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Seit langem wünscht sich die Zürcher Background-Sängerin Rita Roof ein eigenes Album. Der alleinerziehenden Mutter fehlte in den letzten Jahren aber die Energie dazu. Nun ist sie bereit für den grossen Schritt. Sina Albisetti
Sängerin Rita Roof

Sie lebt für ihren Sohn – und die Musik!

Ihre Stimme kennt die Schweiz seit Jahren. Jetzt tritt Background-Sängerin Rita Roof mit starken Songs selber in den Vordergrund. Bei den Texten macht sie Kompromisse – ihrem Sohn zuliebe.

Gedankenverloren sitzt Rita Roof in Zürichs hippem Industriequartier in der frühlingshaften Abendsonne. Das Limmatufer ist der Ort, an dem sie nachdenkt, das Leben Revue passieren lässt – und versucht, ihre Gedanken in gefühlvolle Songtexte zu packen. «Emotionen in Worte fassen und kurze Sätze bilden, die sich reimen, ist das Schwierigste», sagt die Musikerin. Sie hat mit 39 Jahren gerade ihr erstes Album herausgebracht: «Stimm i mir».

Eine Newcomerin ist die Zürcherin mit guatemaltekischen Wurzeln in der Schweizer Musikszene dennoch nicht. Eher eine, die den Schritt aus dem Hintergrund nach vorne wagt und sich damit auf der Bühne ins Rampenlicht stellt. Auf ihre Stimme setzen seit Jahren Schweizer Stars wie Lo & Leduc, Nemo, Steff la Cheffe. Und in Dodos Sommerhit «Hippie-Bus» kitzelt Ritas Stimme die Gehörgänge; sie gehört längst zu den gefragtesten Harmony- Sängerinnen der Schweiz.

Rita Roof, Saengerin, Zuerich, April 2021, SI 17/2021

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Geri Born
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Dass sie den Schritt als Solokünstlerin erst jetzt macht, dafür gibts mehr als einen Grund. Der erste ist ein Mann: 14 Jahre alt und heute 1,73 Meter gross – Ritas Sohn. Er überragt seine Mutter um elf Zentimeter. «Dass ich einen so liebevollen, intelligenten Buben habe, macht mich stolz.» Roof, die mit bürgerlichem Namen Nicole Tejada heisst, zieht ihn alleine gross. Verdient den Lebensunterhalt für sich und den Jungen mit Bürojobs, frönt nach Feierabend ihrer Leidenschaft: Singen. Der andere Grund für den späten Karrierestart hat mit Mut zu tun. Als junge Frau traute sie es sich nicht zu, im Rampenlicht zu stehen. Mit fast 40 sind letzte Selbstzweifel verflogen. Der Drang, eigene Songs zu singen, ist grösser und grösser geworden. «Am Ende bereust du nicht, was du getan hast, sondern, was du nicht getan hast.» Für Roof ist dieser Satz ihr Lebensmotto.

Als Gesangslehrerin hilft sie anderen, ihre Stimme zu finden

«Für mich ists das Sahnehäubchen, was jetzt kommt», freut sich die Sängerin. Ihr Album ist seit einem Jahr fertig, doch Corona machte auch ihren Plänen einen Strich durch die Rechnung. Dass das Leben stets Überraschungen parat hält, erlebte Roof oft. In Guatemala geboren, zieht sie früh mit den Eltern erst in die USA, landet elf Jahre später in der Schweiz, wo sie eine KV-Lehre absolviert. Sie spricht Englisch, Deutsch und Spanisch, beherrsche aber keine dieser Sprachen hundertprozentig. «Deshalb arbeite ich mit verschiedenen Leuten im Musikbusiness zusammen. Früher hatte ich an mich den Anspruch, alles selber zu machen.»

Musikalische Vorbilder hat sie keine. Sie bewundert die US-amerikanische Soul-Sängerin Erykah Badu, 50, «für ihre Stärke, Persönlichkeit und dafür, sich nicht in eine Form zwängen zu lassen». In der eigenen Familie habe Musik keine grosse Rolle gespielt. «Ich erinnere mich nur, dass mein Vater oft kitschigen Latino-Sound hörte.» Ritas Liebe zur Musik und zu ihrer Stimme habe Whitney Houston in den 1980er-Jahren entfacht.

Eine Liebe, die sie nie losgelassen hat. Und die Rita Roof heute weitergibt – als Gesangslehrerin. «Damit bezahle ich die Miete, und es ist ein wunderschöner Beruf. Ich helfe anderen Menschen, ihre Stimme zu finden und so mutig zu werden, diese Stimme auch ertönen zu lassen.»

Rita Roof, Saengerin, Basketball mit Sohn, Zuerich, April 2021, SI 17/2021

Stolze Mama: Ihren 14-jährigen Sohn zieht die Sängerin alleine gross.

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Musik ertönen lassen ist mit einem Buben im pubertären Alter eine Sache für sich. Rita Roof schmunzelt. Mit ihrem Sohn hat sie eine Vereinbarung getroffen. «Eine Stunde darf er laut Musik hören, danach habe ich eine Stunde für mich.» Aktuell ist beim Junior 90er-Hip-Hop angesagt. Etwas, was Rita Roof früher ebenfalls hörte. Ihn interessiert, was seine Mutter singt, und er sagt, wenn ihm etwas peinlich ist – wie beim Song «Bella Vita». In der ersten Fassung lautete eine Textzeile «Schlaf mit mir a de Limmat». «Geht gar nicht!», habe der Sohn gesagt, erzählt sie und lacht. Jetzt singt sie: «Verbring die Nacht mit mir a de Limmat.»

Von René Haenig am 01.05.2021
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