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Serie zum Mutterschaftsurlaub

Zwillinge verlangen eine doppelte Elternzeit

Die fehlende Elternzeit in der Schweiz trifft Mehrlingseltern besonders hart. Der Erfahrungsbericht einer Zwillingsmama zeigt: Ohne Partner und Erspartes wärs schwierig geworden im Mutterschaftsurlaub.

Zwillinge neugeboren

Zwillingseltern erleben eine doppelte Belastung - das Gesetz sieht für sie in der ersten Zeit nach der Geburt jedoch keine zusätzliche Entlastung vor.

plainpicture/Cavan Images/Christopher Kimmel

Das Gesetz kennt kein Erbarmen, auch berufstätige Zwillingseltern müssen mit 14 Wochen Mutterschaftsurlaub für werdende Mamas und gar keiner Regelung für werdende Papas klar kommen. Dabei täte etwas mehr Zeit Eltern sowie Kindern gut, wie der Erfahrungsbericht von Nina Siegrist zeigt.

Die stellvertretende Chefredaktorin der Schweizer Illustrierten und ihr Mann haben auf ihr Erspartes zurückgegriffen, um in den ersten Lebensmonaten voll für ihre Zwillingstöchter da zu sein. Schliesslich geht es nach der Geburt nicht nur um körperliche Erholung, sondern auch darum, eine Bindung zu schaffen und einen Familienalltag zu entwickeln.

Nina Siegrist Editorial Bild

Nina Siegrist, stellvertretende Chefredaktorin der Schweizer Illustrierten und Mama von zweijährigen Zwillingsmädchen.

Paul Seewer

So erlebte Nina Siegrist ihren Mutterschaftsurlaub mit Zwillingen

Als mein Mann Christian und ich beim ersten Ultraschall von der Frauenärztin erfuhren, dass wir – wenn alles gut läuft – gleich zwei Kinder auf einmal bekommen, war das Chaos perfekt. Bei einem Kaffee liessen wir die Zwillings-News sacken. Und machten einen Plan: Wir vermieten unsere Wohnungen in Zürich unter. Und nehmen uns eine 6-monatige Auszeit in unserer kleinen Zweitbleibe in Davos.

Christian hatte beruflich sowieso gerade ein Projekt abgeschlossen, ich konnte meinen normalen Mutterschaftsurlaub verlängern. Und das Ersparte reichte fürs «Überbrücken». Rückblickend war das vermutlich eine der besten Entscheidungen, die ich je getroffen habe.

Gemeinsam entwickelten wir einen Alltag mit den Kleinen, lösten uns beim Nachtdienst ab wie bei einem Krankenhaus Rapport (Getrunkene Milliliter der jeweiligen Tochter? Ausscheidungen? Andere Befindlichkeiten?), gingen mit je einem Baby im Tragetuch spazieren, einigten uns – zum Teil mit langen Diskussionen - auf Schlaf- und Essensrituale.

«Nach zwei Monaten rund um die Uhr zusammen fiel uns Eltern etwas die Decke auf den Kopf.»

Nina Siegrist

Die erste Zeit war unglaublich intensiv. Nach zwei Monaten rund um die Uhr zusammen fiel uns Eltern etwas die Decke auf den Kopf. Wir beschlossen, ein Abenteuer zu wagen, montierten eine Dachbox auf unser leider vor den Zwillings-News gekauftes Auto und fuhren mit unseren Töchtern los in Richtung Norden. Wir übernachteten spontan in Hotels, verbrachten zwei Wochen in einem Hüttchen direkt an der Ostsee, erkundeten samt Babys die Dünen und Leuchttürme Nordfriesischer Inseln.

Unsere Töchter lernten durchzuschlafen und wir alle kamen ein paar Wochen später so entspannt nach Hause, dass wir beschlossen, noch ein bisschen weiterzureisen: Wir machten uns eine «Bucket-List» mit Schweizer Orten, die wir schon immer mal besuchen wollten. Und machten fortan – trotz gigantischem logistischem Aufwand (Fläschchen, Milchpulver, Thermoskannen, Windeln, Snacks, Ersatzkleider...) fleissig Tagesausflüge.

«Dass ein Vater in der Schweiz nach der Geburt seines Kindes kaum frei bekommt, finde ich skandalös.»

Nina Siegrist

Heute profitieren wir enorm davon, dass wir unser neues Leben zu viert gemeinsam «einrichten» konnten und von den Kindern beide als Tröster, Wickler, Schöppeler oder Vorleser akzeptiert werden. Dass ein Vater in der Schweiz nach der Geburt seines Kindes kaum frei bekommt, einen oder (oh, wie grosszügig!) drei Tage vielleicht, finde ich skandalös. Im Sinne aller Mütter, Väter und Kinder brauchen wir zwingend neue Modelle, die einen gleichberechtigten Familienstart - wie wir ihn hatten - möglich machen.

So schlecht ist es um den Vaterschaftsurlaub in der Schweiz bestellt

Während der Mutterschaftsurlaub für Erwerbstätige im Gesetz verankert ist, haben werdende Papas keinen Anspruch auf einen Vaterschaftsurlaub. Zwar gewähren immer mehr Arbeitgeber ein paar freie Tage, wenn diese eingefordert werden, jedoch gibt es dazu keine gesetzliche Grundlage.

Volvo Schweiz hat diesbezüglich als Arbeitgeber einen Entscheid mit Signalwirkung gefällt: Angestellte haben dort neu Anspruch auf einen Elternurlaub von sechs Monaten, zu beziehen von beiden Elternteilen innerhalb der ersten drei Lebensjahre des Kindes, oder drei Jahre nach Adoption.

Weitere Erfahrungsberichte zum Mutterschaftsurlaub

Mütter aus der SI-Family-Redaktion erzählen, wie sie den Mutterschaftsurlaub wahrgenommen haben. Familienbloggerin Sandra Casalini erinnert sich an eine Zeit, in der sich «ultimativer Stress mit ultimativer Langeweile» paarte. Family-Redaktorin Edita Dizdar weiss nicht, wie sie die ersten Wochen nach der Geburt überstanden hätte, wenn ihr Partner in dieser Zeit keine Ferien bezogen hätte.

Morgen geht die Serie weiter mit dem Erfahrungsbericht von SI-Journalistin Aurelia Forrer, deren Mutterschaftsurlaub ungewöhnliche Herausforderungen mit sich brachte.

Von Nina Siegrist und Sylvie Kempa am 21. Mai 2019