meinen Schoss, wenn niemand schaute.

«Ich habe auch das Gefühl, er spricht mit einer tieferen Stimme, obwohl er noch keinen Stimmbruch hatte.»

Seit kurzem erkenne ich ihn aber fast nicht wieder, meinen Kleinen. Nicht nur, dass er plötzlich breite Schultern und einen imposanten Brustkorb bekommen hat. Ich habe auch das Gefühl, er spricht mit einer tieferen Stimme, obwohl er noch keinen Stimmbruch hatte. Ob er das extra macht? Ich weiss es nicht.

Die Sache mit den kurzen Hosen

Was ich hingegen in der Zwischenzeit sehr gut weiss: Ich kann ihm nichts mehr rechtmachen. Gar nichts. Selbst bei Dingen, in denen er bis anhin total easy war. Klamotten zum Beispiel. Die mussten einfach halbwegs passen und bequem sein (mit Ausnahme von Schuhen, da geht schon seit längerem nur eine bestimmte Marke.) Nun versuche ich seit Wochen, kurze Hosen zu finden, die dem Herrn genehm sind. Keine Jeans («tragen nur Mädchen»), nichts zu Schickes, nichts mit Gurt, nichts mit Muster. Eigentlich gehen nur Sporthosen. Die darf er nicht in der Schule anziehen. «Mir doch egal!»

«Mir doch egal»

Das ist im Moment sein Lieblingssatz. (Ist das überhaupt ein Satz?) Willst du die Badehose gleich anziehen oder einpacken? «Mir doch egal.» Mach vorwärts, du kommst du spät. «Mir doch egal.» Ich komme auch zu spät, wenn du nicht vorwärts machst. «Mir doch egal.» Wenn das Handy kaputt geht, zahlst du die Reparatur selbst. «Mir doch egal.» Natürlich kann ers nicht selbst zahlen. Zwei Wochen kein Sackgeld. «Mir doch egal.» Was willst du zum Zmittag? «Mir doch egal.»

Wobei im letzten Fall «mir doch egal» noch den unausgesprochenen Zusatz enthält «ich motze eh, egal was da vor mir auf dem Tisch steht!» Der falsche Käse auf der Pizza, die Sauce ist zu scharf und überhaupt, können wir nicht zu McDonalds, so wie jeder andere auch!

«Merkst du eigentlich, was du hier mit meinen Nerven machst, Kind?»

Und dann die Sache mit den Frühstücksflocken. «Ich mag nur die mit Zimt.» Also die mit Zimt für den nächsten Morgen. «Ou nei, Zimt, hats keine mit Schoggi?» Willst du mich verarschen? Ich kaufe trotzdem die mit Schoggi. Für mein Baby. «Aber das sind nicht die originalen, ich hab nur die originalen gern.» Merkst du eigentlich, was du hier mit meinen Nerven machst, Kind?

 

Keiner hasst dich!

«Du hasst mich! Alle hassen mich!» Ich liebe dich über alles, egal was. Und sonst muss niemand für dich einkaufen und dich satt kriegen, was gerade der einzige Grund ist, dich zu hassen. Ergo: keiner hasst dich. Aber ein bisschen traurig bin ich schon, ich gebs zu. Das Stofftier liegt seit kurzem unbeachtet auf dem Boden.

Mein Baby ist wohl definitiv kein Baby mehr, sondern ein Teenager. Gut, so gross ist der Unterschied ja zuweilen nicht. Und die Gefahr, sich in diese Phase zu verlieben, ist im Gegensatz zur Baby-Zeit ja auch eher klein. Jedenfalls hoffe ich nicht, dass ich in zwanzig Jahren mit Wehmut sage: «Er ist fast 33, aber er pubertiert immer noch.»

Von Sandra C. am 28. Juni 2019