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Golden Eye Award für Iris Berben

«Ein selbstbestimmtes Leben war mir immer am wichtigsten»

Das 16. Zurich Film Festival ehrt Iris Berben noch vor der offiziellen Eröffnung mit dem «Golden Eye»-Award. Die Grande Dame des deutschen Films reiste dafür persönlich nach Zürich und verriet, dass sie sich eigentlich nicht als gutes Vorbild sieht.

German actress Iris Berben with the Golden Eye Award from the Zurich Film Festival during a press conference in Zurich, Switzerland, September 10, 2020. The festival will run from September 24 to October 4. 2020.(KEYSTONE/Walter Bieri)

Iris Berben hat das Zurich Film Festival schon mehrmals beehrt, amtete einst als Jurypräsidentin. Nun ehrt das Festival die deutsche Schauspielerin mit dem «Golden Eye»-Award.

keystone-sda.ch

Iris Berben, Sie haben viele Auszeichnungen erhalten inklusive dem Bundesverdienstkreuzes. Mit dem «Golden Eye»-Award erhalten Sie für einmal einen Preis aus der Schweiz. Wie ist das für Sie?
Ich bin sehr verbunden mit der Schweiz, abgesehen davon, dass ich viele, viele, viele Ski-Urlaube in St. Moritz hatte. Ich hatte tolle, auch politische Lesungen hier. Ihr konntet mir diese politische Bühne geben. Ihr habt das tolle Zurich Film Festival und ihr habt den Diogenes-Verlag, für mich als absoluter Lesemensch einer der Tollsten überhaupt. Es bedeutet mir wirklich viel. So klein die Schweiz ist, so vielfältig ist sie. Es gibt unendlich unterschiedliche Ecken, ich habe gute Freunde hier, esse gerne hier und liebe eure Weine. Nur bei der Schokolade bin ich nicht so weit vorne, die kriegt dann mein Lebensgefährte.

Wie ist es nach der ganzen Isolation der vergangenen Monate wieder unter so vielen Leute zu sein?
Es tut gut! Es ist ja für uns alle schwer. Und es gibt viele, für die es sehr viel schwerer ist, das weiss ich. Aber es ist gut, dass wir unserer Branche Aufmerksamkeit geben können. Kultur ist Emotionen, ist der Austausch mit Menschen, ist Nähe von Menschen, deshalb tut es gut. Und deshalb kann ich Herr Jungen und das Zurich Film Festival nicht genug loben, dass sie dieses Festival machen. Es ist wichtig, dass diese Signale nach Aussen gesendet werden.

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Sie haben den Award ausserhalb des Festivals erhalten, da Sie bald in Griechenland drehen. Wie ist es wieder auf dem Set zu sein?
Und ich komme gerade von sechs Wochen Dreharbeiten. Wir merken, dass es geht, dass es ist möglich. Wir müssen uns nur an gewisse Dinge halten. Auf dem Set herrscht dieser Geist, dass wir drehen wollen, aber dabei niemanden und auch die Produktion nicht gefährden möchten. Das ist ein schöner Solidaritätsgedanke. Die Disziplin war enorm.

ZFF 2020 Zurich Film Festival Iris Berben erhält Golden Eye Award

Iris Berben mit Christian Jungen, dem künstlerischen Leiter des ZFF, und Elke Mayer, Geschäftsführerin Spoundation Motion Picture.

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Artistic Director Christian Jungen hat eine Laudatio auf Sie gehalten. Wie ist es, Superlative über sich zu hören?
Das habe ich heute und auch während meines 70. Geburtstags in diesem Jahr sehr stark gespürt: das muss ich differenzieren können. Wenn das mein Massstab wird, dann lähmt es mich. Ich stelle Figuren dar, weile ich die Menschen kenne, mich unter ihnen aufhalte und mich nicht von ihnen distanziere und ein anderes Leben führe. Ich sage immer: «Die Messlatte von aussen, die an dich herangehalten wird oder die Beschreibung von aussen – mach sie nicht zu deiner eigenen!» Aber klar, Schmeicheleien und schöne Worte tun gut und ich bin nicht dagegen gefeilt, natürlich nicht. Aber letzten Endes musst du für dich einen Massstab haben, wer du sein willst, wie du sein willst und auf welchem Weg du sein willst. Ich wundere mich eh über den Preis. Ich bin nicht gerade als ein gutes Vorbild geeignet.

Weswegen?
Naja, ich könnte viele Beispiele anbringen. Mein Leben ist weissgott nicht so gerade gelaufen.

Aber Sie hatten schon früh sich dazu entschieden, eine Frau zu sein, die sich auflehnt, sich äussert ...
... selbstbestimmend ist.

Woher kam das?
Das ist sicher auch der Zeit geschuldet, in der ich gross geworden bin. Die 50er und 60er … der Mief dieses Nachkriegsendes, als würde man nahtlos weiter machen – Hauptsache es geht wieder aufwärts. Und plötzlich ist da eine Jugend entstanden, die sagte: «Nee so nicht mehr! Wir müssen hinterfragen, wir müssen nachhaken, wir wollen wissen und wir wollen es anders machen.» Diese Hippie-Bewegung war ein Geschenk. Es war ein Geschenk in einer solchen Zeit gross zu werden. Und die Politisierung, die ich dadurch erhalten habe, war für mich ein Geschenk und hat mir eine Haltung beigebracht. Mit 18 Jahren habe ich diese nicht unbedingt einordnen können, aber sie hat mich geprägt. Und ich hatte eine Mutter, die ein sehr selbstbestimmtes Leben geführt hat. Das war mir immer das Wichtigste, dass ich selbstbestimmend Leben kann. Und ich finde, das ist die grösste Freiheit, die es gibt.

Sie schrieben das Buch «Frauen bewegen die Welt». Christian Jungen hat in den verschiedenen ZFF-Sektionen den Frauenanteil erwähnt.
Ja, müssen wir leider immer noch.

In gewissen Reihen beträgt dieser über die Hälfte. Haben Sie das auch so wahr genommen, dass es immer mehr weibliche Filmschaffende gibt?
Selbstverständlich ist eine Entwicklung vorhanden. Ich war aber ein harter Gegner einer Quote, weil ich mir dachte: Bitte, dass hatten wir doch schon einmal erledigt. Und jemand wie ich, der das schon einmal eingefordert hat, möchte das zwanzig oder dreissig Jahre später nicht noch einmal. Aber es ist in der Tat so, dass die Mechanismen so eingefahren sind, dass wir den Druck doch brauchen. Es verändert sich zwar vieles und mit den vielen Männern, mit denen ich arbeite, ist es ein Arbeiten auf Augenhöhe. Und jene, die es noch immer nicht kapiert haben, werden irgendwann am Pranger stehen. Aber wir Frauen dürfen einfach nicht nachlassen. Denn wir haben noch immer nicht die gleiche Bezahlung, noch immer nicht die Möglichkeit, Kinder, Familienleben und Beruf unter einen Hut zu bringen. Es hakt an ganz vielen Dingen. Aber ich mag das Gefühl nicht, dass wir neue Opfer sind. Nein, sind wir nicht. Wir müssen einfach weiter ankämpfen. Und der Weg ist mühsam.

Von Aurelia Robles am 10.09.2020
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