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Eine Fachperson erklärt

So kriegen wir abendliche Baby-Schreiattacken in den Griff

Ach du schöne Baby-Zeit! Kurz nach der Geburt denken wir schnell mal, wie gechillt doch so ein Leben mit einem Neugeborenen ist. Kein Wunder, schliesslich schläft der Nachwuchs rund 18 Stunden pro Tag. Nach ein paar Wochen aber kann es zum ersten Mal happig werden. Dann, wenn das kleine herzige Geschöpf vor allem abends unter Schreiattacken leidet.

Schreiendes Baby

Vor allem in den Abendstunden schreien Babys oft.

Getty Images

Die gute News vorweg: Es ist völlig normal, dass Säuglinge nach den ersten paar Lebenswochen vor allem in den Abendstunden oft und lange am Stück schreien. Auch können wir hier an dieser Stelle versprechen, dass es sich dabei nur um eine Phase handelt. 

Nichts desto trotz wissen wir aus eigener Erfahrung, wie streng die Zeiten sind, wenn sich das Baby gar nicht mehr beruhigen lässt, wir selber müde und erschöpft sind und die ganze Familie unter Schlafmangel und Stress leidet. Genau deswegen haben wir mit Susanna Fischer von schreibaby.ch gesprochen und nach Tipps gefragt.

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Liebe Frau Fischer, woher kommen die abendlichen Schreiattacken?
Auch Erwachsenen sind am Abend müde und in den Morgenstunden belastbarer, weniger gestresst und können mehr aufnehmen. Gegen Abend sind mehr Informationen da, die verarbeitet werden müssen. Bei einem Baby ist das genau gleich. Kinder kommen auf die Welt und können erst ganz wenig Reize aufnehmen und verarbeiten, schnell ist es zu viel. Dies ist der Grund dafür, dass sie in den ersten Wochen vor allem abends voll von Eindrücken über die Sinnesorgane sind. Sie haben tagsüber zu viel erlebt, sie haben zu viel gesehen und zu viel gehört, was sie überfordert und stresst. Es kommt zu einer totalen Überflutung mit Sinnesreizen. Ein Baby kann diese Situation nicht aushalten. Im Prinzip kann man sagen, ein Tag ist zu lang und zu voll an Eindrücken, die nicht verarbeitet werden können. Ein Säugling kann noch keinen ganzen Tag in einem guten Zustand sein. Er kann einfach nicht mehr und schreit genau deswegen los.

In welchem Alter sind die Phasen ganz typisch und wie lange dauern sie?
Die abendlichen Schreiattacken von Babys kennt man ab circa drei, vier Wochen. Das steigert sich dann und hört in den meisten Fällen nach zehn, elf oder 12 Wochen auf. Grundsätzlich kann man aber sagen, dass die meisten Säuglinge und Kleinkinder nach 16 Uhr müde, quengelig und weinerlich sind. Die Geduld ist zu Ende, sie sind müde und mögen nicht mehr. Genau dann steigern sich die Babys ins Schreien und lassen sich kaum mehr beruhigen.

Wie kann ich sowohl mit dem Baby als auch mir selber als Elternteil während des Schreianfalls umgehen?
Wenn das Baby schon mitten drin ist, überspannt und verkrampft ist, die Händchen zu Fäusten geballt und die Augen zu sind und das Kind nur noch untröstlich weint oder schreit, dann ist das Rotlicht überfahren. Man kann nur noch abwarten und helfen, in dem man selber ruhig bleibt, dem Kind Trost und Halt gibt. Wichtig ist, dass man selber nicht in so ein aktiviertes System hinein fällt. Das heisst, dass man selber nicht hektisch und nervös wird wie der Säugling selbst. Viele Eltern probieren tausend Sachen aus. Sie kommen ins Handeln und machen und tun und das ist aber genau das, was ein Säugling nicht braucht. Ein schreiendes Baby braucht Ruhe, Halt und jemanden, der emotional verfügbar ist. Das Ziel ist, dass sich die Ruhe der Bezugsperson auf das Baby überträgt und nicht umgekehrt.

Wichtig ist, dass sich Eltern selber kontrollieren. Sie sollen mit der Atmung arbeiten, sich selber beobachten, ruhig bleiben. Das Baby auf den Arm nehmen, ruhig umher laufen und die Haltung einnehmen, dass man einfach fürs Baby da ist und dass man es tröstet.

