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  4. Perfekte Erziehung gibt es nicht: Warum wir unseren Eltern ihre Fehler vergeben sollten

Kommende Generationen profitieren davon

Was wir gewinnen, wenn wir unseren Eltern vergeben

Alle Eltern machen Fehler, ist die psychologische Beraterin Anna von Senger überzeugt. Manche hinterlassen diese Fehler grosse Narben. Im Interview spricht die Paar- und Familienberaterin darüber, welche emotionalen Grundbedürfnisse Kinder haben und wie Menschen, denen diese nicht erfüllt wurden, damit später umgehen können.

Eltern und erwachsene Kinder

«Oft haben sie selbst in ihrer Kindheit grosse Verletzungen erlebt»: 

Getty Images

Gibt es Eltern, die alles richtig machen?
Nein, ich denke nicht. Niemand ist perfekt. Kein Elternteil macht ausnahmslos alles richtig, wir tragen alle unsere Rucksäcke mit uns. Wenn jemand sagt, er hätte eine perfekte Kindheit gehabt, in der es an Nichts fehlte, werde ich etwas stutzig. In solchen Fällen kann es sein, dass schlechte Erfahrungen ausgeblendet werden. Das ist ein möglicher Überlebensmechanismus, denn als Kind ist man den Gegebenheiten machtlos ausgeliefert.

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Wenn alle Eltern Fehler machen, wo liegt die Grenze des Tragbaren?
Wenn die eigene Last der Eltern zu schwer ist, und sie nicht mehr in der Lage sind, die grundlegenden emotionalen Bedürfnisse ihrer Kinder zu stillen.

Die 7 emotionalen Grundbedürfnisse von Kindern
  1. Das Bedürfnis nach sicherer Bindung: Sie entsteht im ersten Lebensjahr durch die Verlässlichkeit der Eltern, also der engsten Bezugspersonen. Das Urvertrauen, das in dieser Phase gebildet wird, lässt sich später im Gegensatz zum Vertrauen nicht mehr aufholen.
  2. Das Bedürfnis, um seiner selbst geliebt zu werden: Das bedeutet, dass Kinder erfahren müssen, dass sie genügen und sich Liebe und Zuneigung nicht durch richtiges Verhalten oder Leistung verdienen müssen.
  3. Das Bedürfnis nach Autonomie: Kinder sollten innerhalb liebevoller und flexibler Grenzen der Eltern ihren Radius erweitern und das Leben erkunden dürfen.
  4. Das Bedürfnis, respektvoll behandelt zu werden: Kinder haben das Recht, keine Demütigung oder Entwertung erleben zu müssen. Eltern haben die Pflicht, die Würde ihrer Kinder zu wahren.
  5. Das Bedürfnis, sich als kompetent erleben zu dürfen: Das bedeutet, dass man Kindern ihrem Altern entsprechend zutrauen darf, eigene Erfahrungen zu sammeln und sich Kompetenzen zu erarbeiten.
  6. Das Bedürfnis nach Resonanz: Es gibt Eltern, die sehr, sehr schweigsam sind oder ihre Kinder ignorieren. Das ist schlimmer, als wenn man Kinder die ganze Zeit anschreit.
  7. Das Bedürfnis nach sicheren Grenzen und Orientierung: Kinder brauchen klare Leitplanken, innerhalb derer sie sich jedoch frei bewegen dürfen.

«Ein seelisch unterernährtes Kind wird am emotionalen Wachstum gehindert»

Anna von Senger

Wieso scheitern Eltern daran, die emotionalen Grundbedürfnisse ihrer Kinder zu erfüllen?
Oft haben sie selbst in ihrer Kindheit grosse Verletzungen erlebt. Wenn Eltern sich nicht mit ihrer Geschichte auseinandersetzen, besteht die Gefahr, dass sie diese Verletzungen aus Unwissenheit an ihre Kinder weitergeben.

Welche Auswirkungen hat dies auf die Kinder?
Es kann traumatisierend sein. Kindern, deren emotionale Bedürfnisse nicht befriedigt wurden, fehlt etwas, das genauso wichtig ist wie die Luft zum Atmen oder Nahrung. Ein seelisch unterernährtes Kind wird am emotionalen Wachstum gehindert und trägt dies mit ins Erwachsenenalter. Die Auswirkungen können extrem verschieden sein. Es gibt Menschen, die sich in die Arbeit flüchten und sich halb zu Tode schuften, weil sie nicht um ihrer selbst geliebt wurden und ständig zu beweisen versuchen, dass sie gut genug sind. Andere verlangen in einer Partnerschaft übermässige Zuneigung, weil sie keine sichere Bindung kennen.

Sollten nicht genau solche Menschen bewusster versuchen, diese Bedürfnisse bei ihren eigenen Kindern zu stillen?
Eine Gegenfrage: Wie soll man etwas weitergeben, das man gar nie kennengelernt hat?

Es ist ein Teufelskreis. Wie kann man ihn brechen?
Indem wir bei uns ganz genau hinschauen. Manche schaffen das auf eigene Faust, andere brauchen professionelle Hilfe. Wichtig ist, sich des Mechanismus’ bewusst zu werden. Hintergründe und deren Auswirkungen zu verstehen. Wenn man sich mit der eigenen Geschichte auseinandersetzt, kann man Vergebung oder Versöhnung anstreben

«Man kann den Teufelskreis brechen – auch einseitig»

Anna von Senger

Wo liegt der Unterschied?
Für eine Versöhnung braucht es zwei Parteien. Um bei der Familie zu bleiben, würden im Idealfall die Eltern ihre Fehler eingestehen, Reue zeigen und das Kind würde ihnen verzeihen. So kann im besten Fall ein Neuanfang entstehen. Für Vergebung brauche ich kein Gegenüber. Das ist manchmal die bessere Lösung, wenn eine Aussprache mit den Eltern nicht möglich ist – beispielsweise, weil man weitere Verletzungen befürchtet. Vergebung ist einseitige Sache: ein Akzeptieren dessen, was passiert ist, die eigene Geschichte zu integrieren und loszulassen, unabhängig vom Gegenüber.

Was braucht es, damit Kinder ihren Eltern vergeben können?
Zuerst muss ich begreifen, was passiert ist, woran es mir gefehlt hat und was das bei mir ausgelöst hat. Dann muss ich verstehen, wieso meine Eltern so sind, wie sie sind. Auch ihre Bedürfnisse wurden als Kinder eventuell nicht erfüllt. So kann Empathie entstehen, das ist die halbe Miete. Nun kann ich mir eingestehen, dass die Vergangenheit sich nicht ändern lässt, ich jedoch bestimmen kann, wie ich damit umgehe und in die eigene Autonomie komme. Das Ziel ist es, den Groll loszulassen und vielleicht sogar in Dankbarkeit umzuwandeln.

Schön für die Eltern. Aber was bringt dies dem betroffenen Kind?
Seelenfrieden und die Freiheit, das weitere Leben selber gestalten können und nicht in der Vergangenheit gefangen sein. Das ist erlösend. Und für betroffene Menschen ist wichtig zu wissen: Man kann den Teufelskreis brechen – auch einseitig.

Anna von Senger ist psychologische Einzel-, Paar- und Familienberaterin mit eigener Praxis in Zürich.

Von KMY am 26. April 2022 - 07:09 Uhr
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