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Zu Besuch bei Nationalratspräsidentin Irène Kälin

Der Luusbueb und die höchste Schweizerin

Kind und Politik? Als neue Nationalratspräsidentin setzt Irène Kälin auf mehr Vereinbarkeit. Beim Besuch in Bern erzählt die Aargauerin, warum ihr Amt und ihr Sohn Elija seit Tag eins eng ­miteinander verbunden sind.

Irène Kälin, Nationalratspräsidentin 2021-2022 mit Sohn Elija

Zu Besuch an Mamas Arbeitsplatz: Elija, 3, mit Irène Kälin, 34, auf dem «Bock» im Nationalratssaal.

Kurt Reichenbach

Im Bundeshaus findet wie fast jeden Tag eine Führung statt. Als die kleine Gruppe aus der Westschweiz in den Nationalratssaal tritt, hält die Leiterin kurz inne, sagt dann ganz erfreut: «Meine Damen und Herren, hier sehen Sie die neue Nationalratspräsidentin, Irène Kälin.» Sie fügt hinzu: «Und das ist ihr Sohn. Er ist dafür verantwortlich, dass es jetzt ein Stillzimmer im Bundeshaus gibt. Stimmts?»

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Die Mühlen malen langsam

Irène Kälin, 34, die gerade ihren Elija, 3, fürs Fotoshooting mit der Schweizer Illustrierten in den Armen hält, lächelt und sagt: «Ja, aber er war dann schon zu alt dafür, als das Zimmer endlich eingeweiht wurde.» Dass die Mühlen unter der Bundeshauskuppel langsamer mahlen, als es Irène Kälin gern hätte, merkte die Politikerin aus Oberflachs AG bereits einige Male.

Irène Kälin, Nationalratspräsidentin 2021-2022 mit Sohn Elija

Unterwegs mit Elija zum Bundeshaus «Er ist ein wunderbarer Luusbueb.»

Kurt Reichenbach

Die Aargauerin ist neu die höchste Schweizerin. Sie ist zwar nicht die jüngste Nationalratspräsidentin (Pascale Bruderer war ein Jahr jünger) – dafür aber die amtsjüngste. Erst seit Ende 2017 sitzt die Grüne im Parlament. «Dass mir meine Kolleginnen und Kollegen diese Ehre bereits nach vier Jahren erweisen, freut mich ganz besonders», sagt sie. «Denn unser Volk ist bunt und besteht nicht nur aus 60-jährigen Männern, sondern eben auch aus jungen Frauen – und aus Eltern. Diese Vielfalt soll in diesem Amt sichtbar sein.»

Eine ganz normale Kindheit

Irène Kälin wuchs als Einzelkind in Lenzburg AG auf. Ihre Eltern führten zusammen ein Atelier für Architektur und Bauhandwerk. «Mein Vater kochte und putzte oft mehr als meine Mutter, die beruflich sehr engagiert war», sagt Kälin. «Für mich war das ganz normal.» Am Familientisch war Politik nicht das Hauptthema. «Aber wir waren schon immer die Linken in der Verwandtschaft.» Der Vater protestierte gegen die AKWs, und die Mutter nahm Irène als vierjähriges Mädchen mit an den Frauenstreik. «Ich erinnere mich aber nur noch an den Hotdog, den ich in Zürich ass», sagt sie lachend. 

Irène Kälin, Nationalratspräsidentin 2021-2022 in ihrer Berner Wohnung

In ihrer Berner Wohnung bereitet sich Irène Kälin auf die Session im Nationalrat vor.

Kurt Reichenbach

Der politische Aufstieg der studierten Islam- und Religionswissenschaftlerin verlief schnell: Ab 2010 gehörte sie dem Grossen Rat des Kantons Aargau an. 2015 kandidierte sie erfolglos für die grosse und die kleine Kammer. 2017 rutschte sie ins Parlament nach. Der Grüne Jonas Fricker war zurückgetreten, nachdem er Schweinetransporte mit der Deportation von Juden verglichen hatte. 2019 war Kälins Wiederwahl Formsache.

