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Sexologin Maggie Tapert über Liebe in Zeiten von Corona

«Ich kann Sex per Videochat nur jedem empfehlen»

Sie gehört zu den berühmtesten Sexologinnen des Landes und spricht gern offen über ihr Sexualleben. Doch wie wir alle, harrt auch Maggie Tapert alleine in Quarantäne aus. Wir haben die Amerikanerin gefragt, wie es ihr während der Corona-Pandemie ergeht und was sie Paaren in Sachen Liebe und Sex während des Lockdown rät.

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Maggie Tapert ist Sexologin und Pionierin, wenn es um die weibliche Lust geht.

Thomas Buchwalder

Maggie Tapert, Sie sind in der sogenannten Corona-Risikogruppe. Wie schützen Sie sich?
Ja, ich bin 70 Jahre alt und somit definitiv in der Risikogruppe. Ich bleibe zu Hause, wie es empfohlen wird. Seit vier Wochen lebe ich in Selbstisolation. Wenn ich Lebensmittel einkaufen muss, dann trage ich Handschuhe und eine Atemschutzmaske.

Wie verbringen sie Ihre Tage in der Isolation?
Meine Hauptbeschäftigung in dieser Zeit ist das Schreiben. Ich bin Essayistin. Ausserdem ist mir das Lesen und der Kontakt zu meinen Freunden per Textmessage oder Telefon sehr wichtig. Ich kümmere mich auch sehr gern um meinen Garten und schaue Filme auf Netflix. Ach ja, Schlafen ist auch sehr wichtig geworden.

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Sprechen wir über Social Distancing: Was hat das mit Ihrem Liebesleben gemacht?
Social Distancing macht aus dem Liebesleben eines jeden eine riesige Herausforderung. Ich habe meinen Liebhaber weder gesehen, noch berührt – seit der ersten Woche im März. Wir schreiben und telefonieren regelmässig und haben erst kürzlich Sex per Videochat genossen. Das ist wirklich heiss! Das kann ich jedem empfehlen. Ich weiss, dass unsere Trennung nur temporär ist und ich bin Profi im Alleinleben. Ich geniesse die Einsamkeit.

Was ist Ihre Empfehlung für Paare in einer Fernbeziehung, die sich jetzt nicht treffen können?
Ich rate diesen Paaren, alles zu probieren, um emotional verbunden zu bleiben. Dies ist die richtige Zeit, um sich intensiver denn je mitzuteilen. Den anderen zu begehren und zu vermissen kann eine wunderbare und kreative Erfahrung sein, wenn man diese schätzen lernt. Aber es ist wichtig, über Bedürfnisse, Lust sowie Fantasien offen zu sprechen und die Gefühle zu teilen, die unweigerlich auftauchen, wenn man räumlich getrennt ist.

Die Corona-Krise bringt für Paare auch Streitpotential mit sich. Wie können sie damit umgehen?
Es ist wirklich eine herausfordernde Zeit für Partnerschaften. Ein so intensives Zusammenleben kann schwierig sein. Ich empfehle allen Paaren, die aktuell viel zusammen sind, sich eine bestimmte Zeit zu reservieren für eine sanfte, liebevolle Unterhaltung. Die Fähigkeit, dem anderen zuzuhören ist im Moment wichtiger denn je.

Obwohl Paare viel Zeit miteinander verbringen, kann in schwierigen Situationen das Sexleben leiden. Die Kinder sind immer zu Hause, es gibt vielleicht Geldsorgen, keine guten Voraussetzungen für aufregende Nächte.
Wenn Paare ihr Liebesleben aktiv halten wollen, müssen sie kommunizieren und Zeit freimachen für regelmässige Sex-Dates. Bringen Sie die Kinder ins Bett, stellen Sie ihr Smartphone und alle Bildschirme aus, gehen Sie duschen, zünden Sie Kerzen an, trinken Sie gemeinsam ein Glas Wein. Erinnern Sie sich gemeinsam daran, warum Sie sich ursprünglich füreinander entschieden haben. Egal, wie herausfordernd die Zeiten sind, vergessen Sie nicht, das Feuer am Leben zu erhalten. Wenn Sie ein Date abmachen, dann halten Sie sich auch daran! Es wird sich auszahlen für Sie!

Welche Vorteile hat ein aktive Sexleben in schweren Zeiten wie diesen?
Sex hilft dabei, dass wir uns wieder mit unserem Selbst verbinden. Um wirklich guten Sex zu haben, müssen wir unsere Gedanken beruhigen und die Störfaktoren des Alltags zur Seite legen. Authentisches, bewusstes Liebemachen hilft uns, zu den ursprünglichen Qualitäten unserer Menschlichkeit zurückzukehren. All das «Zeug» verschwindet in diesen flüchtigen Momenten, in denen wir mit dem Menschen, den wir lieben, verbunden sind. Guter Sex hilft uns, und zu erinnern worum es im Leben wirklich geht.

Die international bekannte Sexologin Maggie Tapert leitet seit mehr als zwanzig Jahren ihre einzigartigen Kurse und Workshops. Ihre Pionierarbeit auf dem Gebiet der weiblichen Sexualität basiert auf dem Fokus, den sie auf die individuelle Lust und das Verlangen der Frau richtet. Die mittlerweile 70-jährige Maggie Tapert wurde in den USA geboren, verbrachte aber den Großteil ihres Erwachsenenlebens in der Schweiz. Sie ist Mutter, Großmutter und betreibt eine private Praxis für Coaching und Mentoring in Zürich. Ihre Autobiografie «PLEASURE Bekenntnisse einer sexuellen Frau» ist in einer Neuauflage beim Tredition Verlag erhältlich. Weitere Informationen: www.maggietapert.com

Von Berit-Silja Gründlers und Maja Zivadinovic am 14.04.2020
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