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  4. SRF-«Club»-Moderatorin Barbara Lüthi im Interview über Cybergrooming und Gefahren für Kinder im Internet

SRF-«Club»-Moderatorin Barbara Lüthi

«Natürlich will ich als Mutter wissen, wie ich meine Kinder schützen kann»

SRF-Moderatorin Barbara Lüthi thematisiert im «Club» Gefahren, denen Kinder und Jugendliche in der digitalen Welt ausgesetzt sind. Im Gespräch mit der Schweizer Illustrierten erzählt sie, warum sie bei diesem Thema nicht nur als Journalistin, sondern auch als Mutter ihre Fragen stellt.

Barbara LüthiModeratorin und Redaktionsleiterin Club2019Copyright: SRF/Oscar Alessio

Barbara Lüthi, Redaktionsleiterin und Moderatorin der SRF-Sendung «Club».

SRF/Oscar Alessio

Der tschechische Dokumentarfilm «Gefangen im Netz» schlägt hohe Wellen. Im Film geben sich drei erwachsene Schauspielerinnen im Internet als Minderjährige aus. Während des zehntägigen, filmisch begleiteten Experiments kommt es zu 2458 Fällen von virtuellen Übergriffen durch erwachsene Täter – sogenanntem Cybergrooming. Dabei nutzen Erwachsene die Unwissenheit oder Unerfahrenheit von jungen Menschen in der digitalen Welt schamlos aus. Der Film zeigt auf: Jugendliche sind täglich einer massiven Bedrohung durch Cybergewalt ausgesetzt.

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Nun thematisiert auch SRF-Moderatorin und «Club»-Redaktionsleiterin Barbara Lüthi (48) den Film in der Sendung als Themenschwerpunkt «Gefahren im Netz». Als zweifache Mutter betrifft sie die Thematik auch privat. Im Interview mit der Schweizer Illustrierten erklärt die Journalistin, warum sie den Film als pädagogisch wertvoll einstuft, welche Fragen er bei ihr aufwirft und wie sie als Mutter den Herausforderungen entgegentritt, die das Internet an Erziehungsberechtigte stellt.

Barbara Lüthi, dass Jugendliche im Internet Gefahren ausgesetzt sind und auch Pädophile dort ihr Unwesen treiben, ist längst bekannt. Warum schlägt dieser Film so hohe Wellen?
Weil er aufrüttelt. Er macht sichtbar, was sonst im Verborgenen stattfindet, und zeigt dies auf schockierende Art auf. Dieses filmische Experiment gibt die Möglichkeit, Einblick in die Welt des Cybergroomings zu erhalten. Da gibt es die Schauspielerinnen, die in einem Chatroom behaupten, sie seien erst 12 Jahre alt und erwachsene Männer, die darauf antworten, das mache ihnen nichts aus. Das live mitzuerleben, ist verstörend.

Der Film steht in Kritik, weil er zwar das Problem aufzeigt, jedoch Hinweise fehlen, wie Eltern oder Pädagogen beim Verdacht auf Missbrauch im Netz vorgehen können.
Ich habe die Produzentin des Filmes interviewt. Der Film will in erster Linie aufrütteln, er ist aber als Paket gedacht. In Tschechien wird er in Schulvorführungen mit Präventionsanlässen verbunden. Beim SRF betten wir den Film in einen Themenschwerpunkt ein. Auf die Erstausstrahlung am Montagabend folgt am Dienstag der «Club», an dem verschiedene Expertinnen und Experten teilnehmen, aber auch Schulklassen mitdiskutieren, die den Film gesehen und besprochen haben. Ausserdem gibt es während dem «Club» und der Zweitausstrahlung nach dem «Club» den «Club-Chat». Da beantworten Fachpersonen die Fragen der Zuschauenden. Wir fanden, es braucht für einen Film, der so aufwühlt, eine Begleitung.

Empfehlen Sie den Film in erster Linie für Erwachsene, oder halten Sie ihn auch für pädagogisch wertvoll?
Es existieren zwei Versionen des Films, einmal die ungekürzte Fassung ab 16 Jahren, dann eine Version, aus der explizite Szenen herausgeschnitten wurden, für Kinder ab 12 Jahren. Für Schulvorstellungen ist Begleitmaterial erhältlich. Als Paket mit der nötigen Begleitung finde ich, funktioniert der Film gut.

«Sexuelle Übergriffe finden vor unseren Augen statt, im Zimmer unsere Kinder. Wir müssen versuchen, sie zu schützen.»