Beautiful young mother and her newborn baby.

Wenn das Kleine schreit ist es umso wichtig, dass man als Elternteil ruhig bleibt.

Getty Images

Und doch ist es in der Praxis schwierig, immer ruhig zu bleiben. 
Es ist absolut schwierig und belastbar für Eltern, wenn das Kind unter Schreiattacken leidet. Das ist wichtig zu erkennen und sich einzugestehen. Schliesslich sind Eltern auch müde und für sie neigt sich der Tag auch schon dem Ende zu. Man will eigentlich nur noch zusammensitzen und sich mit dem Partner austauschen, erzählen und hören, wie der Tag des anderen war. Meistens aber ist ein Gespräch gar nicht mehr möglich, weil jemand mit dem schreienden Baby rumläuft, während der andere kocht. Oft isst man dann sogar alleine nacheinander zu Abend. Eltern von Säuglingen brauchen Grosseltern, andere Familienmitglieder und Freunde, die mithelfen und unterstützen. Wichtig ist aber auch, dass das Elternpaar viel miteinander redet und einander fragt 'wie geht es dir?'. Wichtig ist auch, dass man sagt, wenn man nicht mehr kann und eine Ablösung braucht. Ganz elementar finde ich auch Pausen vom Baby, von der Familie, vom Stress. Es ist notwendig, dass man sich auch mit Sachen ausserhalb der Familie beschäftigt. Nur so kann man wieder Energie tanken. 

Kann man vorbeugend etwas gegen abendliche Schreistunden machen?
Ja, absolut! Ganz wichtig ist, dass ein Säugling tagsüber Pausen hat. Ruhe, Rhytmus und Regelmässigkeit sind Grundvoraussetzungen, dass ein Säugling nicht in die abendlichen Schreiattacken fällt. Da hilft es, das Baby zum Beispiel in ein Nest aus einem Stillkissen zu legen, den Nuggi und ein Kuscheltuch zu geben und es in seiner Selbstregulierung zu unterstützen. Wenn das Babay gemittet ist und Halt erfährt, kann es sich wieder entspannen und in einen ruhigen Zustand kommen.

Darf man das schreiende Kind auch mal den Grosseltern geben, weil man selber so fix und fertig ist?
Auf jeden Fall sollen sich Eltern Hilfe von den Grosseltern, der restlichen Familie und Freunden holen. Ein Säugling kann sich noch gar nicht an die Eltern erinnern, wenn die nicht da sind ( Personenpermanenz). Er braucht verlässliche Menschen, die feinfühlig sind und seine Signale wahrnehmen und promot darauf reagieren. Man hat in Studien gesehen, dass erschöpfte Eltern nicht die gleiche Feinfühligkeit haben, die Bedürfnisse des Säuglings richtig wahr zu nehmen. Darum ist es umso wichtiger, dass man sich Hilfe von eben zum Beispiel Grosseltern holt.

«Kommunikation ist das A und O»

Hat jedes Kind die Phase des abendlichen Schreiens?
Rund 80 Prozent aller Babys durchleben die Phase der abendlichen Schreiattacken. Der Unterschied liegt in der Stärke. Die einen haben es viel stärker, andere viel weniger. Kinder kommen bereits ganz verschieden ausgerüstet zur Welt. Sie sind ganz unterschiedlich in der Fähigkeit, sich selber zu regulieren. Wir halten also fest: Die meisten Säuglinge sind gegen Abend müde und überreizt und da ihre Fähigkeiten sich und ihr Verhalten zu regulieren noch begrenzt ist, schreien sie drauflos. 

Auch für die Partnerschaft sind Schreiphasen belastend. Was raten Sie Eltern?
Kommunikation ist das A und O. Man soll sich viel und oft austauschen und sich nicht all zu viel aufhalsen. Es ist völlig okay für eine Weile abends keine Gäste zum Nachtessen einzuladen. Alles, was zusätzlichen Stress bedeutet, soll man mit besten Gewissen nicht machen. Stattdessen soll man sich alles, das hilfreich und entlastend ist, nach Hause holen. Zum Beispiel eben die Unterstützung von Grosseltern.

Susanna Fischer

Susanna Fischer von der Schreibabybertaung Zürich beantwortet für SI die drängendsten Fragen rund um abendliche Schreistunden.

ZVG
Von Maja Zivadinovic am 17. Dezember 2021 - 17:23 Uhr
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