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Eine Debatte unter Eltern

Darf man sein Kind auf den Mund küssen?

Unbestritten, das eigene Kind liebt man so sehr, dass man es den ganzen Tag knutschen, knuddeln und herzen könnte. Da passiert es auch sehr schnell, dass wir den Nachwuchs auf die Lippen küssen. Überschreiten wir damit eine Grenze oder ist es völlig okay, das zu tun? Die SI-Online-Redaktorinnen und Mütter Sandra Casalini und Maja Zivadinovic sind verschiedener Meinung.

Mutter küsst Sohn auf den Mund

Schmatz auf den Mund: Okay oder nicht?

Getty Images/Image Source
Sandra Casalini: Hier werden Dinge sexualisiert, die nicht sexualisiert gehören

Eins vorweg: Ich küsse meine Teenies nicht auf den Mund. Zumal dies zumindest bei meinem Jüngeren schon rein anatomisch schwierig wäre. Ich würd seine Höhe nicht mal mehr erreichen, wenn ich mich sehr fest auf die Zehenspitzen stelle.

Was mich an dieser Auf-den-Mund-küssen-Diskussion stört: Hier werden Dinge sexualisiert, die nicht sexualisiert gehören. Das Verhältnis von Eltern zu ihren Kindern hat niemals irgend eine sexuelle Komponente! Mütter stillen, Babys nuckeln an ihren Brustwarzen. Eltern wickeln ihre Kinder und reinigen ihre Geschlechtsteile. Eltern streicheln und küssen ihre Kinder, und umgekehrt. Ja, es geht hier darum, Bedürfnisse zu befriedigen. Aber nicht erotische - und sorry, eine Gesellschaft, die sowas assoziiert, ist ja schon irgendwie krank. Hier geht es ums Bedürfnis nach Nähe. Und wenn dieses durch einen Kuss auf den Mund ausgedrückt wird, ist das absolut in Ordnung.

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Was aber auch immer klar ist: Die Einforderung zur Befriedigung dieses Bedürfnisses nach Nähe geht immer vom Kind aus. Eltern können Körperkontakt anbieten, aber niemals einfordern. Je älter Kinder werden, desto weniger wollen sie ihn. Das gilt es zu respektieren. Und welches Kind hat später wohl ein normaleres Verhältnis zu seinem Körper und seiner Sexualität: Das, welches Körperkontakt im Rahmen seiner Bedürfnisse und Grenzen erlebt hat, oder das, welches von Anfang an Tabus mitbekommen hat, in einem Verhältnis, in dem das einzige Tabu sein sollte, irgend eine Art von Körperlichkeit mit Sexualität zu verbinden?

Mutter küsst Baby auf den Mund

Die einen finden es völlig in Ordnung, Kinder auf den Mund zu küssen, andere überhaupt nicht.

Getty Images/Cavan Images RF
Maja Zivadinovic: Kinder verdienen Privatsphäre

Neulich sitze ich mit meinem Sohn (20 Monate) auf dem Boden und spiele. Während wir da so rumalbern und uns gegenseitig kitzeln, überkommt es den Buben. Er drückt mir einen dicken und sehr feuchten Schmatzer auf den Mund. Logisch: Bei jedem Kuss dieses Menschleins wird mir so warm ums Herz, das ich vor lauter Liebe explodieren könnte. Hier aber zucke ich husch zusammen: Ich war mir stets sicher, dass ich meine Kinder nicht auf den Mund küssen will. 

Ich habe dieses Credo noch nie gebrochen: Der Mund meines Sohnes ist für mich tabu. Nicht weil ich das für sexuell halte. Ich finde einfach, dass der Mund zu den «Privat-Zonen» gehören. Auch schon im Kindsalter. Für mich ist es vergleichbar mit den Füdli-Bäggli: So herzig ich den Po meines Kindes finde und so sehr mich dieser zum reinbeissen animiert, so sehr halte ich mich zurück. Und sind wir ehrlich: Da ist noch ganz viel restlicher Körper da, den wir küssen können.

Und dann ist da doch noch was anderes: So sehr wir vor allem in den ersten Jahren viel mehr Mutter und Vater statt Paar sind, da ist immer noch eine Beziehung, die auch abseits des Kindes gepflegt und gelebt werden will. Und der Kuss auf den Mund, der gehört für mich in genau diese Konstellation. Ich halte mich nie zurück, den Vater meines Sohnes natürlich auch vor dem Kind auf den Mund zu küssen. Den Buben aber, da sind sich der Papa und ich einig, den knutschen wir nicht auf die Lippen. 

Aber wie überall im Leben ist uns klar, dass auch hier gilt: Keine Regel ohne Ausnahme. So bin ich weder ausgeflippt, als mich der Sohn neulich auf den Mund küsste, noch werde ich insistieren, wenn er es ein nächstes Mal tun sollte. Vielleicht werde ich mich sogar ganz heimlich ein ganz klein wenig über das feuchte Muntschi auf meinen Mund freuen. 

Von Casalini Sandra und Maja Zivadinovic am 20. Februar 2022 - 08:09 Uhr
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