Klassisch rot-grün

«Irène ist klar, tüchtig und kollegial», sagt ihr Vorgänger auf dem Chefsessel, der Emmentaler Bauer und SVP-Nationalrat Andreas Aebi, 63. Im Bundeshaus ist sie beliebt und gilt als humorvoll und immer gut vorbereitet. Ihre Themen – Asyl- und Sozialpolitik, Massentierhaltung, Klimaschutz und Krippenplätze – zeugen von einer klassisch rot-grünen Agenda. 2018 wollte sie das Erstklass-GA für die Parlamentarierinnen und Parlamentarier abschaffen. «Damit habe ich mir nicht nur Freunde gemacht», sagt sie.

Das Stillzimmer

Kälin sorgte landesweit für Schlagzeilen, als sie wenige Monate nach der Geburt Sohn Elija mit in den Nationalratssaal nahm. «Mit diesem Aufschrei hatte ich nicht gerechnet», sagt sie. Heute gibts ein Stillzimmer im Bundeshaus. «Dass Irène als höchste Schweizerin amtet, ist ein starkes Zeichen für alle jungen Väter und Mütter», sagt GLP-Nationalrätin und Zweifach-Mutter Corina Gredig, 34.

Irène Kälin, Nationalratspräsidentin 2021-2022 in ihrer Berner Wohnung

Den Mami-Tag will Kälin auch als höchste Schweizerin beibehalten. «Jedenfalls so gut es geht.»

Kurt Reichenbach

Smarties oder Schoggistückli? Das ist an diesem Nachmittag aber die grosse Frage. Es ist nämlich Mami-Tag. Mutter und Sohn stehen mit den gleichen Tiger-Socken nebeneinander in der Küche ihrer Berner Zweitwohnung und backen. «Smarties!» Elija hat einstimmig entschieden. Der bunte Kuchen schmeckt.

Zwischen Bauernhof und Bundeshaus

«Er ist ein wunderbarer Luusbueb», sagt die Mutter, während der Kleine mit seinem Postauto spielt. «Wenn wir zu Hause in Oberflachs sind, geht er gern zum Bauernhof. Hier in Bern spielen wir auf dem Gurten. Und ich kann ihn auch mal schnell mit ins Bundeshaus nehmen, wenn ich was erledigen muss.» Den Mami-Tag will sie auch als Nationalratspräsidentin beibehalten. «Jedenfalls so gut es geht.» Der Vater von Elija ist Werner De Schepper, 56, Journalist und Co-Chefredaktor der Schweizer Illustrierten. «Mein Partner reduziert im Präsidialjahr sein Pensum und ist dann nur an drei Tagen im Büro.»

Irène Kälin, Nationalratspräsidentin 2021-2022 mit Sohn Elija

Beim Backen probiert Elija gern den Teig – und natürlich auch den fertigen Kuchen.

Kurt Reichenbach

Kein Wunder, findet das Präsidialjahr der jungen Frau und Mutter unter dem Motto der Vereinbarkeit statt. «Da liegt die Schweiz im europaweiten Vergleich weit zurück.» Bei ihrer Antrittsrede am ersten Tag der Wintersession sagt die Nationalratspräsidentin denn auch: «Mein Sohn und das Amt sind seit Tag eins eng miteinander verbunden.» Am selben Samstagvormittag, als sie nämlich erfahren hatte, dass sie in den Nationalrat nachrücken werde, war ihr Schwangerschaftstest positiv.

Das Parlament tickt zu langsam

Irène Kälin spricht selber von Glück, dass ihr der Spagat zwischen Politik und Kind so gut gelinge. «Dank einem wunderbaren Umfeld, auf das ich zählen kann.» Aber sie würde es begrüssen, wenn das Parlament einmal pro Monat für eine Woche zusammenkommt statt viermal im Jahr für drei Wochen. «Das wäre einfacher zu vereinbaren mit dem Job oder mit der Kita.» Dass dies passiert, hält sie allerdings für unwahrscheinlich. «Dafür tickt das Parlament zu langsam.»

Von Silvana Degonda am 3. Dezember 2021 - 10:50 Uhr
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