Barbara Lüthi, «Club»-Moderatorin und Mutter

Was hat der Film bei Ihnen ausgelöst?
Mir war bereits bewusst, dass Jugendliche täglich belästigt werden im Internet und in Chatforen. Wie permanent aber die Gefahr durch Cybergrooming ist und wie skrupellos sich die Täter überall im Netz an die Kinder heranmachen, haben mir erst die Recherchen für die «Club»-Sendung gezeigt. Jugendliche werden innert Minuten nach dem Erstellen eines Online-Profils mit sexuellen Absichten kontaktiert. Eine Schulklasse, die im Club sein wird, hat das im Selbstversuch getestet.

Lässt sich ein tschechischer Film denn 1:1 auf die Schweiz münzen?
Die Zahlen und Angaben im Film beziehen sich auf Tschechien. Die Funktionsweise von Cybergrooming ist jedoch überall gleich – und das ist es, was der Film aufzeigt. Cybergrooming ist ein Phänomen, bei dem online oft unter falscher Identität Jugendliche von erwachsenen Täterinnen und Tätern kontaktiert werden, um den sexuellen Missbrauch vorzubereiten. Diese Situation ist sehr wohl auf die Schweiz übertragbar. Die sogenannte James-Studie der ZHAW hält fest, dass fast die Hälfte der Jugendlichen hierzulande im Internet bereits mit unerwünschten sexuellen Absichten angesprochen wurden. Die Fälle von Cybergrooming haben gemäss dieser Studie stark zugenommen. Wurden im Jahr 2014 noch rund 19 Prozent der 12- bis 19-Jährigen von einer Person unerwünscht mit sexuellen Absichten angesprochen, waren es im Jahr 2020 bereits 44 Prozent der befragten Kinder und Jugendlichen. Sich dieses Ausmasses bewusst zu werden, ist enorm wichtig. Ähnlich wie beim Cybermobbing existiert beim Cybergrooming bis jetzt kein Gesetz. Einzelne Aktionen sind aber klar rechtswidrig. Erpressung und Nötigung sind strafbar und bei sexueller Belästigung kann Strafanzeige eingereicht werden. Dafür muss das Opfer sich aber jemandem anvertrauen.

Sie haben zwei Kinder im Alter von 9 und 13 Jahren – die also bereits oder sehr bald erste eigene Schritte in der digitalen Welt wagen. Wie bereiten Sie sie auf die Gefahren im Netz vor?
Reden, reden und nochmals reden in Kombination mit klaren Grenzen. Die digitalen Medien haben die Dynamik und das Phänomen sexueller Gewalt fundamental verändert. Über die Webcam findet der Täter den direkten Kontakt zum Kind. Sexuelle Übergriffe finden vor unseren Augen statt, im Zimmer unsere Kinder. Wir müssen alles versuchen, um sie zu schützen.

«Ich habe dieselben Fragen wie alle Eltern: Wie lässt sich der Missbrauch von Kindern und Jugendlichen im Internet verhindern?»

Barbara Lüthi

Gibt es auch Tabus?
Es gibt Regeln zur Nutzung der digitalen Medien, inhaltlich wie zeitlich. Irgendwann werden alle Kinder einen eigenen Account haben oder zumindest eine Möglichkeit, sich Zugang zu einem Account zu schaffen. Sie werden sich auf Instagram und Snapchat austauschen. Auch mit einem Verbot würden Sie immer einen Weg finden, Zugriff zu den digitalen Medien zu erlangen. Abschotten kann man sie nicht, und das sollte man auch nicht. Man muss ihnen erklären, welche Gefahren im Netz lauern und Hilfestellung geben, so dass sie lernen, sich in der digitalen Welt sicher und kompetent zu bewegen. Sie wissen, dass sie mit Allem, was im Netz erleben, zu mir kommen können.

Welche Regeln sind Ihnen als Mutter wichtig?
In den Sozialen Medien grundsätzlich private Profile einrichten. Bis zu einem gewissen Alter die gleiche Cloud teilen. Gemeinsam mit meinen Kindern besprechen, was sie posten und welche Follower sie zulassen, nämlich nur Personen, die sie kennen. Nie Fotos von sich schicken, auch wenn jemand sie explizit dazu auffordert. Ich rate meinen Kindern ausserdem, das Gesicht nie zu posten. Irgendwann kann man darauf dann allerdings keinen Einfluss mehr nehmen. Deswegen rede ich viel mit ihnen über meine Bedenken.

Werden Sie Ihre ExpertInnen-Runde im Club diesmal nicht nur als Journalistin sondern auch als Mutter befragen?
Journalisten sind immer auch Menschen mit Meinungen und Affinitäten. Und als Mutter bin ich natürlich sensibilisiert für Themen, die Kinder betreffen. Jedoch bin ich der journalistischen Sorgfalt verpflichtet. Natürlich will ich als Mutter wissen, wie ich meine Kinder schützen kann. Aber ich will auch als Journalistin aufklären über die Gefahren im Internet.

Sie werden Fachpersonen aus der Opferhilfe da haben, den psychologischen Bereich abdecken aber auch die Cyberkriminalität. Welche Fragen haben Sie an die geladenen Expertinnen und Experten?
Dieselben, wie alle Eltern: Wie lässt sich der Missbrauch von Kindern und Jugendlichen im Internet verhindern? Wie kann ich meine Kinder vor Übergriffen im Internet schützen? Wie erkenne ich, wenn mein Kind Unterstützung braucht und wie sieht diese Unterstützung konkret aus?

«Auch finde ich, dass die Diskussionen über den Internetkonsum, die ja in allen Familien stattfinden, sehr zeitintensiv und herausfordernd sind.»

Barbara Lüthi

Sie haben einen Sohn und eine Tochter. Machen Sie sich bei beiden Kindern dieselben Sorgen?
Ja, ich mache mir bei beiden Kindern dieselben Sorgen. Aber ich glaube, die Themenbereiche unterscheiden sich. Bei meiner Tochter sind Chatrooms, soziale Medien und Kontakte im Internet wichtig. Bei meinem Sohn, der vier Jahre jünger ist, beobachte ich, dass es eher das Gamen ist. Aber beide Bereiche bergen ihre Gefahren und stellen für Eltern eine Herausforderung dar. So haben wir bei den Recherchen zur Sendung herausgefunden, dass Täter auch Online-Games als Kontaktmöglichkeiten zu Kindern nutzen.

In dieser Thematik können heutige Eltern nicht auf die Erfahrung vorangehender Generationen zurückgreifen. Fehlen die Vorbilder?
Das stimmt. Wenn es um die digitalen Medien geht, die heutige Kinder schon früh begleiten, fehlen uns die Erfahrungswerte. Was jedoch gleich bleibt, egal mit welchen erzieherischen Herausforderungen wir es zu tun haben, ist, dass man als Eltern ein Vertrauensverhältnis zu den eigenen Kindern herstellen sollten, um mit Gefahren gemeinsam umzugehen.

Wünschten Sie sich manchmal, Ihre Kinder könnten ohne Handy aufwachsen?
Ich selber bin froh, dass ich noch in der Generation aufgewachsen bin, die keine Handy hatte. Wir haben früher einfach Bücher gelesen, das geht ein wenig verloren. Auch finde ich, dass die Diskussionen über den Internetkonsum, die ja in allen Familien stattfinden, sehr zeitintensiv und herausfordernd sind. Ich sehe jedoch auch die Vorteile der digitalen Medien. Gerade während der Corona-Pandemie war die Möglichkeit des digitalen Unterrichts – auch in Chatrooms – wichtig und der Austausch mit Familie und Freunden, die bei uns über die halbe Welt verstreut sind, wertvoll für die Kinder. Aber ohne Begleitung durch Eltern und Erziehungsberechtigte geht es nicht.

Sendetermine & Interaktion

«Gefangen im Netz»: Den Dokumentarfilm «Gefangen im Netz» wird am Montag, 9. Mai, um 22.55 Uhr auf SRF zwei sowie anschliessend an den «Club», am 10. Mai um 23.55 Uhr auf SRF 1 gezeigt. «Gefangen im Netz» ist sowohl in einer FSK16- als auch in einer FSK12-Fassung, welche sich explizit an ein jüngeres Publikum richtet, während 30 Tagen online verfügbar.

«Club»: Dienstag, 10. Mai, 22.25 Uhr, SRF 1. Die Diskussion zu «Gefahren im Netz» im «Club» kann nach der Ausstrahlung online unter srf.ch/club nachgeschaut werden.

Haben Sie Fragen? Im «Club»-Chat können am Dienstag 10. Mai bereits tagsüber Fragen an Expertinnen und Experten eingereicht werden.

Von Sylvie Kempa am 9. Mai 2022 - 15:31 Uhr
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